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Berlin schließt größte Unterkunft für Ukraine-Flüchtlinge

9. November 2025

Das Aufnahmezentrum für Geflüchtete aus der Ukraine im einstigen Flughafen Tegel erntete oft Kritik. Die Berliner Regierung hatte längst Pläne für das Areal und will sie nun umsetzen. Was passiert jetzt mit den Menschen?

Blick in eine Halle mit ehemaligem Gepäckband im Aufnahmezentrum für ukrainische Flüchtlinge auf dem Gelände des einstigen Flughafens Berlin-Tegel, im Hintergrund mehrere Personen an Tischen, im Vordergrund ein Wegweiser
Aufnahmezentrum für ukrainische Flüchtlinge auf dem Gelände des einstigen Flughafens Berlin-TegelBild: Emmanuele Contini/IMAGO

Der ehemalige Flughafen Tegel in Berlin diente fast seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine als großes Aufnahmezentrum für die Menschen, die vor dem Krieg fliehen mussten. Dort landeten sie nach ihrer Ankunft in der deutschen Hauptstadt, dort wurden sie registriert oder erhielten eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung. Doch die Tage dieses Zentrums sind zumindest in seiner jetzigen Form gezählt. In wenigen Monaten wird es aufgelöst. Auf dem Flughafengelände soll ein neues Stadtviertel entstehen.

Dezentrale Unterbringung

Die Lebensbedingungen für die Flüchtlinge in Tegel wurden vielfach kritisiert. Ursprünglich war das Zentrum nur für die vorübergehende Aufnahme von Ukrainern geplant, die in großen Zelten und Containern untergebracht wurden. Doch einige mussten mehr als ein Jahr dort verbringen. Seit einigen Monaten werden die Flüchtlinge in andere Berliner Unterkünfte verlegt, um Tegel bis Ende 2025 vollständig zu räumen.

Berlin möchte die Flüchtlinge dezentraler unterbringen, zumal derzeit nicht mehr so viele in der Hauptstadt eintreffen. Die Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung und Integration teilte der DW mit, dass aktuell noch etwa 1500 Flüchtlinge aus der Ukraine in Tegel leben. Vor einem Jahr waren es demnach noch rund 5000.

Rund 5000 Menschen leben heute noch im Flüchtlingszentrum TegelBild: DW

Die Webseite der Unterkunft in Tegel weist seit Mitte des Sommers darauf hin, dass keine neuen Flüchtlinge mit Haustieren aufgenommen würden. Diese Vorgabe ist wohl darauf zurückzuführen, dass Haustiere eine schnelle Unterbringung in anderen Berliner Unterkünften erschweren. Die Ukrainer, die bereits mit ihren Haustieren in Tegel gelebt haben, werden in eine Unterkunft auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof im Süden der Stadt verlegt.

Im Hangar eines anderen Flughafens

Der 45-jährige Wolodymyr Sawenko aus Horischni Plawni in der Region Poltawa kam Ende des Sommers nach Deutschland. Den ersten Monat verbrachte er in Tegel, bevor er nach Tempelhof verlegt wurde. Dort seien die Lebensbedingungen zwar besser, berichtet er, aber auch nicht optimal. In Tempelhof sind vier bis sechs Personen pro Zimmer untergebracht, in Tegel waren es acht Personen.

Schlafsaal im Ankunftszentrum TegelBild: DW

"Wir leben in Wohncontainern, die in einem Hangar stehen, wo früher Flugzeuge repariert wurden. Hier ist das Essen besser", sagt Sawenko, der einiges in Tegel trotzdem besser fand. "In Tempelhof muss man zum Duschen die Straße überqueren - und zur Toilette auch. In Tegel waren Duschen und Toiletten in den Zelten."

Ein Zelt als Speisesaal im ehemaligen Flughafen TegelBild: DW

Sawenko sucht selbstständig nach einer Wohnung. Sobald er eine passende findet, möchte er Sprachkurse besuchen und sich in Deutschland eine Stelle als Verlader oder Busfahrer suchen. In der Ukraine arbeitete er als Lkw-Fahrer.

Kleinere Unterkünfte bieten mehr Privatsphäre

Auch der 18-jährige Viktor Matwijenko aus dem Bezirk Obuchiw in der Region Kyjiw ist Ende des Sommers nach Deutschland gekommen und lebte anderthalb Monate in Tegel. In dieser Zeit seien drei große Zelte auf dem Gelände des einstigen Flughafens abgebaut worden, in denen etwa 300 bis 400 Menschen untergebracht waren.

