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PolitikUngarn

Ungarn: Was wird aus Orban und seinem System?

29. April 2026

Viktor Orban steht vor den Trümmern seines Lebenswerks. Sein System beginnt zu zerfallen, seine eigene politische und persönliche Zukunft ist offen. Er selbst sieht sich nach wie vor als Anführer der "nationalen Seite".

Ein Mann im Anzug, Viktor Orban, läuft durch leere Reihen im ungarischen Parlament. Er ist nur von hinten zu sehen
Verlässt Viktor Orban, hier bei der Vereidigung von Präsident Tamas Sulyok 2024, tatsächlich nach 16 Jahren an der Macht die politische Bühne?Bild: Marton Monus/dpa/picture alliance

Als Viktor Orban im Jahr 2002 zum ersten Mal von der Macht abgewählt wurde, erlebte er eine tiefe persönliche Krise. Die damalige knappe Niederlage kommentierte er mit den Worten: "Die Heimat kann nicht in der Opposition sein!" Sprich: Nur Orban und seine Partei können diesem Selbstverständnis nach die Interessen der ungarischen Nation wirklich vertreten, er ist ihr einziger legitimer Repräsentant. Dieser Satz prägte sich der Öffentlichkeit in Ungarn tief ein.

Es war die Erfahrung von 2002, die Orban veranlasste, ab 2010 mit Zwei-Drittel-Mehrheit seine "Ordnung der nationalen Zusammenarbeit" (NER) zu errichten, die ein Szenario wie 2002 künftig verhindern sollte. Dabei ließ er nicht nur das Wahlsystem auf seine Partei Fidesz zuschneiden. Er schuf zur Machtsicherung auch ein weit verzweigtes Klientelsystem, einen Überwachungsapparat und eine riesige Propagandamaschinerie. 16 Jahre lang half ihm dieses System, an der Macht zu bleiben.

Deshalb war die jetzige Niederlage der Fidesz-Partei für Orban bis zum Wahlabend am 12. April eigentlich unvorstellbar. Doch sie fiel so verheerend aus, dass Orban, anders als vor 24 Jahren, zunächst nahezu sprachlos und streckenweise auch wie ein gebrochener Mann wirkte, der die Welt nicht mehr versteht.

Orban tauchte erst einmal tagelang ab. Dann sprach er in einem Interview - dem bisher einzigen ausführlichen nach der Wahl - des ihm nahestehenden YouTube-Kanals Patriota von "Schmerz und Leere", die ihn erfüllten. Zugleich kündigte er "Widerstand gegen die Zerstörung dessen, was wir aufgebaut haben", an. Fehler seiner Regierung? Ja, man habe leider die Erweiterung des Atomkraftwerkes Paks - sie war mit russischer Hilfe geplant - nicht zu Ende gebracht. Der Journalistin, die ihn interviewte, eigentlich eine Orban-Anhängerin, verschlug es sichtlich die Sprache.

Großer Wunsch nach Abrechnung

Was wird nun aus Orban und seinem in 16 Jahren aufgebauten System? Hat der Langzeit-Autokrat noch eine Chance, in der Politik zu bleiben? Oder ist seine Karriere beendet? Plant er eine Flucht, wie Gerüchte besagen? Was geschieht mit seiner ganz auf ihn zugeschnittenen Partei Fidesz? Was mit seiner zu immensem Reichtum gelangten Familiendynastie, was mit den Oligarchen und den zigtausenden gut bezahlten Nutznießern seiner Ordnung?

Orbans Herausforderer Peter Magyar feiert am Tag der Wahl mit seinen Anhängern den ErdrutschsiegBild: Leonhard Foeger/REUTERS

Das sind Fragen, die die ungarische Öffentlichkeit zurzeit stellt. Atemlos berichten viele Medien im Land über jede noch so kleine Äußerung Orbans und seiner Parteifreunde, jede noch so kleine Bewegung seiner Oligarchen und Günstlinge, um Antworten zu bekommen. Nach 16 Jahren Orban zeigt das, wie sehr sich viele Ungarn von Orban jahrelang in Geiselhaft genommen fühlten und wie groß der Wunsch nach einer Abrechnung und einem Systemwandel ist.

Keine Reue

Der scheidende Premier zeigt bislang keine öffentliche Reue und weigert sich, in irgendeiner Weise Rechenschaft über Korruption und Machtmissbrauch in seinem System abzulegen. Zu seiner persönlichen Zukunft hatte er im Wahlkampf angekündigt, bis zur Rente Parlamentsabgeordneter zu bleiben, aber im Falle eines Wahlverlusts als Fidesz-Vorsitzender zurückzutreten - wobei er Fragen nach einer Wahlniederlage regelmäßig mit ironischem Unterton abgekanzelt hatte.

