Ukraine: Wie deutsche Bauteile in russische Drohnen gelangen
1. März 2026
In russischen Drohnen, die Städte in der Ukraine angreifen, sind Bauteile deutscher Hersteller gefunden worden. Deutsche Medien haben im Januar darüber berichtet und dabei auf die neueste Geran-5-Drohne hingewiesen.
Zunächst hatten der Sender ntv und später weitere deutsche Medien gemeldet, dass in einer Geran-5 neben anderen ausländischen Bauteilen auch Transistoren des deutschen Unternehmens Infineon Technologies gefunden wurden. Entsprechende Informationen waren auf dem Portal War&Sanctions veröffentlicht worden, das vom ukrainischen Militärgeheimdienst HUR betrieben wird. Dort gibt es eine detaillierte Liste aller ausländischen Bauteile, die in russischem Militärgerät bislang entdeckt wurden.
Deutsche Transistoren besonders beliebt
Laut der Webeite War&Sanctions stammen die meisten ausländischen Komponenten in russischer Militärausrüstung aus den USA und China. Unter der Kategorie "Made in Germany" sind 137 Komponenten aufgelistet. Über die Hälfte davon wurden in Drohnen entdeckt. Die übrigen fanden sich in Raketen, Radargeräten, Militärfahrzeugen und sogar Hubschraubern.
Die am häufigsten verwendeten deutschen Bauteile sind Transistoren - etwa 50 Stück. Weitere Bauteile sind Pumpen, Induktoren, Generatoren, Kondensatoren, Transformatoren und Batterien.
Der "beliebteste" deutsche Hersteller ist das bayerische Unternehmen Infineon Technologies. 58 der 137 Bauteile, zumeist Transistoren, wurden in Drohnen verbaut. Weitere Bauteile stammen von den deutschen Firmen TDK Electronics, Würth Elektronik, Bosch und Pierburg, einer Tochtergesellschaft des Rheinmetall-Konzerns.
Möglicherweise Hunderttausende deutsche Bauteile
Auf Anfrage der DW hat der ukrainische Militärgeheimdienst HUR Dutzende Beispiele von Transistoren von Infineon vorgelegt, die in russischen Geran-Drohnen - einer Variante iranischer Drohnen - entdeckt wurden. Es handelt sich dabei um winzige Mikrochips, deren Modell- und Chargennummern nur unter einem Mikroskop erfasst werden können.
Laut dem HUR werden im Steuerungssystem jeder Geran-Drohne, ab dem Modell Geran-2, zwischen acht und zwölf in Deutschland gefertigte Transistoren verwendet. Im August 2025 erklärte der HUR-Vertreter Wadym Skibizkyj im ukrainischen Sender "Suspilne", Russland wolle 40.000 Geran-2-Drohnen pro Jahr produzieren. Dafür würden fast eine halbe Million Transistoren benötigt.
HUR: Russland schätzt deutsche Qualität
In einem Gespräch mit der DW erklärte ein Vertreter des HUR, Russland wolle in letzter Zeit seine Abhängigkeit von westlichen Komponenten bei der Drohnen-Produktion abbauen. Er sagte: "Während der Anteil amerikanischer Bauteile in einigen Typen der Shahed-136-Drohnen im Jahr 2023 bis zu 80 Prozent erreichten, stammen jetzt bis zu 60 Prozent der Teile aus China."
Wie der HUR-Vertreter erklärte, beeilen sich die russischen Hersteller aber nicht, deutsche Qualität durch minderwertige chinesische Alternativen zu ersetzen: "Infineon-Transistoren werden in vielen Haushaltsgeräten und Gebrauchsgegenständen verwendet und es gibt offenbar keine Probleme, die nötigen Mengen zu beschaffen."
Tatsächlich lassen sich diese Transistoren problemlos online bestellen, auch über eBay. Der Preis liegt bei 29,90 US-Dollar für fünf Stück. Ein Online-Händler bietet bis zu 45 Stück an. Allerdings liefert er nicht direkt nach Russland, Belarus oder Kasachstan. Die Teile können aber über Georgien oder China bezogen werden.
Der HUR geht davon aus, dass Moskau in den meisten Fällen Transistoren aus deutscher Produktion direkt aus Deutschland bezieht, und zwar über Scheinfirmen, um die tatsächliche Lieferkette zu verschleiern. So gelangen die Bauteile entweder über Kreml-treue Drittstaaten oder durch Schmuggel nach Russland.
Wie gelangen die Bauteile nach Russland?
Prof. Dr. jur. Viktor Winkler, einer der bekanntesten Experten für Sanktionspolitik in Deutschland, erklärte gegenüber der DW, dass Lieferungen militärischer Komponenten aus Deutschland nach Russland seit 2022 immer seltener über Umgehungsrouten durch Drittländer wie die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, China oder Staaten Zentralasiens erfolgten. Zunehmend würden solche Lieferungen direkt über kriminelle Scheinfirmen innerhalb Deutschlands abgewickelt. Diese kauften die Waren bei den Herstellern auf und lieferten sie illegal unter Umgehung der Sanktionen nach Russland.
"Meine Vermutung ist daher, dass auch hier kein Drittstaat und keine Umgehungslieferung, sondern eine hochkriminelle Direktbeziehung bestehen könnte, bei der Kriminelle die Komponenten Anderer nach Russland liefern. Gleichgelagerte Fälle waren immer dadurch geprägt, dass von langer Hand geplante Geschäftsbeziehungen nach Russland bestanden", so Winkler.
