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PolitikUkraine

Ukraine: Russisch kehrt in Schulen in Kyjiw zurück

30. November 2025

Seit Kriegsbeginn stieg die Nutzung von Ukrainisch, doch in Kyjiw sprechen viele Schüler wieder mehr Russisch. Experten warnen vor Social-Media-Einfluss und fehlender Sprachpolitik. Ein Gesetz soll gegensteuern.

Ukrainische Schüler hören ihren Lehrern beim Unterricht in einem Schutzkeller zu
Wegen russischer Angriffe werden ukrainische Schüler in Schutzräumen unterrichtetBild: Evgeniy Maloletka/AP Photo/picture alliance

Nach dem Beginn von Russlands Invasion im Februar 2022 haben viele Menschen in der Ukraine bewusst begonnen, nur noch Ukrainisch zu sprechen und im Alltag auf die russische Sprache zu verzichten. Doch mit der Zeit scheint dieser anfängliche emotionale Impuls nachgelassen zu haben, und einige russischsprachige Ukrainer sind wieder zu ihrer gewohnten Sprache übergegangen. Ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen in den Schulen und mitunter sogar Lehrer sprechen weiterhin Russisch miteinander.

Welche Sprachtrends zeichnen sich ab?

Laut einer Studie des staatlichen Dienstes für Bildungsqualität, die in Zusammenarbeit mit der Beauftragen zum Schutz der Amtssprache Ukrainisch im April und Mai 2025 durchgeführt wurde, steigt der Gebrauch der ukrainischen Sprache an den Schulen des Landes im Allgemeinen weiter an. Demnach kommunizieren 48 Prozent der befragten Schüler in der eigentlich zweisprachigen Ukraine ausschließlich auf Ukrainisch miteinander, was einem Anstieg von sieben Prozentpunkten gegenüber dem vorherigen Schuljahr entspricht.

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Jedoch gilt dieser Befund nicht für alle Regionen gleichermaßen: Besonders auffällig sind die Ergebnisse in der Hauptstadt Kyjiw, wo sogar ein negativer Trend zu verzeichnen ist. Der Anteil der Schüler, die in ihren Schulen ausschließlich Ukrainisch verwenden, ist dort im Vergleich zum letzten Schuljahr um zehn Prozentpunkte gesunken und liegt nun bei nur noch 17 Prozent.

Im Unterricht Ukrainisch, in den Pausen Russisch

Oksana (die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte) ist Lehrerin an einer Kyjiwer Schule. "Im Unterricht sprechen die Kinder Ukrainisch, aber wenn die Pausenglocke läutet, beginnen sie untereinander Russisch zu sprechen", berichtet sie. "Wir haben sogar einen Jungen, der im Unterricht Russisch sprechen will. Seine Familie ist russischsprachig und er versteht Ukrainisch schlecht", sagt Oksana.

Auch Schülerin Iryna, die eine andere Kyjiwer Schule besucht, kann Ähnliches berichten. "Die meisten Mädchen in unserer Klasse sprechen Ukrainisch, fast alle Jungen aber Russisch", erzählt Iryna. Auch sie selbst spreche sowohl zu Hause als auch in der Schule Ukrainisch. Nur manchmal benutze sie eine Mischsprache, die in der Ukraine weit verbreitet ist und als "Surschyk" bezeichnet wird.

Jugendliche an Panzersperren am Maidan-Platz im Zentrum von KyjiwBild: Sergei Chuzavkov/SOPA Images/ZUMA/dpa/picture alliance

Der Rückgang des Gebrauchs der ukrainischen Sprache unter Kyjiws Schülern könnte auf die hohe Zahl von Zuwanderern aus den östlichen Regionen des Landes zurückzuführen sein, wo der Anteil russischsprachiger Schulen am größten war, sagt Olena Iwanowska, Beauftragte für den Schutz der Amtssprache. Diese Beobachtung teilt auch die Lehrerin Oksana. "Zum Beispiel spricht ein Mädchen mit mir Ukrainisch, und wenn ihr Vater sie abholt, wechselt sie sofort ins Russische", erzählt Oksana. Ihr zufolge handele es sich um eine Familie von Binnenvertriebenen aus der Ostukraine.

