Als Frontsoldat in der Ukraine: "Warum wir zu wenige sind"
22. Februar 2026
Ehrlich gesagt verstehe ich bis heute nicht, warum dieser Krieg begonnen hat, warum er weitergeht und wie er enden könnte - wann und zu welchem Preis. Ich habe mich nicht für den Krieg entschieden, und niemand hat mich dorthin geschickt. Für mich ist Krieg etwas Archaisches, eine Rückkehr zur Logik der rohen Gewalt in einer Zeit, in der die Menschheit ansonsten darüber spricht, den Mars zu kolonisieren.
Als der Krieg meine Heimat erreichte, stand ich, ein Mann, der noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hatte, vor der Wahl, Zuschauer zu bleiben oder an der Verteidigung meines Landes mitzuwirken. Meine Entscheidung, mich der Armee anzuschließen, hat weniger mit Pflichtgefühl zu tun als vielmehr mit der Möglichkeit, Subjekt und nicht Objekt der Geschichte zu sein. Es ging um das Recht, kein bloßes Opfer der Umstände zu werden.
Wie sich der Krieg für die Soldaten verändert hat
Mit der Zeit verlor der Krieg das Abstrakte für mich, und er wurde zutiefst persönlich. Er ist bereits zur Routine geworden, zu einem Teil meines Alltags. Ich bemerke keine tiefgreifenden psychologischen Veränderungen an mir - vielleicht, weil sie bereits stattgefunden haben und einfach zur Gewohnheit geworden sind. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, anders zu leben.
Mein Schmerz gilt den Freunden, die nicht mehr zurückkommen, und den zerstörten Orten meiner Vergangenheit. Ich sehe, was in den Städten an der Front geschieht. Besonders besorgt bin ich aber, wenn Kyjiw angegriffen wird. Nach jedem Beschuss schreibe ich meinen Lieben: "Wie geht es euch? Habt ihr Strom? Ist es kalt zu Hause?"
Warum hat die Ukraine Personalmangel?
Es sind nicht nur die Kämpfe selbst, die Menschen zerstören. Trotz aller Diskussionen über die Technisierung der modernen Kriegsführung gibt es innerhalb der Armee nach wie vor Probleme, die sich über die Jahre hinweg angehäuft haben. Und heute beginnen sie, Menschen an der Front schneller zu brechen als der Feind.
Die massenhaften Fälle von Desertion in der Armee kamen nicht auf, weil die Soldaten plötzlich zu Feiglingen wurden oder aufhörten, Patrioten zu sein. Der Grund ist, dass die Leute in den Einheiten an der Front einfach am Ende ihrer Kräfte angelangt sind - physisch und psychisch.
Das Szenario ist immer dasselbe. Die Einheit wird nicht zur Erholung abgezogen. Die Zeit in den Stellungen verlängert sich bis ins Unmenschliche. Die Verstärkung trifft entweder nicht ein oder sie ist nicht auf das vorbereitet, was sie erwartet. Nachdem ich im Winter 2023 verwundet und evakuiert worden war, blieben von meinem Zug, der ursprünglich aus 30 Mann bestand, nur noch fünf Kameraden in den Stellungen zurück. Die übrigen waren zu diesem Zeitpunkt bereits verwundet oder gefallen.
Danach folgen Entscheidungen im Stile von "Feuerlösch-Taktiken". Fahrer, Köche, Mörser- oder Flak-Schützen und Soldaten aus Versorgungseinheiten werden zur Infanterie versetzt, und man erwartet von ihnen, dass sie - ohne entsprechende Erfahrung - die Frontlinien halten. Stattdessen werden auch sie verwundet, getötet oder sie desertieren - und genau das, was den Mangel an Infanteristen eigentlich beheben sollte, verschärft ihn nur noch.
Warum sind so viele Soldaten überlastet?
