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Ungleichheit - schlecht für die Wirtschaft?

16. April 2018

Die Kluft zwischen Reich und Arm nimmt in vielen Ländern zu. Ökonomen untersuchen seit einiger Zeit verstärkt die Folgen. Das hat auch mit dem IWF zu tun, dessen Frühjahrstagung in Washington beginnt.

Flaschensammler Armut Reichtum
Bild: picture-alliance/W. Steinberg

Ökonomen gelten nicht als besonders mitfühlende Wesen. Ihr Blick ist fest auf Zahlen gerichtet, nicht menschliche Schicksale. Die meisten haben deshalb auch kein Problem mit Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen. Eher im Gegenteil: Menschen arbeiten härter, wenn sie ihre Situation verbessern wollen. Umverteilung kostet dagegen Geld und vermindert die Motivation, so das Argument.

Doch seit einigen Jahren zeichnet sich ein Gesinnungswandel ab. Ausgerechnet der Internationale Währungsfonds (IWF), dem oft vorgeworfen wurde, die Ungleichheit zu vergrößern, warnt inzwischen vor den negativen Folgen. Der Industrieländer-Club OECD sieht das ähnlich. Das Besondere: sie argumentieren nicht politisch, sondern wirtschaftlich.

Wachstumsdämpfer

"Wenn die Ungleichheit bei den Einkommen wächst, fällt das Wirtschaftswachstum", so eine OECD-Studie. Der IWF kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. "Wenn der Anteil der Top 20 Prozent (der Reichen) an den Einkommen steigt, nimmt das Wirtschaftswachstum mittelfristig ab", heißt es in einer IWF-Studie.

Die OECD-Forscher beziffern die Wachstumseinbußen auf satte 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts innerhalb der letzten 25 Jahre. Für Deutschland kommt das Berliner Forschungsinstitut DIW im Auftrag der gewerkschaftsnahen Friedrich-Ebert-Stiftung auf 40 Milliarden Euro im Jahr.

Befürworter der Umverteilung schöpften Hoffnung. Endlich schien der Beweis erbracht, dass der Kampf gegen Ungleichheit nicht nur ethisch oder politisch geboten, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist.

Zu schön, um wahr zu sein

"Wenn das so wäre, müssten alle vernünftigen Menschen für mehr Umverteilung sein", sagt Holger Stichnoth, Leiter der Forschungsgruppe Internationale Verteilungsanalysen beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. "Es wäre zu schön, um wahr zu sein."

Denn die Kritik aus Fachkreisen ließ nicht lange auf sich warten - an der Methodik der Studien, der Datenlage und den untersuchten Zeiträumen. "Letztlich ist es nicht klar, ob es wirklich einen positiven, negativen oder gar keinen Zusammenhang gibt" zwischen Ungleichheit und Wirtschaftswachstum, sagt Stichnoth.

Kein zweifelsfrei bewiesener kausaler Zusammenhang - "das ist das Dilemma der Sozialwissenschaften", so Stichnoth.

Doch die Debatte ist längst nicht beendet. Zuletzt legten IWF-Forscher nach, präzisierten frühere Ergebnisse und versuchten, den genauen Punkt zu bestimmen, ab dem sich Ungleichheit negativ auf das Wachstum auswirkt.

Ungleichheit nimmt zu

An bestimmten Befunden gibt es auch unter Ökonomen keine Zweifel. Etwa, dass einkommensschwache Familien weniger in Bildung investieren - und so noch weniger Chancen haben auf einem Arbeitsmarkt , der nach Fachkräften verlangt.

Außer Frage steht auch, dass die Ungleichheit in den meisten Ländern zugenommen hat. Der IWF nennt das "eine der großen Herausforderungen unserer Zeit". In ihren 35 Mitgliedsländern sei die Kluft zwischen Reich und Arm "so groß wie seit 30 Jahren nicht mehr", so die OECD.

Weltweit ist die Entwicklung ähnlich. "Die Ungleichheit bei Einkommen hat in den vergangenen Jahrzehnten in fast allen Weltregionen zugenommen", heißt es im World Inequality Report 2018, an dem unter anderem der französische Ökonom Thomas Piketty mitgearbeitet hat.

Stabil blieb die Ungleichheit nur dort, wo sie ohnehin "extrem hoch" ist - im Nahen Osten, Subsahara-Afrika und Brasilien.

Ist also alles hoffnungslos? Werden die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer? Nein, sagt Verteilungsforscher Stichnoth. "Global haben Länder, die früher sehr arm waren, in den letzten 30 Jahren massiv aufgeholt. Die großen Gewinner dieser Entwicklung sind die ganz Reichen und die Mittelschicht in China und anderen asiatischen Ländern."

In China und Indien ist die Ungleichheit zwischen Arm und Reich gewaltig. Und doch ist der Einkommensabstand dieser Länder zu den USA oder Europa geringer geworden. Global gesehen hat die Ungleichheit abgenommen.

Weniger ungleich

Das zeigt auch der Gini-Index, der Ungleichheit als Zahlenwert darstellt. Er liegt theoretisch zwischen Null (alle haben gleich viel) und 100 (einer hat alles). Global gesehen lag er zuletzt bei 65, ein deutliche Verbesserung, so eine Studie des Peterson Institute for International Economics. Das ist eine Folge des Wirtschaftswachstums vieler einst armer Länder, vor allem in Asien. Bis 2035 könnte sich die globale Ungleichheit weiter reduzieren, erwarten die Forscher, auf einen Gini-Wert von 61.

Doch selbst dann läge der globale Index noch immer deutlich höher als innerhalb einzelner Länder wie Deutschland (29), den USA (39) oder China (47). Die Welt als Ganzes ist ungerechter als Staaten.

Suche nach Schutz

Und selbst wenn sich die globale Ungleichheit verringert - "das ist nur ein schwacher Trotz für die, die selbst nichts davon haben", sagt Stichnoth. Dazu gehören auch Gering- und Durchschnittsverdiener in Europa und den USA. Global gesehen mögen sie reich sein, doch ihre Einkommen haben kaum oder gar nicht zugelegt, so der World Inequality Report. Andere Studien haben sogar sinkende Einkommen festgestellt.

Globale Angleichung bei gleichzeitigem Anstieg der Ungleichheit innerhalb der Länder - auch das ist eine mögliche Erklärung für das Erstarken von Populismus, Nationalismus und Protektionismus.

"Bürger können das Vertrauen in Institutionen verlieren, und das untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Glauben an die Zukunft", schreiben die IWF-Forscher.

Leere Kassen beim Staat

Ob Regierungen diesem Trend etwas entgegensetzen können, ist dagegen fraglich. Denn oft fehlen im Staatshaushalt schlicht die Mittel.

Fast alle Länder haben seit den 1980er Jahren große Teile ihres Staatseigentums privatisiert. "Die Länder wurden reicher, doch die Regierungen wurden arm", heißt es im World Inequality Report. Das beschränke nun ihren Handlungsspielraum im Kampf gegen Ungleichheit.

Andreas Becker Wirtschaftsredakteur mit Blick auf Welthandel, Geldpolitik, Globalisierung und Verteilungsfragen.
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