Unruhen in Tansania lähmen Wirtschaft in Afrikas Südosten
7. November 2025
Die Unruhen in Tansania nach der umstrittenen Wiederwahl der Präsidentin Samia Suluhu Hassan hatten auch Auswirkungen auf den Warenverkehr in der Region: Insbesondere das landeinwärts gelegene Malawi wurde hart, getroffen da mehrere Tage lang keine Lastwagen ins Land einreisen konnten. Mehrere Grenzübergänge zwischen Malawi und Tansania wurden geschlossen, nachdem es in den Tagen um die Wahlen am 29. Oktober zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen war. In Songwe, auf der tansanischen Seite, stürmten Randalierer Regierungsgebäude und verwüsteten Zollämter.
"Die Zapfsäulen sind hier leer. Man kann in Lilongwe und Salima kaum noch Treibstoff bekommen", sagte Sydney Chaima gegenüber DW in Malawis Hauptstadt.
Laut dem malawischen Transportverband legte die Unruhe den Güterverkehr lahm. Doch sind die Lieferketten auch gestört, weil schon am Hafen der tansanischen Wirtschaftsmetropole Daressalam die Abfertigung von Schiffen stockte und die Zufahrtsstraße zeitweise blockiert war. Daressalam gilt als Drehkreuz auch für landeinwärts liegende Binnenstaaten wie Malawi, Sambia oder Simbabwe. Sie importieren große Mengen etwa an Treibstoff, Pharmazeutika, landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, Fahrzeuge oder Textilien über tansanische Häfen.
Politische Krise als Problem für die gesamte Region
Die gewaltsamen Unruhen sind eine direkte Folge der Wahlen vom 29. Oktober, bei denen Präsidentin Suluhu Hassan laut Wahlkommission mit fast 98 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt wurde. Rund um den Wahlgang war das Internet abgeschaltet worden; bereits im Vorfeld wurden immer wieder Oppositionelle verhaftet. Deshalb initiierten Anhänger der Opposition Proteste gegen das Wahlergebnis, die schnell in Gewalt umschlugen. Inzwischen beklagt ein Anwaltsverband, bei den Unruhen seien mehr als 1000 Menschen getötet worden. Die tansanischen Strafverfolgungsbehörden klagten indes 145 Personen wegen Hochverrats an, weil sie Wahlbehinderungen geplant haben sollen. Der politische Streit um die Legitimität der Wahl ist damit also keineswegs beendet.
Experten warnen unterdessen, dass die anhaltende politische Instabilität in Tansania Auswirkungen für die gesamte Region hat. "Wir könnten einen Anstieg der Inflation und ein geringeres Wachstum erleben. Die Landwirte werden am stärksten betroffen sein. Wir befinden uns in einem entscheidenden Moment, in dem Düngemittel dringend benötigt werden", sagte Christopher Mbukwa, Wirtschaftswissenschaftler und Dozent an der Universität Mzuzu in Malawi, gegenüber der DW.
Ein smarter Handelskorridor, lahmgelegt durch die Internetsperre
Tansania ist eines von 16 Mitgliedern der Entwicklungsgemeinschaft des Südlichen Afrika (SADC) und ein wichtiger Knotenpunkt des Nord-Süd-Korridors (NSC), einer der wichtigsten regionalen Handels- und Transportrouten Afrikas. Das Netzwerk aus Häfen, Straßen und Eisenbahnlinien verbindet den SADC-Block mit der Region der Großen Seen Afrikas. Mehr als 60 Prozent des gesamten SADC-Handels laufen über diesen Korridor.
Anfang des Jahres billigten die SADC-Mitglieder Botswana, Demokratische Republik Kongo (DRK), Malawi, Mosambik, Südafrika, Sambia und Simbabwe einen Plan zur Entwicklung eines "intelligenten Korridors". Davon versprechen sie sich ein BIP-Wachstum von 16,1 Milliarden US-Dollar und die Schaffung von 1,6 Millionen Arbeitsplätzen. Die Häfen Tansanias spielen eine entscheidende Rolle bei den Fahrzeugimporten nach Simbabwe und schlagen jährlich etwa 15.000 Autos um.