Nun kommt es wohl umgekehrt. Sein Parlamentsmandat gab Orban ab. Seinen Rücktritt als Fidesz-Chef erklärte er dagegen nicht, bot ihn der Partei aber an - nicht ohne zu betonen, dass er "für die Gemeinschaft" bereitstünde, wenn sie ihn rufe. Im Juni soll ein Parteitag über seinen Fidesz-Vorsitz entscheiden. Das Dilemma dabei: Ohne ihn würde seine Partei zerfallen, da sie völlig auf Orban zentriert ist. Mit ihm aber bleibt an der Partei außerhalb ihres kleinen Kernwählerlagers der Ruf einer korrupten Autokraten-Partei hängen. Orban selbst verkündete seine Zukunftspläne in einem Facebook-Video in semantisch bemerkenswerter Weise so: "Wir brauchen mich jetzt nicht im Parlament, sondern bei der Neuorganisation der nationalen Seite."

Orban wartet erst einmal ab

Viele ungarische Beobachter sehen dahinter weiterhin das langjährige Orban-Narrativ, demzufolge der von ihm angeführte Teil der Ungarn zur Nation gehöre, alle anderen aber nicht. Die Geste, das Abgeordnetenmandat zurückzugeben, bewerten viele als Mischung aus Flucht vor der Verantwortung und Dominanzanspruch. Orban will sich wohl nicht die Schmach antun, als Abgeordneter im Parlament Kritik an seiner Person und seinem System hören zu müssen. Zugleich sieht er es offenbar auch als unter seiner Würde an, einfacher Abgeordneter zu werden.

Am Abend der Wahl räumte ein sichtlich betroffener Viktor Orban seine Wahlniederlage einBild: Attila Kisbenedek/AFP

Insgesamt, so prognostizierte etwa der Politologe Daniel Rona im Nachrichtenportal Telex, werde Orban die Entwicklungen der kommenden Monate erst einmal abwarten, um über seine politische und persönliche Zukunft zu entscheiden. Dass Orban eine Flucht in die Vereinigten Staaten erwäge, um dort Asyl zu beantragen, wie der Investigativjournalist Szabolcs Panyi schrieb, dürfte wenig wahrscheinlich sein. Damit würde Orban sein Lebenswerk zerstören, seiner politischen Gemeinschaft und seiner Partei den Todesstoß versetzen und auch seiner Familiendynastie schwer schaden.

Transferiert die "Orban-Mafia" ihr Vermögen?

Sein Vater und sein jüngerer Bruder sind unter anderem im Bergbau und der Bauindustrie tätig und gehören zu den reichsten Unternehmern im Land. Allerdings sind Orbans älteste Tochter Rahel und sein Schwiegersohn Istvan Tiborcz, ebenfalls einer der reichsten Ungarn, im vergangenen Jahr in die USA ausgewandert. Gegen Tiborcz ermittelte das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) mehrfach, weil er betrügerische öffentliche Ausschreibungen gewonnen hatte. OLAF stellte Unregelmäßigkeiten fest und leitete Empfehlungen an die ungarischen Behörden weiter, um EU-Mittel zurückzufordern. In Ungarn wurden die Verfahren im Anschluss ad acta gelegt.

Gute Freunde unter sich: Viktor Orban beim Besuch im Weißen Haus im vergangenen JahrBild: Daniel Torok/Avalon/Photoshot/picture alliance

Absetzbewegungen sind auch unter Orbans Oligarchen und Günstlingen zu erkennen. Der künftige Premier Peter Magyar beschuldigte die "Orban-Mafia" vor einigen Tagen, ihre Milliardenvermögen ins Ausland zu transferieren, um Anti-Korruptionsuntersuchungen und der geplanten "Vermögensrückgewinnung" zu entgehen. Handfeste Beweise dafür gibt es bisher nicht. Allerdings berichteten ungarische Medien in den vergangenen Tagen über zahlreiche dubiose Finanztransaktionen bei Orbans Oligarchen, etwa seinem Jugend- und Schulfreund Lörinc Meszaros, ein Gasinstallateur aus Orbans Heimatdorf Felcsut, der bereits vor Jahren zum reichsten Mann Ungarns aufstieg.

Unterdessen herrscht in Orbans Partei noch immer Fassungslosigkeit über die Wahlniederlage. Der scheidende Parlamentspräsident Laszlo Köver sieht darin einen "momentanen Sieg satanischer Kräfte", aber: "Am Ende gehört der Sieg Jesus Christus." Ein bekannter Influencer aus dem Orban-Lager, Zsolt Jeszenszky, glaubt, dass Orban bei einem Indien-Besuch Anfang 2025 "unbeabsichtigt eine Götzenanbetung" begangen habe und damit "den bösen Geistern das Tor in sein Leben" geöffnet habe. Andere Fidesz-Politiker glauben, dass "die Zecken" - gemeint sind opportunistische Profiteure des Orban-Systems - die Wahlniederlage verursacht hätten. Nur die beiden plausibelsten Stichworte fielen bei der Ursachensuche bisher nicht: Korruption und Machtmissbrauch.

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