Ungarischer Minister beleidigt Roma vulgär
27. Januar 2026
Ungarns Verkehrsminister Janos Lazar ist nach dem Premier Viktor Orban einer der bekanntesten, aber auch umstrittensten Politiker des Landes. Er gehört zu der winzigen Minderheit von Politikern in der Orban-Partei Fidesz, die ein eigenes Profil haben. Ihm werden Ambitionen nachgesagt, Orban einst zu beerben. Zugleich macht Lazar häufig mit kontroversen Auftritten und arroganten, armutsfeindlichen oder rassistischen Aussagen Schlagzeilen.
Unlängst hatte Lazar eine Kandidatin der Oppositionspartei Tisza "beschuldigt", sie sei Slowakin - obwohl sie Ungarin und ungarische Staatsbürgerin ist. Vor Jahren sagte er einen Satz, der ihm in der ungarischen Öffentlichkeit bis heute anhaftet: "Wer nichts hat, ist genauso viel wert."
Nun sorgt Janos Lazar mit einer erniedrigenden Äußerung über Roma für den bisher größten Skandal im derzeitigen ungarischen Wahlkampf. Während eines Treffens mit Einwohnern im Ort Balatonalmadi südwestlich von Budapest sprach sich Lazar am vergangenen Donnerstag (22.01.2026) dagegen aus, das ungarische Arbeitskräfteproblem mit Arbeitsmigranten aus anderen Ländern zu lösen. Dazu sagte er folgenden Satz:"Wenn jemand die Toiletten im Intercity reinigen muss - denn die ungarischen Wähler melden sich nicht gerade mit großem Eifer, um die vollgeschissenen Toiletten anderer zu reinigen -, dann müssen die internen Reserven erschlossen werden. Und die interne Reserve ist die ungarische Zigeunerschaft."
Die Äußerung Lazars hat in Ungarn eine Welle der Empörung ausgelöst, wie es sie seit langem nicht mehr gab. Soziale Medien quellen über vor wütenden und sarkastischen Postings von Roma, die Opposition kritisiert die Äußerung einhellig und scharf. Der Politologe Daniel Rona nennt die verbale Entgleisung Lazars den "bedeutendsten Kommunikationsfehler auf der Regierungsseite" seit langem. In Ungarn leben offiziell rund 300.000 Roma, rund drei Prozent der Bevölkerung. Inoffizielle Schätzungen gehen von bis zu 800.000 Roma aus.
In sozialen Medien fragen nun viele Roma, ob der Minister sie etwa nicht als ungarische Bürger und Wähler ansehe. Andere nennen Lazar und Orbans Fidesz eine "schmutzige Räuberbande". Eine zwölfjährige Roma-Schülerin sagt in einem viralen Facebook-Video: "Ich lerne nicht, um Klos zu putzen." Sie fügt in Romani, der Sprache der Roma, an Lazar gewandt hinzu: "Hast du uns verstanden?!" Der bekannte Pädagoge Janos Orsos fordert den Minister auf, "mit einer Klobürste in einen Zug zu steigen, sich den Mist anzuschauen, den Sie als Minister verzapft haben, und ihn dann inklusive sich selbst wegzumachen" - ein Anspielung auf chronische Zugverspätungen und schwere Technikprobleme im ungarischen Eisenbahnwesen.
Auch Ungarns Oppositionspolitiker und prominente öffentliche Persönlichkeiten verurteilen die Äußerung einhellig. "Janos Lazar überschreitet alle Grenzen", kommentierte Peter Magyar, Chef der Tisza-Partei und in Umfragen derzeitiger Favorit für die Parlamentswahl am 12. April. "Er meint, die Roma sind gut genug Klos zu putzen, während er aus seinem Milliarden-Schloss das Land beklaut" - eine Anspielung auf ein Luxusanwesen von Lazar. Der ehemalige Ombudsmann für Minderheiten, Jenö Kaltenbach, nannte es "mit einer zivilisierten Demokratie unvereinbar", wenn jemand nach "solchen vulgären Äußerungen in der Politik bleibt".
Selbst Fidesz-nahe Roma-Politiker äußerten sich vorsichtig kritisch. So etwa forderte die Führung der Landesselbstverwaltung der ungarischen Roma (MROÖ) Lazar auf, "seine Äußerung zu korrigieren" und klarzustellen, dass die Roma "Partner der Regierung" seien, "keine stigmatisierte Gruppe". Der für Roma-Angelegenheiten zuständige Staatssekretär Attila Sztojka schwieg zunächst und sagte dann, man solle nicht ihn fragen, sondern denjenigen, der "einen Fehler begangen und solche verletzenden Sätze gesagt hat".