"Der Internetausfall in Tansania war ein großes Problem", sagte Trice Chisamba, ein simbabwischer Autoimporteur, gegenüber der DW. "Wir konnten nicht mit den Spediteuren kommunizieren. Einige unserer Fahrzeuge wurden freigegeben und außerhalb des Hafens abgestellt; wir befürchteten, dass sie bei den Unruhen zerstört werden könnten."
Analysten haben erklärt, dass Importeure möglicherweise alternative Routen über Häfen in Mosambik oder Südafrika in Betracht ziehen müssen, obwohl diese teurer sein könnten. "Akteure verschiedener Branchen müssen schnell handeln, um alternative Häfen zu finden", sagte Mbukwa.
Freie Meinungsäußerung eingeschränkt
Die Wahlbeobachtermission der SADC in Tansania verurteilte die umstrittene Wahl und erklärte, sie habe demokratischen Standards nicht entsprochen. In ihrem vorläufigen Bericht führte die Mission aus, dass Wähler in vielen Gebieten ihren Willen nicht frei äußern konnten. Sie bemängelte zudemEinschränkungen der Opposition und Berichte über Wahlfälschung.
"Insgesamt entsprach die Parlamentswahl 2025 in der Vereinigten Republik Tansania nicht den Grundsätzen und Richtlinien der SADC für demokratische Wahlen", erklärten die SADC-Beobachter.
Politische Analysten warnen davor, dass die Legitimität von Präsidentin Samia Suluhu Hassan nach der ungewohnt deutlichen Kritik der SADC infrage gestellt werden könnte.
"Die SADC sagt lediglich, dass es in Tansania keine Wahlen gegeben hat - eine Ansicht, die unter den Tansaniern weit verbreitet ist", sagte Tito Mugoti, ein Menschenrechtsanwalt in Daressalam, zur DW. "Die von ihr gebildete Regierung ist illegitim. Das Parlament ist illegitim. Die Interessen des Volkes werden nicht vertreten", fügte er hinzu.
Amtseinführung mit wenig Gästen
Suluhu Hassan wurde am Montag in einer privaten Zeremonie vereidigt. Lediglich zwei Präsidenten von SADC-Staaten nahmen teil: Hakainde Hichilema aus Sambia und Daniel Chapo aus Mosambik.
Einige Sambier kritisierten Hichilema für seine Teilnahme an der Amtseinführung und deuteten an, dies käme einer Billigung einer umstrittenen Wahl gleich. "Die politische Haltung, die wir für die Präsenz Sambias in Tansania vertreten, ist dieselbe, die Kamuzu Banda in den 1960er Jahren hatte", schrieb der politische Aktivist Joseph Kalimbwe auf X.
Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa entsandte seinen Stellvertreter Constantino Chiwenga. "Was in Tansania geschehen ist, ist äußerst beunruhigend und muss unbedingt vermieden werden", sagte Chiwenga im simbabwischen Staatsfernsehen. "Ich glaube, Tansania ist erwachsen geworden und gilt als Wiege aller Befreiungsbewegungen. Ich bin überzeugt, dass sie ihre Differenzen beilegen und gemeinsam voranschreiten werden."
Die südafrikanische Regierung hat sich bisher nicht zu den Entwicklungen in Tansania geäußert. Ihr Präsident Cyril Ramaphosa wurde erst kürzlich zum Interims-Vorsitzenden der SADC ernannt. Der für 2025 vorgesehene Vorsitzende der Entwicklungsgemeinschaft, Andry Rajoelina, wurde kurz vor den umstrittenen Wahlen in Tansania im Zuge politischer Unruhen durch einen Putsch als Präsident Madagaskars gestürzt.
Der Artikel erschien im Original in Englisch.