Die Belastbarkeit eines Menschen hat Grenzen. Wenn die Rotationen regelmäßig stattfinden würden, die Menschen an ihren Posten häufiger ausgewechselt würden und die Dienstbedingungen zumindest etwas humaner wären, würden wir an der Front nicht die Situation sehen, die sich derzeit ergeben hat. Wir verlangen oft von Soldaten, dass sie Helden sind, vergessen aber, ihnen die Möglichkeit zu geben, manchmal einfach nur Soldaten zu sein - ausgebildet, mit allem Notwendigen versorgt und zumindest ein wenig ausgeruht.
Der weitverbreitete Einsatz von Drohnen hat Rotationen an der Frontlinie von Grund auf erheblich erschwert. Der Vorstoß zu den vordersten Stellungen und der Rückzug aus ihnen durch die "Todeszone", die sich heute kilometerweit hinter der Frontlinie erstreckt, muss als separate Spezialoperation mit detaillierter Routenplanung, Verfolgung feindlicher Drohnen und Koordination mit den Einheiten der elektronischen Kampfführung ausgearbeitet werden. Bei günstigen Wetterbedingungen sind Rotationen jedoch möglich - und lebenswichtig.
Denn wenn ein Infanterist durchschnittlich 60 Tage an seiner Position verbringt (laut Medienberichten liegt der aktuelle Rekord für den Aufenthalt an der Frontlinie derzeit bei 472 Tagen - also mehr als ein Jahr und drei Monate!), lässt sich kaum von einer effektiven Erfüllung der Aufgaben sprechen. Der dort herrschende Kampf-Stress ist so enorm, dass er einen Menschen innerlich auffrisst.
Ungleiche Last des Krieges
Ja, der Krieg ist tatsächlich zu einem geworden, der auf eine viel größere Entfernung geführt wird. Drohnen übernehmen heute weitgehend die Aufgaben der Bekämpfung des Feindes und der ständigen Überwachung des Schlachtfelds. Das ist ein großer technologischer Fortschritt.
Es gibt Drohnen-Einheiten, die eng mit der Infanterie zusammenarbeiten. Letztendlich läuft jedoch alles darauf hinaus, dass die Verteidigungslinie nicht durch Technologie, Berichte oder Statistiken über Verluste gehalten wird. Sie wird von konkreten Menschen in den Schützengräben gehalten. Davon, wie lange sie dort bleiben und kampffähig bleiben können, hängt direkt die Zukunft des Landes ab. Und an solchen Menschen herrscht ein katastrophaler Mangel.
Ich bin kein Experte für kritische Infrastruktur oder für die Erfassung der Wehrtauglichkeit. Aber wenn die Zahl von Männern mit Freistellung bereits eine Million überschritten hat und man im Hinterland sieht, wie eine Gruppe städtischer Arbeiter im wehrpflichtigen Alter tagelang eine kleine Brücke streicht, dann wird man das Gefühl nicht los, dass mit der gerechten Verteilung der Menschen etwas nicht stimmt.
Illusion von Verhandlungen
Vor diesem Hintergrund klingen Gespräche über Friedensverhandlungen für Soldaten ganz anders als für Zivilisten. Unter den Militärangehörigen, mit denen ich spreche, gibt es nur wenige, die darin eine echte Perspektive für die Ukraine sehen. Nachrichten über einen möglichen Waffenstillstand erzeugen nur eine Illusion, die wenig mit dem zu tun hat, was auf dem Schlachtfeld geschieht.
Für Menschen fernab der Front könnten die Nachrichten über die Treffen der Verhandlungsführer den Eindruck erwecken, eine Art Friedensprozess sei bereits angelaufen - als sei die Lösung des Konfliktes näher als gestern noch. Es entsteht das Gefühl eines gewissen "Wendepunkts" - der Annäherung an Frieden oder zumindest an einen Waffenstillstand. Doch für diejenigen, die sich direkt im Kampfgebiet befinden, ändert sich nichts: Die Artillerie feuert weiter, die Angriffe gehen weiter, Drohnen fliegen und Menschen sterben.
Ich wünschte wirklich, ich irrte mich. Ich möchte so schnell wie möglich zurück zu meiner Familie. Aber derzeit sieht die Realität so aus, dass dieser Kampf noch lange dauern wird.