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KonflikteEuropa

Ukraine: Moderne Kriegsführung in der "Todeszone"

12. März 2026

Ob Drohnen, Aufklärungssonden oder Bodenroboter: High-Tech-Systeme spielen im Verteidigungskampf der Ukraine eine immer wichtigere Rolle. Wie genau das funktioniert, konnte die DW in der Region Charkiw beobachten.

Ein Soldat der Nationalgarde bedient einen bodengestützten Roboterkomplex
Zeichen lesen per Fernsteuerung: Drohnen, Roboter und Sensoren haben den Alltag an der Front radikal verändertBild: Viacheslav Madiievskyi/Ukrinform/abaca/picture alliance

Meterhoch steht der Mais auf den Feldern, abgeerntet wurde er schon lange nicht mehr. Die Dörfer sind zerstört und menschenleer. An den Straßenrändern stehen ausgebrannte Autowracks. Kampfhandlungen sind nicht zu erkennen - die Gegend in der Region Charkiw nahe der Grenze zu Russland wirkt geradezu gespenstisch.

Diese Bilder von Aufklärungsdrohnen und stationären Videokameras werden permanent auf die Monitore eines ukrainischen Kommandopostens übertragen. Hier überwacht die Brigade "Chartija" der Nationalgarde die Region. Ihr Posten befindet sich einige Kilometer von der Frontlinie entfernt, im Keller eines verlassenen Gebäudes nördlich von Charkiw.

"Zeichen lesen vom Himmel aus"

Der Kommandeur des Bataillons hört auf den Rufnamen "Donner"; die Monitore lässt er keine Sekunde aus den Augen. Das Wetter ist klar, der Himmel wolkenlos, die Aufklärung muss besonders wachsam sein. "Wenn der Feind in die Nähe unserer Stellungen vordringt, dann haben wir irgendwo etwas versäumt", sagt "Donner" gegenüber der DW.

Klassische Unterstände und Schützengräben böten in diesem Krieg keinen Schutz mehr, erklärt er, deshalb "gräbt sich die gesamte Infanterie - die ukrainische wie die feindliche - in unterirdischen Tunneln ein, um für Angriffsdrohnen unerreichbar zu sein".

"Wer die besten Unterschlüpfe hat, dominiert": Brigadechef "Donner" im Kommandopunkt nahe CharkiwBild: DW

Die Spuren des Feindes zu finden, sagt "Donner", bedeutet buchstäblich, "vom Himmel aus Zeichen auf dem Boden zu lesen": neuer Müll auf den Straßen verlassener Dörfer, frisch aufgewühlte Erde in Gärten, ein kleiner Holzhaufen mitten im Hof. Das sind eindeutige Hinweise.

Pilot Oleksij lenkt eine Drohne in Richtung eines der Häuser und entdeckt etwas Verdächtiges in der Nähe eines Brunnens. "Sieht aus wie Tierspuren, aber theoretisch könnte auch jemand Wasser geholt haben. Das müssen wir später überprüfen", sagt er. Dann checkt er die nahegelegene Straße; dort hatte die Aufklärung kurz zuvor ein Zivilfahrzeug beobachtet, das einige Minuten nahe einer kleinen Baumgruppe angehalten hatte.

Ein geparktes Zivilfahrzeug lenkt die Aufmerksamkeit ukrainischer Militärs auf sichBild: DW

"Der Feind liefert seiner Infanterie ständig verschiedene Güter", erläutert Oleksij gegenüber der DW. Sobald seine Brigade einen russischen Unterschlupf entdecke, würden Kampfdrohnen dorthin geschickt. "Russland macht dasselbe", erklärt "Donner". "Wer die besten Unterschlüpfe und die Oberhand bei den Drohnen hat, dominiert."

Nachschub per Bodenroboter

Die eigenen unterirdischen Unterschlupfe sollten so lange wie möglich unentdeckt bleiben. Daher führen die ukrainischen Streitkräfte die Versorgung mit Proviant und Kampfausrüstung, die Minenräumung und die Evakuierung Verwundeter immer seltener mit Autos, sondern zunehmend mit unbemannten Bodenfahrzeugen durch. Verschiedene solcher Robotersysteme können zwischen 200 und 700 Kilogramm Fracht transportieren.