Insgesamt schätzt er die Lieferungen militärischer Komponenten aus Deutschland nach Russland als "rechtlich schwerwiegend, aber letztlich Einzelfälle" ein, insbesondere im Vergleich zu anderen "massiven" Bereichen der Sanktionsumgehung. Dazu zählen etwa der Verkauf von Luxusgütern oder von Konsumwaren.
Hersteller: Weiterverkauf nach Russland schwer zu kontrollieren
Die DW kontaktierte alle genannten deutschen Hersteller, und sie alle versicherten, nicht nach Russland zu liefern und die Sanktionen einzuhalten.
Der bayrische Halbleiterhersteller Infineon erklärt, man habe seit 2022 alle Lieferungen nach Russland eingestellt und halte sich an die Sanktionen. Allerdings sei es schwierig, den Weiterverkauf eines Produkts über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg zu kontrollieren, da Infineon jährlich rund 30 Milliarden Chips produziere. "Wenn wir konkrete und belastbare Anhaltspunkte dafür erhalten, dass ein Unternehmen, mit dem eine Geschäftsbeziehung besteht, Handel mit Russland treibt, stoppen wir die Belieferung und fordern vom betreffenden Unternehmen Aufklärung. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit Behörden", so Infineon.
Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall teilt zum Einsatz von Pierburg-Pumpen in der Drohne Geran-2 mit: "Die deutschen Zollbehörden hatten Rheinmetall im Januar 2024 informiert, dass zivile elektrische Kraftstoffpumpen mit dem Produktionsdatum Juli 2020, die für den Automotive-Ersatzteilmarkt gefertigt worden waren, nach Russland gelangt sind. Es handelt sich nicht um eine Lieferung von Rheinmetall und wir haben keine eigene Kenntnis über die Ausfuhr nach Russland oder über deren Ausführer." Das Unternehmen unterstreicht, mit den Behörden bei den Ermittlungen zu kooperieren.
Auch Würth Elektronik betont gegenüber der DW, die Geschäftsbeziehungen mit Russland im Jahr 2022 eingestellt zu haben. "Alle Lieferungen ins Ausland unterliegen strengen Exportkontrollen", schreibt das Unternehmen und fügt hinzu: "Unsere Bauteile sind weder für militärische Zwecke konstruiert noch zur Verwendung für militärische Zwecke autorisiert. Darauf weisen wir unsere Kunden explizit hin." Würth Elektronik versichert, seinen Vertragspartnern mit Sitz außerhalb der EU vertraglich untersagt zu haben, gelieferte Waren nach Russland oder zur Verwendung in Russland weiter zu liefern. Aber das Unternehmen schließt nicht aus, dass Russland möglicherweise auf "Bestandsware" zurückgreift, die vor der Verhängung von Sanktionen geliefert wurde.
Bosch: Häufig auch Fälschungen im Umlauf
Der Technologiekonzern Bosch teilt der DW mit, keine operativen Geschäftsbeziehungen mehr mit Russland zu haben. "Alle unsere Einheiten und Mitarbeiter weltweit sind angewiesen, keine Geschäfte mit Russland oder Belarus zu tätigen", so das Unternehmen. Es erklärt, die auf der HUR-Webseite erwähnte Benzinpumpe der Drohne Geran-3 sei "kein Bosch-Produkt", und deutete an, dass häufig auch Fälschungen im Umlauf seien.
Was den Druckknopfschalter in der Drohne Shahed-136 angeht, bestätigt das Unternehmen, dass es ein Bosch-Produkt sei. Es könnte sich "um ein Commodity-Produkt von Bosch handeln, das in großen Stückzahlen für eine Vielzahl von Anwendungen wie zum Beispiel für Notausschalter vertrieben wird".
Bosch räumt ein, dass es Parallelimporte gibt, die aber "ohne Kenntnis des Herstellers und aus Ländern erfolgen, die keine Sanktionen gegen Russland verhängt haben". "Über den Umfang möglicher Parallelimporte haben wir weder zuverlässige Angaben noch ist es möglich, dies im russischen Markt zu erheben", so das Unternehmen.
Es versichert, umfangreiche interne Verfahren etabliert zu haben, um Sanktionen einzuhalten und deren Umgehung zu bekämpfen. Bosch gibt jedoch zu: "Die Endverwendung unserer Zulieferungen ist aufgrund der komplexen, mehrstufigen Lieferketten oft nicht bekannt."
TDK: Teile können aus Waschmaschinen stammen
TDK Electronics schreibt der DW, nach Kriegsbeginn die Lieferungen nach Russland eingestellt und sein Sales Office in Moskau 2023 geschlossen zu haben. Das Unternehmen betont, die EU-Sanktions-Verordnungen gegen die Russische Föderation einzuhalten. Die Verträge mit Kunden würden eine Klausel enthalten, die die militärische Nutzung von TDK-Produkten untersagt.
"Dennoch sind insbesondere Kleinbestellungen von Entwicklungslaboren oder auch Privatpersonen bei Bauelemente-Distributoren möglich und nicht vollständig nachverfolgbar in Bezug auf ihre endgültige Verwendung. Auch hier arbeiten wir daran, Umgehungen der geltenden Gesetze zu vermeiden", räumt das Unternehmen ein. Darüber könnten rein zivile Produkte wie Waschmaschinen, Kühlschränke und sogar Autos importiert werden. Diese könnten dann zerlegt und ihre Teile in militärische Ausrüstung eingebaut werden.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk