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PolitikUngarn

Ungarn: Unruhe, Furcht und Hoffnung vor der Wahl

10. April 2026

Enthüllungen, massenhaft Fake-News und bürgerkriegsartige Stimmung: Noch nie seit dem Ende der Diktatur 1989 hat Ungarn eine so aufgeheizte Wahlkampagne erlebt. Doch die Hoffnung auf ein Ende des Orban-Regimes ist groß.

Auf einem Farbfoto ist die verwitterte Fassade eines Wohnhauses zu sehen, an der zwei große Plakate mit Porträtfotos angebracht sind, die die Gesichter von Männern und große Schriftzüge in ungarischer Sprache zeigen
An einem Haus in Ungarn hängt Wahlwerbung für den amtierenden Premier Viktor Orban - und gegen Oppositionsführer Peter Magyar, der hier mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gezeigt wird Bild: Jakub Porzycki/NurPhoto/picture alliance

Er ist noch Ungarns Oppositionsführer - aber er spricht bereits, als sei er schon der neue Ministerpräsident. Die amtierende Regierung nennt er die "abdankende". Er sagt in fast jedem Auftritt, fast jedem Interview, dass der Systemwandel schon begonnen habe. Dazu zählt er im Detail auf, welches die wichtigsten ersten innen- und außenpolitischen Schritte der neuen ungarischen Regierung sein werden und wie er auch auf diejenigen zugehen möchte, die nicht für ihn stimmen.

Peter Magyar, 45, Rechtsanwalt, Ex-Diplomat und seit zwei Jahren Ungarns Oppositionsführer, mangelte es noch nie an Selbstbewusstsein. Doch im Laufe des Wahlkampfs und vor allem in den letzten Wochen vor der Wahl am 12. April hat der Chef der Tisza-Partei nochmals einen spürbaren Wandel durchgemacht - er tritt bereits als Sieger und Manager des Machtwechsels auf.

Magyar spiegelt damit die Befindlichkeit eines großen Teils der Ungarn. Steigende Unzufriedenheit mit Premier Viktor Orban und seinem System gab es schon seit längerem. Nun aber herrscht im Land so etwas wie Aufbruchstimmung vor einem grundlegenden Wandel - zugleich aber auch eine große Unruhe wegen der Wahlkampagne Orbans, die eine Parallelwelt voller fiktiver Gefahren für Ungarn aufgebaut hat. Laut Umfragen ist die Furcht groß, dass das Orban-Regime die Wahl im letzten Augenblick doch noch absagt oder ihr Ergebnis fälscht.

Massiver Stimmungsumschwung

Der Politologe und Soziologe Laszlo Keri, einst Lehrer des jungen Jura-Studenten Viktor Orban, sieht Ähnlichkeiten zum Systemwechsel in Ungarn 1989/90. Er rechnet mit der höchsten Wahlbeteiligung seit der ersten freien Parlamentswahl im März 1990, wie er in einem Interview mit dem Portal Uj Szo sagt. Zugleich sei es "auch eine Wahl, die Europas Zukunft beeinflussen kann, in einer Situation, in der Europa seinen Weg sucht", so Keri.

Oppositionsführer Peter Magyar bei einer WahlkampfkundgebungBild: Bela Szandelszky/AP Photo/picture alliance

Die Wahlforscher Attila Juhasz und Robert Laszlo von Budapester Institut Political Capital beobachten im Endspurt der Wahlkampagne für Orbans Partei Fidesz eine Verschiebung "von der sicheren zur unsicheren Wahl" - eine Anspielung auf den Fidesz-Wahlslogan "Die sichere Wahl".

Tatsächlich waren es in den vergangenen Wochen, anders als ursprünglich erwartet, nicht Orban und seine Partei, die den Wahlkampf dominierten. Es waren spektakuläre Enthüllungen über die obskuren und schmutzigen Praktiken im Orban-System. Das führte offenbar zu einem massiven Stimmungsumschwung bei vielen noch unentschlossenen Wählern.

Mehrheit will Neuanfang

Die meisten unabhängigen Forschungsinstitute prognostizieren kurz vor der Wahl einen klaren Sieg für die Tisza-Partei von Peter Magyar. Eine Umfrage sieht sogar eine haushohe Zwei-Drittel-Mehrheit für sie. Zwar sind solche Umfragen mit Vorsicht zu behandeln, da sie wichtige Wählerschichten und Gegenden in Ungarn nur schlecht abbilden. Dennoch steht fest: Eine klare Mehrheit der Wählerinnen und Wähler wünscht sich ein Ende des Orban-Regimes und einen grundlegenden Neuanfang im Land - politisch, sozial, wirtschaftlich.

