Ulrich Siegmund: Sachsen-Anhalt als AfD-Testlabor
6. September 2026
Die Welt schaut auf Sachsen-Anhalt. Das Bundesland ist zwar klein und hat gerade mal zwei Millionen Einwohner. Seine Wirtschaftskraft und die Lebenserwartung sind so niedrig wie in keinem anderen der 16 deutschen Bundesländer. Und trotzdem: An diesem Sonntag schaut die Welt auf die Landeshauptstadt Magdeburg.
Denn Ulrich Siegmund könnte der erste AfD-Ministerpräsident Deutschlands werden - als erster Politiker einer in Teilen rechtsextremistischen Partei in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die Umfragen vor der Landtagswahl sahen ihn und seine Partei Alternative für Deutschland, AfD, klar in Führung. Offen scheint nur, ob es für eine Alleinregierung der AfD reicht, oder ob eine Koalition der anderen Parteien seinen Machtanspruch noch ausbremsen kann.
Es läuft aber gut für Ulrich Siegmund. Bei seiner Wahlkampftour füllt er selbst in kleinen Städten des Bundeslands die Plätze, umschwirrt von Kamerateams: das kanadische Fernsehen, das dänische, der Schweizer Rundfunk, die BBC, der Economist, dazu dutzende Reporterinnen und Reporter aus ganz Deutschland. Alle wollen wissen: Wer ist Ulrich Siegmund?
Die DW begleitete ihn in seinem Wahlkampf durch Sachsen-Anhalts Provinz. Sein Auftreten ist jung, dynamisch, sportlich: strahlend weißes Hemd, schlank und gut aussehend ist der 36-Jährige. Unverbraucht. Und vor allem: lachend und gut gelaunt - ein Sunnyboy. Wenn er auf die Marktplätze tritt und die Menge ihn anstrahlt, strahlt er zurück. Er schüttelt Hände, macht kleine Witzchen. Nichts daran wirkt gekünstelt. Die Ochsentour des Wahlkampfes macht ihm sichtlich Spaß.
"Ich weiß nicht, wann es das letzte Mal so eine hohe Zustimmungsrate auch bei jungen Leuten gegeben hat. Das ist einfach gigantisch", schwärmt Ulrich Siegmund im Interview mit der DW. Er spricht schnell, druckreif und routiniert.
AfD-Wahlkampf: Hochglanzmarketing der eigenen Politik
Auch kritische Beobachter teilen seine Einschätzung, dass die AfD gerade Rückenwind hat. "Die AfD-Wahlkampfveranstaltungen, die laufen logistisch und politisch-strategisch wie am Schnürchen", beobachtet David Begrich von der Arbeitsstelle Rechtsextremismus des Vereins "Miteinander in Magdeburg". Begrich ist einer der besten Kenner der AfD im Osten Deutschlands. "Das ist Hochglanzmarketing der eigenen Politik."
Aber was genau will diese Politik? Glaubt man Ulrich Siegmund und seinen Wahlkampfauftritten, dann geht es um die Rückkehr in eine vergangene, bessere Zeit: Als Deutschland sich selbst noch nicht als Einwanderungsland sah, als noch Atomkraftwerke den Strom lieferten und nicht Windräder, und als LGBTQ+-Rechte noch niemanden interessierten. "Aus dem Volk, für das Volk!", ruft er den Menschen von den Bühnen aus zu. Siegmund will also "Politik für die Menschen" machen.
Das 100-Tage-Sofortprogramm der AfD liest sich ganz anders als seine fröhlichen Wahlkampfauftritte: hart und radikal. "Abschieben ab Minute Eins" - das ist das wichtigste Versprechen an die Wählerschaft. Streichung aller Gelder für Demokratievereine, Arbeitspflicht für Geflüchtete, deutsche Heimatliebe statt gesellschaftliche Vielfalt. Ob eine Landesregierung zu all den versprochenen Veränderungen überhaupt die Befugnisse hat - daran gibt es erhebliche Zweifel.
Umstrittene Hintermänner
Zweifel gibt es aber vor allem an dem Saubermann-Image, das Ulrich Siegmund seiner Partei verleiht. Zum Einen gab es da die Vorwürfe der Vetternwirtschaft in der AfD; zahlreiche Landtags- und Bundestagsabgeordnete der Partei sollen Verwandte und Freunde mit gut bezahlten Jobs bei anderen AfD-Abgeordneten versorgt haben. Auch Ulrich Siegmund hatte so seinen Vater untergebracht. Das ist nicht illegal, kam aber selbst in der eigenen Partei schlecht an, die sich stets als Partei der einfachen Leute inszeniert.
Und dann sind da noch die Menschen hinter Ulrich Siegmund: Der AfD-Spitzenkandidat ist auch Vorsitzender seiner Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt. Und die beschäftigt nach Informationen der Tageszeitung Welt gleich vier ehemalige Mitglieder einer mittlerweile verbotenen neonazistischen Vereinigung: der 'Heimattreuen Deutschen Jugend' (HDJ). Die sah im Nationalsozialismus unterAdolf Hitler ein Vorbild, folgte dessen verhängnisvoller Rasselehre, die im Zweiten Weltkrieg zur Ermordung von sechs Millionen Juden und von Hunderttausenden Sinti und Roma führte. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte deswegen das Verbot der HDJ.
Auch bei seinen Wahlkampfveranstaltungen hat Ulrich Siegmund keinerlei Berührungsängste mit neonazistischen Symbolen und Anhängern aus der rechtsextremen Szene. Die DW erlebte ihn bei seinen Auftritten Arm in Arm mit Männern, die Kleidung dieser Szene trugen oder szenetypische Tätowierungen wie die sogenannte Schwarze Sonne, ein weltweites Erkennungszeichen von Neonazis.
Wie weit kann man gehen?
Was heißt das aber alles für den Fall einer AfD-Regierungsübernahme nach der Landtagswahl? "Einiges deutet sehr klar darauf hin, dass die AfD, wenn sie in die Regierung käme, Sachsen-Anhalt zu einem Testlabor machen würde", analysiert David Begrich vom Verein Miteinander im DW-Gespräch. "Wie weit kann man denn gehen mit der Außerkraftsetzung der geschriebenen, aber vielleicht noch viel wichtiger, der ungeschriebenen Regeln der demokratischen Kultur in einem Bundesland?"
Deswegen warnen auch Kirchen, Gewerkschaften, Vereine, Parteien und große Teile der Zivilgesellschaft vor einem Erfolg der AfD und ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund bei den anstehenden Wahlen. Auch David Begrich. "Es wird natürlich vor allen Dingen für jene in der Gesellschaft schwierig, die entweder Minderheiten angehören oder die nicht ins weltanschaulich politisch ideologische Konzept der AfD passen. Natürlich würde sich das gesellschaftliche Klima von einer liberalen Gelassenheit zu einer autoritären Formierung verschieben, und das ist ein Problem für Menschen, die diese liberale Offenheit einer Gesellschaft brauchen wie die Luft zum Atmen."
Vor allem aber eines besorgt die Kritiker der AfD vor diesen Wahlen: Sie sehen in ihnen nur einen ersten Aufschlag der AfD, deren großes Ziel ist,in ganz Deutschland zu regieren. Und das allein.