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GesellschaftUkraine

Kyjiw im Dauerfrost: Kampf um Strom, Wasser und Heizung

5. Februar 2026

Extreme Kälte und zerstörte Infrastruktur: In Kyjiw kämpfen Hunderttausende bei zweistelligen Minusgraden ums Überleben. Bürgermeister Klitschko warnt vor dem Kollaps, während die Reparaturtrupps im Dauereinsatz sind.

Zwei Frauen, eingehüllt in dicke Jacken und Decken, suchen Schutz in einer U-Bahn-Station während eines russischen Angriffs (03.02.2026)
Kyjiwerinnen suchen während eines russischen Raketenangriffs Schutz in der U-BahnBild: Alina Smutko/REUTERS

Nach dem flächendeckenden Stromausfall am 31. Januar und einem weiteren russischen Luftangriff in der Nacht zum 3. Februar waren 1170 Wohnblöcke in der Hauptstadt der Ukraine ohne Heizung. Gleichzeitig sank die Außentemperatur zwischenzeitlich unter minus 20 Grad.

Zahlreiche Wohnhäuser sind aufgrund der Zerstörung kritischer Infrastruktur durch die russische Armee nun schon seit Wochen ohne Heizung und Strom. Einige Haushalte in Kyjiw haben auch kein Wasser.

Ein Hochhaus in Kyjiw, das in der Nacht zum 3. Februar von einer russischen Drohne getroffen wurdeBild: Thomas Peter/REUTERS

Der Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt, Vitali Klitschko, versichert, dass die Mitarbeiter der kommunalen Betriebe und Energieversorger rund um die Uhr daran arbeiten, die Versorgung der Haushalte wiederherzustellen.

Alltag in einem Hochhaus ohne Heizung

Laut der Kyjiwer Stadtverwaltung sorgen Arbeiter täglich in Hunderten von Häusern dafür, dass die Menschen wieder Wasser, Heizung und Strom bekommen. Ein Wohnblock im Stadtteil Solomjanskyj zählt zu denjenigen, in denen seit zwei Wochen die Heizung nicht mehr funktioniert.

Swjatoslawa wohnt in dem Haus. "Ich nehme Töpfe mit kochend heißem Wasser mit ins Schlafzimmer", schildert die Kyjiwerin, wie sie der Kälte trotzt. Nachts schlüpft sie dann voll bekleidet in einen Schlafsack. Tagsüber sei sie viel in der Küche. "Da brennt ständig der Gasherd, aber ich muss regelmäßig lüften, um nicht zu ersticken."

In Swjatoslawas Haus gibt es seit zwei Wochen keine HeizungBild: Oleksandr Savytsky/DW

Die Bewohner des Hauses sind froh, dass Mitarbeiter der kommunalen Versorgungsbetriebe es noch rechtzeitig geschafft haben, das Wasser aus der Heizung abzulassen, um Frostschäden an der Anlage zu vermeiden. Einer der Klempner riet den Bewohnern, ab und zu heißes Wasser durch die Toiletten zu spülen, um auch ein Einfrieren der Abwasserrohre zu verhindern.

Menschen wollen durchhalten

Der Stadtbezirk Trojeschtschyna ist am stärksten von den Folgen der russischen Angriffe auf Energieanlagen betroffen. Dort wurden Armeezelte aufgestellt und sogenannte "Punkte der Unbesiegbarkeit" eingerichtet. In den Zelten ist es warm, man bekommt Tee und es gibt Strom von Generatoren, mit dem man Handys aufladen kann.

Eine ältere Frau kommt aus ihrem kalten Haus und beklagt sich über das Glatteis auf der Straße: "Wenn sie schon keine Zeit hatten, den Schnee wegzuräumen, dann hätten sie wenigstens etwas Sand streuen können." Ihre Wohnung hat nur sechs bis acht Stunden Strom am Tag, und seit einer Woche gibt es keine Heizung. "Es ist unmöglich, sich in der Wohnung warm zu halten. Aber es ist gut, dass wir Gas haben, mit dem wir kochen und wenigstens die Küche ein bisschen aufwärmen können", sagt sie.

