Ungarn: Schwarzer Bildschirm auf Orbans Propagandakanal
8. Juli 2026
Kriminelle arabische und afrikanische Migranten sollen angeblich schutzlose ungarische Mädchen vergewaltigt haben. Ein US-Börsenmilliardär jüdisch-ungarischer Abstammung, der angeblich Ungarns christliche Identität zerstören will. Eine Europäische Union, die angeblich Kinder mit "LGBTQ-Propaganda" indoktriniert. Ein "ukrainischer Mafia-Staat", der angeblich Ungarns junge Generation im Krieg opfern und Millionen ungarischer Rentner ausrauben will.
Was die öffentlich-rechtlichen Medien Ungarns unter Viktor Orban jahrelang an Desinformation sendeten, war einzigartig für ein Mitgliedsland der Europäischen Union. In keinem anderen EU-Staat gab es in den vergangenen Jahrzehnten öffentlich-rechtliche Medien, die derart viel Lügen, Hass und Propaganda verbreiteten. Manches erinnerte an faschistische und antisemitische Propaganda der Zwischenkriegszeit, anderes an russische Staatsmedien.
Damit ist jetzt Schluss. Am Dienstag (7.07.2026) um 16:00 Uhr wurde der Bildschirm des Nachrichtensenders M1 schwarz. Zu lesen war in weißer Schrift folgender Text: "Die öffentlich-rechtlichen Medien dürfen nicht lügen. Wir entschuldigen uns dafür, dass wir das dennoch jahrelang getan haben. Die öffentlich-rechtlichen Medien werden jetzt umgestaltet, damit sie in Zukunft unabhängig und glaubwürdig sind. Der Nachrichtendienst pausiert vorübergehend. Bleiben Sie dran!"
Zugleich mit dieser Entschuldigung und Ankündigung wurden sämtliche Nachrichtensendungen und politischen Programme im öffentlich-rechtlichen ungarischen Radio und Fernsehen eingestellt. Lediglich auf der Internet-Seite der Nachrichtenagentur MTI, die ebenfalls Teil der öffentlichen Medienholding MTVA ist, waren noch politische Nachrichten zu lesen.
"Tag und Nacht gelogen"
Es ist ein historischer Augenblick für Ungarn. Selbst 1989/90, als die kommunistische Diktatur endete und der Systemwechsel begann, gab es einen solchen Moment im damaligen Staatsrundfunk nicht. Ungarns Ministerpräsident Peter Magyar schrieb dazu am Dienstag auf Facebook: "Ein historischer Tag. Heute endet die Ausstrahlung von Propaganda in den öffentlich-rechtlichen Medien. Sie haben Tag und Nacht gelogen, auf allen Wellenlängen. Das ist nun vorbei."
Es blieb am Dienstag nicht bei dem schwarzen Bildschirm und der Entschuldigung. Im Sender M1 mussten die wichtigsten Personen ihre Posten räumen. Entlassen wurden unter anderem der M1-Chef Zsolt Nemeth, der wegen seines äußerst aggressiven, konfrontativen Stils unter dem Spitznamen "Pitbull" bekannt ist, sowie die meisten M1-Programmdirektoren und Leiter von Sendungen.
Symbolische Uhrzeit
Nach knapp vier Stunden schwarzem Bildschirm startete M1 am Dienstag Abend um exakt 19:56 Uhr mit einem neuen Programm. Die symbolische Uhrzeit war eine Reminiszenz an die antikommunistische, antisowjetische Revolution von 1956, die durch sowjetische Truppen blutig niedergeschlagen wurde. Ausgestrahlt wurde ab 19:56 Uhr der ungarische Filmklassiker "Der Zeuge" (1979) - eine legendäre Polit-Satire auf den ungarischen Stalinismus mit seinen Grausamkeiten und absurden Propagandalügen. Auf der Internetseite von Hirado, der M1-Hauptnachrichtensendung, ist der schwarze Hintergrund mit der Entschuldigung vorerst weiter zu sehen.
Peter Magyar hat die radikale Umgestaltung der öffentlich-rechtlichen Medien Ungarns schon im Wahlkampf zu einem zentralen Versprechen gemacht. Auch nach dem Wahlsieg seiner Partei Tisza (Respekt und Freiheit) am 12. April verging kaum ein Tag, an dem er die Öffentlich-Rechtlichen nicht als "Lügenfabrik" scharf angriff.