Der Feind "jage" die ukrainischen Bodenroboter aktiv, erklärt ein anderer Brigadekommandeur mit dem Rufnamen "Scrooge" gegenüber der DW. Seine Brigade schicke jede Nacht solche unbemannten, mit Nachschub beladenen Plattformen zu den eigenen Stellungen. Unsere DW-Reporterin trifft ihn um Punkt Mitternacht mitten in der Steppe, am Rande eines Dorfes am Frontabschnitt Kupjansk im Gebiet Charkiw.

"Hauptsache, es sterben keine Menschen": Brigadekommandeur "Scrooge" im nächtlichen EinsatzBild: DW

Dort werden Quadrocopter, Kampfausrüstung, Proviant und Treibstoff eilig auf die verschiedenen Plattformen verladen. Alles muss besonders schnell gehen, denn in nur fünf Kilometern Entfernung wurden kreisende feindliche Kampfdrohnen gesichtet.

Ein Traum wird zerstört

Als Erstes wird ein Bodenroboter mit dem Rufnamen "Traum" losgeschickt. Laut Plan soll die Fracht innerhalb von zwei Stunden ankommen. Ein Pilot steuert die Plattform aus 40 Kilometern Entfernung. Begleitet wird die "Traum" von einer Aufklärungsdrohne, diese wird von einem weiteren, etwa 20 Kilometer entfernten Kontrollposten aus gesteuert.

Auf halber Strecke muss die "Traum" plötzlich stoppen, weil eine feindliche Kampfdrohne auftaucht. Etwa eine Stunde später wird die Plattform angegriffen. Im Kontrollpunkt der Kompanie ist zu sehen, wie die Ladung Feuer fängt.

"Erfahrene Kämpferin": Die Roboterplattform "Traum" wird für ihren Einsatz beladenBild: Olexandra Indiukhova/DW

Respektvoll erzählt "Scrooge", die "Traum" sei eine "erfahrene Kämpferin", sie habe zwei "Verwundungen" erlitten, Mechaniker würden sie wohl wieder "heilen" können. Die anderen Lieferungen seien erfolgreich verlaufen, daher sei der Verlust der "Traum" nicht so schlimm: "Es ist nur eine Maschine", sagt "Scrooge". "Hauptsache, es sterben keine Menschen."

Roboter und Drohnen statt Infanterie

Der Kommandant ist überzeugt, dass die Entwicklung ukrainischer Bodenroboter schneller voranschreitet als die des Gegners. Er zeigt der DW-Reporterin eine einsatzbereite Kampfplattform in der Werkstatt seines Unternehmens; darauf montiert ein großkalibriges US-amerikanisches Browning-Maschinengewehr. Es sei in der Lage, sowohl feindliche Truppen als auch Ausrüstung zu zerstören, so "Scrooge". Die Plattform könne über einen langen Zeitraum mit Batterien im Bereitschaftsmodus gehalten werden.

"Wenn ein Roboter mit einem Maschinengewehr den Feind aus einer Entfernung von anderthalb Kilometern angreifen kann, ist das für die Attackierten allein schon psychisch schwierig", erklärt der Mechaniker der Kompanie mit dem Namen Jurij.

"Alle Operationen wären schon jetzt von überall auf der Welt aus möglich": Kontrollraum der Aufklärungsbrigade "Chartija" nahe CharkiwBild: DW

"Scrooge" ist Berufssoldat und stammt aus einer Militärfamilie. Wenn man ihn fragt, dann sei es lediglich eine Frage der Zeit, bis "anstelle von Infanterie nur noch Technik - Roboter und Drohnen - auf dem Schlachtfeld stehen werden. Die Leute werden 100 Kilometer entfernt sitzen und sie steuern", erklärt er unserer DW-Reporterin. Und fügt hinzu: "Alle Operationen, die Sie in dieser Nacht hier gesehen haben, könnten schon jetzt von überall auf der Welt aus gesteuert werden".

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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