Ihr Nachbar Walerij berichtet: "Wir haben es jetzt natürlich schwer. Wir erhitzen Ziegelsteine ​​auf einem Gasherd, weil man den Herd nicht lange anlassen kann - man bekommt Kopfschmerzen und muss ihn ausstellen." Strom bekommt Walerij von einem Solargenerator auf dem Balkon und von Powerbanks, die er im Supermarkt auflädt. Dort hat er auch Trinkwasser gekauft, als die Wasserversorgung seiner Wohnung ausfiel.

Walerij wärmt sich in einem "Punkt der Unbesiegbarkeit" aufBild: Oleksandr Savytsky/DW

Trotz der Schwierigkeiten und der hohen Lebensmittelpreise sehen die Menschen in einer Kapitulation der Ukraine keinen Ausweg. "Natürlich gibt es einige, die dem zustimmen würden, aber die Mehrheit versteht, dass es besser ist, durchzuhalten. Wir wollen nicht mit den Russen zusammenleben", sagt Walerij über die Stimmung in der Bevölkerung.

Bewohner ergreifen Initiative

Tetjana, Leiterin einer Hausverwaltung, wartet in der Nähe des Wohnblocks auf die Polizei. Sie möchte gegen die Untätigkeit der beauftragten Versorgungsunternehmen vorgehen.

Nach ihren Angaben beträgt die Temperatur der Fernwärme beim Eintritt ins Gebäude 65 Grad Celsius. Die Heizkörper in den Wohnungen sind jedoch entweder lauwarm oder eiskalt. "Wir haben uns an das Versorgungsunternehmen gewandt, woraufhin es Klempner einer privaten Firma geschickt hatte. Doch bevor sie etwas tun konnten, kam ihr Vorarbeiter angerannt, schimpfte und nahm die Klempner irgendwo anders mit", so Tetjana.

Tetjana leitet eine Hausverwaltung in KyjiwBild: Oleksandr Savytsky/DW

Zusammen mit ihren Nachbarn isoliert Tetjana nun eigenhändig die Rohre im Keller. "Sie sind nicht alle mit Mineralwolle umwickelt, deshalb haben uns Leute alte Decken und andere warme Sachen gespendet. Jetzt werden wir die offenliegenden Abschnitte der Rohre umwickeln und uns den Dachboden anschauen, vielleicht muss dort auch noch etwas isoliert werden", sagt Tetjana.

Nach Angaben der Stadtverwaltung gibt es in allen Bezirken "Punkte der Unbesiegbarkeit". In einem davon, der schon seit 2022 in einer Schule besteht, arbeitet Iryna.

"Herzlich Willkommen" - Eingang zu einem "Punkt der Unbesiegbarkeit"Bild: Oleksandr Savytsky/DW

Die freiwillige Helferin des Roten Kreuzes sagt, tagsüber kämen nur wenige Menschen vorbei, die meisten würden gegen Abend kommen. "Die Leute können sich aufwärmen, bekommen heiße Getränke und etwas zu essen. Ein Sozialarbeiter nimmt Anfragen entgegen, und wir helfen entsprechend. Das Essen wird hierher geliefert", erzählt Iryna.

Präsenzunterricht geht weiter

Ljudmila Wakulenko, stellvertretende Leiterin einer Schule, koordiniert telefonisch den Anschluss einer mobilen Heizanlage an ihre Schule. Diese wurde kürzlich von Mitarbeitern des zuständigen kommunalen Versorgungsunternehmens aufgestellt.

Wakulenko sagt, ihre Schule habe drei Klassenzimmer für kleinere Kinder zur Verfügung gestellt, da deren Kindergarten derzeit nicht beheizt werden könne. Zudem sind im ersten Stock der Schule etwa 20 Arbeiter des kommunalen Versorgungsunternehmens untergebracht. Sie sind aus anderen Städten gekommen, um in Kyjiw zu helfen.

Eine mobile Heizanlage für eine Schule, die auf ihren Anschluss wartetBild: Oleksandr Savytsky/DW

Trotz der Schwierigkeiten gehe der Unterricht an der Schule weiter, betont Ljudmila Wakulenko. "Die Kinder sind am 2. Februar nach den Ferien zum Präsenzunterricht zurückgekehrt. Wir haben hier ständig Lehrer im Dienst, der Unterricht geht weiter. Wir müssen für die Ausbildung unserer Kinder sorgen", sagt sie.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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