Walentyna, Mutter einer Siebtklässlerin an einer anderen Kyjiwer Schule, glaubt, dass noch ein anderer Grund ausschlaggebend dafür ist, dass so viele Schüler Russisch sprechen. "Meiner Meinung nach liegt das an der Dominanz russischsprachiger Inhalte auf YouTube und in sozialen Netzwerken. Zudem spielen sie Online-Games, in denen auf Russisch kommuniziert wird", sagt sie der DW.

Wie ist die Sprachsituation im Alltagsleben?

Dass viele Menschen in der ukrainischen Hauptstadt Russisch sprechen, überrascht auch den Leiter des Meinungsforschungsinstituts "Rating", Oleksij Antypowytsch, nicht.  "In Kyjiw sprechen etwa 50 Prozent Ukrainisch, knapp 20 Prozent Russisch und 30 Prozent beide Sprachen. Faktisch geben in Kyjiw doppelt so viele Menschen an, Russisch zu sprechen, als im ukrainischen Durchschnitt", sagt Antypowytsch der DW unter Berufung auf eine Studie seines Instituts. 

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Die Gesprächspartner der DW beobachten eine Rückkehr des Russischen auch im Alltagsleben. "Mit Beginn der umfassenden Invasion kam es zu einer massiven Mobilisierung der inneren Kräfte bezüglich unserer nationalen Symbole. Seit 2024 ist die russische Sprache, insbesondere in Kyjiw, wieder auf den Straßen präsent, und es ist nicht mehr verpönt, sie zu sprechen", so Antypowytsch. Er fügt jedoch hinzu, dass der Anteil der Menschen, die im Alltag Ukrainisch sprechen, stabil bleibt.

Ukrainischsprachiges Lernumfeld per Gesetz?

Olena Iwanowska glaubt, dass es noch sehr viel Arbeit bedürfe, um an den Schulen des Landes ein ukrainischsprachiges Umfeld auch außerhalb des Unterrichts zu schaffen. "Patriotismus allein genügt nicht. Es bedarf des Willens des Staates und einer konsequenten Politik, was die Sprache der Lehrkräfte und der Schulleitungen betrifft." Daher sei es wichtig, "dass das Parlament den Gesetzentwurf zur Gewährleistung eines ukrainischsprachigen Lernumfelds an Bildungseinrichtungen verabschiedet", so die Beauftragte für den Schutz der Amtssprache.

Olena Iwanowska setzt sich für ein ukrainischsprachiges Lernumfeld in Schulen einBild: Privat

Der Gesetzentwurf, der im Oktober 2024 ins Parlament eingebracht wurde, definiert den Begriff "ukrainischsprachiges Lernumfeld". Er legt fest, dass der Bildungsprozess neben dem Unterricht auch die Pausen, die Kommunikation auf dem Schulgelände und sonstige Bildungsaktivitäten umfasst. Sollte das Gesetz angenommen werden, wären die Behörden verpflichtet, ein System zur Feststellung der Sprachkompetenzen von Kindern zu entwickeln. Maßnahmen gegen Schüler oder Eltern, die auf Russisch kommunizieren, sind jedoch nicht vorgesehen.

"Außerdem müssen wir Eltern, die zuhause mit ihren Kindern Russisch sprechen, klarmachen, dass ihr Kind beim Schuleintritt im Vergleich zu anderen Kindern, deren Muttersprache Ukrainisch ist, deutlich benachteiligt sein wird", fügt Iwanowska hinzu.

Bedeutung der Popkultur und von Bloggern

Neue Gesetze allein genügen wohl nicht, neben rechtlichen Instrumenten sind auch qualitativ hochwertige ukrainischsprachige Inhalte erforderlich, meint die Beauftragte für den Schutz der Amtssprache. Auch der bekannte ukrainische Blogger Andrij Schymanowskyj macht auf die große Bedeutung und den Einfluss der Popkultur auf Kinder aufmerksam.

"Wir haben keine ukrainischen Kinderblogger, die coole Inhalte über Experimente, Streiche und Herausforderungen erstellen", sagt er im Gespräch mit der DW. Schymanowskyj ist überzeugt, dass Kinder russische Inhalte untereinander verbreiten, weil sie ihnen oft spannender erscheinen. "Wenn es nichts Witziges auf Ukrainisch gibt, haben wir das Nachsehen. Außerdem spielen Kinder heute beliebte Shooter, die meist nicht in ukrainischer Sprache sind. Deshalb brauchen wir sehr vielfältige Inhalte in unserer Sprache, und nicht nur akademische", so der Blogger.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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