Matwijenko und seine Freundin wussten bis zuletzt nicht, wohin und wann sie verlegt würden. Schließlich kamen sie in einem Wohnheim im Norden Berlins unter. Dort leben auch Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Iran, Irak, aus Syrien, der Republik Moldau, Russland und Vietnam. Das Wohnheim bietet Platz für insgesamt 450 Personen. Fast ein Drittel davon sind Ukrainer, die aus Tegel umgesiedelt wurden.

Ein Wohnheim für Flüchtlinge im Norden BerlinsBild: DW

Einer der größten Vorteile von Tegel war laut Matwijenko, dass es dort freiwillige Helfer und Dolmetscher gab. Sie unterstützten die Ukrainer bei der Integration in ihre neue Umgebung. Außerdem hatte er viel Kontakt zu anderen ukrainischen Flüchtlingen, was im neuen Wohnheim nicht mehr der Fall ist. Dennoch gefällt es ihm im kleineren Wohnheim etwas besser. Hier haben er und seine Freundin ein eigenes Zimmer. Sie können in der Küche selbst kochen, was in Tegel nicht möglich war. Dort gab es für alle große Speisesäle.

Der ukrainische Flüchtling Viktor Matwijenko in einer Flüchtlingsunterkunft in BerlinBild: DW

Für Matwijenko ist Tegel nun Vergangenheit. Er konzentriert sich jetzt darauf, Deutsch zu lernen, um ein Studium oder eine Berufsausbildung zu absolvieren. In der Ukraine besuchte er eine Schauspielschule für Film und Fernsehen.

Auch im Berliner Senat sieht man die Vorteile kleinerer Unterkünfte. "Dezentrale Unterbringung bedeutet, die Lasten auf viele Beteiligte zu verteilen und ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis zu schaffen", betont Cansel Kiziltepe, Berliner Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung und Integration. Sie sagt, Berlin wolle 8600 neue Plätze für Flüchtlinge einrichten. Statt provisorischer Unterkünfte mit geringem Komfort und wenig persönlichem Freiraum, wie es in Tegel der Fall war, setzt Berlin nun auf kleine Wohnungen in verschiedenen Stadtteilen. Das sei, so betonen die Verantwortlichen, der beste Weg, um Flüchtlinge zu integrieren.

Ein neuer Berliner Bezirk soll entstehen

Unterdessen soll auf dem Areal des ehemaligen Flughafens Tegel ein neues Stadtviertel entstehen. Die Vorbereitungen dafür begannen schon im Jahr 2021, die erste Bauphase ist für das kommende Jahr geplant. Das teilte das beauftragte Unternehmen Tegel Projekt auf Anfrage der DW mit.

Modell der künftigen Bebauung des ehemaligen Flughafens TegelBild: Tegel Projekt GmbH

Die als Baudenkmäler geschützten Flughafengebäude werden demnach erhalten und saniert. Im Terminal A soll eine Hochschule untergebracht werden. Zudem ist der Bau eines Forschungs- und Industrieparks mit einer Fläche von über 200 Hektar geplant. Dieser Park hat bereits einen Namen: Urban Tech Republic. Er soll sich modernen Technologien widmen.

Auf dem Areal in Tegel soll aber auch ein Wohngebiet entstehen - sozial, nachhaltig und grün. Das neue Schumacher Quartier mit Schulen, Kindergärten und Sportplätzen sowie über 5000 Wohnungen soll Raum für mehr als 10.000 Menschen bieten. Zusätzlich sind neue Grünflächen vorgesehen. Die Investitionen belaufen sich auf rund acht Milliarden Euro und stammen aus öffentlichen und privaten Quellen.

Vorerst wird das Aufnahmezentrum für Flüchtlinge in Tegel nicht vollständig verschwinden. Bis Mitte 2026 soll es gemäß den EU-Vorschriften in ein reguläres Aufnahmezentrum umgewandelt werden. Anstelle der großen Zelte werden Wohncontainer aufgestellt. Das erneuerte Aufnahmezentrum soll bis zu 2600 Personen aufnehmen können. Die Berliner Regierung will es bis Mitte 2031 nutzen.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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