Lazar entschuldigt sich
Lazar selbst wies die Kritik von Oppositionspolitikern anfangs zurück und nannte sie "typisches liberales Gutmenschentum". Am vergangenen Samstag (24.01.2026) machte er jedoch bei einer Fidesz-Wahlkampfveranstaltung einen Rückzieher. "Ich möchte mich bei meinen ungarischen Landsleuten aus der Roma-Gemeinschaft entschuldigen, die sich durch diese Sätze verletzt gefühlt haben", sagte er. "Es tut mir wirklich leid."
Es ist nicht die erste derartige Äußerung von Lazar über Roma. Auf einer Wahlkampfveranstaltung im März 2018, bei der es um Migranten und ihre Integration ging, sagte er: "Wir leben seit 600 Jahren mit den Zigeunern zusammen, und bis heute konnten wir sie nicht integrieren."
Auch Orban äußert sich rassistisch
Auch Ungarns Premier Viktor Orban selbst fällt immer wieder mit rassistischen Äußerungen über Roma auf. Im Jahr 2012 sagte er auf einer ungarischen Roma-Konferenz über die "neue Roma-Politik" seiner Regierung, dass "jeder arbeiten müsse", denn: "Von Kriminalität kann man nicht leben."
2020 kritisierte er eine Gerichtsentscheidung, durch die Roma aus dem Dorf Gyöngyöspata eine Entschädigung erhielten, weil sie als Schulkinder jahrelang abgesondert von anderen Kindern lernen mussten. "Wie kann es sein, dass eine ethnisch definierbare Volksgruppe eine sehr bedeutende Geldsumme ohne jegliche Arbeitsleistung bekommt", fragte er. Das sei "Geld für nichts", so etwas könnten die Ungarn niemals akzeptieren, so Orban.
Paternalistisch-feudale Roma-Politik
Für den Premier und seine Partei ist es wichtig, sich einerseits vor den ungarischen Wählern als diejenige politische Kraft zu präsentieren, die die angeblich arbeitsscheuen und sozialschmarotzerischen Roma diszipliniert und ihnen einen Platz am unteren Ende der Gesellschaft zuweist.
Andererseits hat die große Mehrheit der Roma in den vergangenen Wahlen jeweils mehrheitlich für Orbans Fidesz gestimmt. Sie stecken im Teufelskreis der speziellen Orbanschen Roma-Politik fest, die paternalistisch-feudalen Charakter hat: Viele ungarische Roma wohnen in prekären Verhältnissen, haben wenig Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten und sind in großem Maße auf kommunale Arbeitsprogramme angewiesen, denn nur wer kommunale Arbeit leistet, bekommt Sozialhilfe. Die Teilnahme an solchen Arbeitsprogrammen wird wiederum von lokalen Bürgermeistern und Roma-Räten bestimmt, von denen viele Fidesz-treu sind. Auf diese Weise wird indirekt Druck ausgeübt, für Fidesz zu stimmen.
Dennoch könnten Äußerungen wie die von Janos Lazar nun zu einer Gegenbewegung unter Roma-Wählern führen, weil sie in den Augen vieler Roma das Maß der erträglichen Demütigung übersteigen. Dazu schreibt der Politologe Daniel Rona in einem Beitrag für das Portal Telex, ohne die Unterstützung der großen Mehrheit der Roma könne der Fidesz die Parlamentswahl am 12. April nicht gewinnen.
Orban scheint sich der Gefahr jedoch noch nicht bewusst zu sein. Ausgerechnet auf der Wahlkampfveranstaltung vom Samstag, auf der Janos Lazar sich für seine Äußerung entschuldigt hatte, erzählte Orban einen Witz über Roma - über einen "Zigeuner", der einen Ungarn durch den Verkauf eines blinden Pferdes betrügt. "Das größte Stererotyp über Roma" nannte das Budapester Roma-Pressezentrum den Witz und kommentierte: "Erst entschuldigen sie sich auf einer Fidesz-Veranstaltung für erniedrigende antiziganistische Äußerungen, dann versuchen sie die Stimmung mit Zigeunerwitzen aufzuhellen."