Den vielleicht größten Ausschlag für den Stimmungsumschwung gab ein Interview des ehemaligen Polizeiermittlers Bence Szabo, dessen Abteilung zur Bekämpfung von Internet-Kinderpornographie für eine Geheimdienstoperation der Orban-Regierung gegen die Tisza-Partei benutzt wurde - mit dem Ziel, die Partei lahmzulegen und ihre Wahlchancen zunichte zu machen. Ein in der jüngeren Geschichte Ungarns präzedenzloser und in seinen Einzelheiten grotesker Fall.

In der Person des pflichtbewussten, ehrlichen und unpolitischen Polizeiermittlers Szabo, der mit seinen Bedenken gegen schmutzige politische Operationen bei Vorgesetzten auf taube Ohren stößt und der sich deshalb an die Öffentlichkeit wendet, fanden sich offenbar hunderttausende Ungarn wieder, wie die Reaktionen nach seinem Interview zeigten.

Stimmenkauf und Gefahrenvertuschung

Auf ähnlich große Resonanz stießen vor wenigen Tagen Enthüllungen über die prekären bis katastrophalen Zustände in der ungarischen Armee, während die ungarische Regierung gleichzeitig eine kostspielige Militärmission im zentralafrikanischen Staat Tschad plante - und zwar offenbar allein deshalb, weil Premier Orbans Sohn Gaspar sich eine bizarre, religiös motivierte Rettungsvision für Afrika ausgedacht hatte. Über den verworren anmutenden Lebensweg des Orban-Sohns von Stationen im ungarischen Profifußball über eine christliche Erweckungsbewegung in Uganda bis zur britischen Militär-Eliteakademie Sandhurst wurde in Ungarn seit Jahren häufig geschrieben.

Gaspar Orban (M.), der Sohn der ungarischen Premierministers, auf einem Screenshot eines Facebook-Videos während eines Besuches im TschadBild: Cnarr-Tchad/Facebook

Auch zahlreiche andere Affären erschütterten die ungarische Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen: Beispielsweise zeigt der Dokumentarfilm "Der Preis der Stimme", der Ende März auf Youtube veröffentlicht wurde, wie Orbans Fidesz-Partei seit Jahren die Wahlstimmen von armen Ungarn, Roma und Drogensüchtigen kauft. Anfang Februar kam heraus, dass die Samsung-Akku-Fabrik in Göd nördlich von Budapest Arbeiter extremer Gesundheitsgefährdung aussetzt und die Umwelt verschmutzt - die Orban-Regierung wusste seit langem davon, vertuschte die Zustände aber.

Gleichzeitig erfuhren die Ungarn von der Luxus-Renovierung des Nationalbank-Gebäudes in Budapest. Der Ex-Nationalbankchef György Matolcsy, einst Orbans wichtigster Finanzpolitiker, hatte sich dort unter anderem eine Privattoilette mit goldenen Klobürsten ausstatten lassen. Inzwischen ist die Matolcsy-Familie samt ihres trickreich erschwindelten Vermögens offenbar nach Dubai ausgereist.

Anbiedern beim Kreml

In der Öffentlichkeit verfestigte sich so das Bild einer Elite, die sich schamlos bereichert, der die Gesundheit der Bevölkerung und die Umwelt in Ungarn egal ist, die bei alledem aber Kritiker pausenlos beschuldigt, den nationalen Interessen zu schaden. Letzteres dürfte in den Ohren vieler Ungarn nun sehr zynisch klingen. Denn in den vergangenen Tagen veröffentlichten ungarische und internationale Medien Protokolle und Audioaufnahmen von Gesprächen Viktor Orbans und seines Außenministers Peter Szijjarto mit der russischen Führung. Daraus geht hervor: Die beiden biedern sich beim Kreml in zutiefst peinlicher Weise an. So etwa vergleicht sich Orban gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin mit einer Maus, die dem Löwen hilft.

Ungarns Premier Viktor Orban bei einem Besuch in Moskau am 28.11.2025 mit dem russischen Präsidenten Wladimir PutinBild: Alexander Nemenov/Pool/AFP

Erstaunlicherweise reagierten der Premier und seine Partei überwiegend nicht mit Dementis, sondern mit Aussagen wie der, dass man Ungarn gegen Spionage, Umsturzversuche oder militärische Angriffe aus der Ukraine verteidige. Unter dem Slogan der Einmischung aus der Ukraine und der EU stand seit Monaten auch die gesamte Kampagne von Orban und seiner Partei. Sie gipfelte in der grotesken Aussage Orbans, dass es bei der Wahl darum gehe, ob "Selenskyj oder ich die künftige ungarische Regierung bilden".

In der Kampagne wurden erstmals auch massenhaft mit künstlicher Intelligenz erzeugte Videos mit gefälschten Inhalten eingesetzt. Es war der erste derartige moderne europäische Wahlkampf, in dem auf so massive Weise eine parallele Wirklichkeit künstlich erzeugt wurde. Das Portal Telex zog angesichts dessen so Bilanz: "Am Ende der Kampagne bleibt nur eine Frage übrig: Ist die Angst stärker oder die Hoffnung?"

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