Aus gutem Grund: Die Geschichte, wie Orban die öffentlich-rechtlichen, aber auch die meisten privaten Medien Ungarns umgestalten und auf Regierungslinie bringen ließ, ist eines der finstersten Kapitel seiner Herrschaft. Bereits kurz nach seinem Wahlsieg im Frühjahr 2010 ließ der Autokrat die mit regierungsnahen Personen besetzte Medienaufsichtsbehörde NMHH gründen, die öffentlichen-rechtlichen Medien mittels eines neuen Mediengesetzes gleichschalten und sie später in der Medienholding MTVA bündeln. 2011 wurden die meisten unabhängigen Journalisten entlassen oder gingen von selbst.
Satire als echte Nachricht gesendet
Das Attribut "öffentlich-rechtlich" war fortan nur noch eine Formalität. Die MTVA-Medien verkamen im Laufe der Jahre immer mehr zu einem Instrument, das Orbans Propagandalügen gebetsmühlenartig reproduzierte. In den Nachrichten und politischen Sendungen hetzte M1 gegen die EU und den US-Börsenmillardär und Philantropen George Soros, gegen zivile Organisationen und unabhängige Journalisten. Trotz der gesetzlichen Verpflichtung einer ausgewogenen Berichterstattung kamen Oppositionspolitiker und unabhängige Stimmen in den MTVA-Kanälen so gut wie nicht mehr vor.
Einen traurig-lächerlichen Höhepunkt in der Berichterstattung erreichte M1 am 20. Mai 2018: An diesem Tag zitierte Hirado einen Artikel des deutschen Satire-Portals Noktara ("Nachrichten aus dem Morgenland - schon heute"), demzufolge die Stadt Essen während des Ramadans als Geste gegenüber Muslimen in "Fasten" umbenannt wurde, als echte Nachricht. Suggeriert werden sollte damit: Deutschland unterwirft sich den islamischen Migranten. Eine Richtigstellung erfolgte nie.
Mit dem vollständigen Krieg Russlands gegen die Ukraine seit 2022 verschärften die MTVA-Kanäle ihren Ton noch einmal drastisch. In krasser Täter-Opfer-Umkehr schufen sie eine parallele Realität, in der die Ukraine eine Art Reich des Bösen war und übernahmen teils ungefiltert russische Staatspropaganda.
Ähnlich wie in den öffentlich-rechtlichen Medien verfuhr Orban auch in den privaten Medien Ungarns. Über regierungsnahe Firmen von Oligarchen wurden sie aufgekauft und gleichgeschaltet oder geschlossen wie etwa die linksliberale Tageszeitung Nepszabadsag 2016.
Eine Medienepisode, die anmutete wie aus einem Mafiafilm, ereignete sich am 28. November 2018: An diesem Tag "spendeten" ungarische Unternehmer, die Orban nahestanden, ihre Medien an die kurz zuvor gegründete "Mitteleuropäische Presse- und Medien-Stiftung" (Kesma) - eine kollektive "Schenkung" ohne jegliche formale Gegenleistung. Insgesamt übergaben sie 476 Titel aus Rundfunk, Print und Online - fast das gesamte Spektrum des privaten regierungsnahen Medienmarkts in Ungarn.
Orban protestiert
In der MTVA-Medienholding wurde bereits in der vergangenen Woche ein Übergangsdirektor eingesetzt. Der ernannte am Dienstag eine vorübergehende neue Führung im Nachrichtenkanal M1. In einer Stellungnahme von MTVA hieß es, dass die endgültigen neuen Leitungspositionen in der Holding in einem öffentlichen Verfahren und in Abstimmung mit gesellschaftlichen und fachlichen Gremien besetzt würden.
Viele unabhängige Journalisten begrüßen die Änderungen in der ungarischen Medienlandschaft - fordern aber eine echte Mitsprache dabei und äußern sich erst einmal abwartend zu den Plänen der Magyar-Regierung. Geplant ist, den Aufsichtsrat einer neu gestalteten Medienholding paritätisch zu besetzen - mit jeweils drei Vertretern der Regierungsmehrheit, der Parlamentsopposition und von unabhängigen Journalistenverbänden.
Gegen den Umbau der öffentlich-rechtlichen Medien protestierte am Dienstag auf Facebook Viktor Orban mit den Worten, dies sei "ein neuer Schritt der Willkür der Tisza-Partei". Protest kam auch von dem Fidesz-Abgeordneten Balasz Nemeth - ausgerechnet. Als ehemaliger Hirado-Nachrichtenmoderator zeichnete er für viele berüchtigte Tiefpunkte in der Berichterstattung verantwortlich. Nachdem der M1-Bildschirm am Dienstag schwarz erschien, schrieb Nemeth auf Facebook: "Die ungarische Demokratie ist tot."