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Pfandflaschensammler

Ronny Arnold30. September 2012

Sie wühlen in Papierkörben oder schieben volle Einkaufswagen vor sich her: Pfandflaschensammler. Ein harter Job. Nun wollen die Macher einer neuen Webseite ihnen helfen, indem sie Kunden via Telefon vermitteln.

Pfandsammler. Ralf telefoniert mit Pfandgeber. 12. September, 2012, Berlin Copyright: Ronny Arnold via Ronny Arnold, www.mediedienst-ost.de
Pfandsammler BerlinBild: Ronny Arnold

Unsere Verabredung steht: Berlin Friedrichshain, S-Bahn-Station Frankfurter Allee, hagerer Typ mit Brille und Hund. "Icke bin genau dein Mann", hat Ralf ins Telefon berlinert. Nun sitzt er tatsächlich auf einer Bank am Bahnsteig und dreht entspannt eine Zigarette. Ralf ist Ur-Berliner, seit Jahren auf den Straßen der Hauptstadt unterwegs, vor allem im Stadtteil Friedrichshain. Immer an seiner Seite: Ganesh, sein 14 Jahre alter Hund. Ralf selbst ist 44 Jahre alt, die ersten Jahre nach der Lehre arbeitete er auf dem Bau und verdiente "gutes Geld" wie er sagt. Dann allerdings kamen die Probleme: Drogen, Selbstmordversuch, Totalabsturz.

Vor Kaufhallen gebettelt

Heute ist er Frührentner, das Geld kommt vom Amt, und wenn Ralf die Miete und laufende Kosten beglichen hat, bleiben unterm Strich noch 250 Euro im Monat. Zu wenig für Essen, Tabak und Bierchen. Zu wenig aber vor allem für die Fahrten alle drei Monate zu seinem Sohn nach Bayern. Deshalb verdient er dazu; hat schon alles mögliche gemacht. "Straßenmusiker war ich, hab vor Kaufhallen gebettelt, alte Sachen aus dem Müll rausgekramt und geputzt: Bratpfannen, Besteck, Musikanlagen." Den Kram verkaufte er auf dem Flohmarkt, eine Weile lief es ganz gut, dann kamen immer mehr professionelle Händler. Sein Geschäftsmodell war dahin.

So kam Ralf auf die Pfandflaschen. Seit drei Jahren sammelt er nun schon und hat sich vor einem Jahr auf der Webseite "pfandgeben.de" registriert. Dem Seitenbetreiber musste er nur eine kurze SMS schicken, seitdem läuft es. Keine Gebühren, keine versteckten Kosten, das Pfandgeld wandert zu 100 Prozent in seine Tasche. "Dadurch habe ich zehn Tage im Monat, wo ich nicht im Dreck rumkramen muss, sondern ganz sauber bei Leuten, die mich anrufen, Flaschen abholen kann.“

Vermitteln per Internet und HandyBild: Jonas Kakoschke

Die Win-Win-Situation

Das Handy klingelt, am Telefon ein Kunde mit Pfandflaschen. Ralf darf sie abholen - aber bitte sofort. Seine Schrittlänge verdoppelt sich, der alte Ganesh kommt kaum hinterher. "Unter fünf Euro ist eigentlich nie etwas dabei, die Regel sind zehn bis 15 Euro." Nach kurzem Klingeln öffnet sich in der Glatzer Straße die Tür, die Flaschen stehen im 3. Stock, Ralf beginnt sofort mit dem Einpacken. Entspannt beobachtet Markus Köhler, Student, Anfang 20, wie sein Küchenboden langsam wieder zum Vorschein kommt und die Flaschen in den Plastiktüten verschwinden. "Man feiert halt gern mal und dann kommen schnell ein paar Flaschen zusammen." Blöd nur, dass danach selten einer Bock habe, sie wegzubringen. Deswegen sei 'pfandgeben.de' eine super Sache bei der beide Seiten gewinnen würden. "Wir sind die Flaschen los und er hat ein bisschen Kleingeld."

Sieben Euro bringen die Flaschen im nächsten Laden - Ralf ist zufrieden. Er bringt mich noch ein Stück zur U-Bahn Richtung Kreuzberg, dann zieht er weiter. Direkt am Landwehrkanal betrete ich ein schickes, riesiges Loft-Büro. "Social impact lab" steht an der Stahltür, drinnen sitzen, hinter ihren Laptops, "Sozialunternehmer". Sie sind junge Kreative, die mit innovativen Ideen nicht unbedingt das große Geld verdienen, aber die Welt ein wenig besser machen wollen. Mittendrin, der Erfinder von "pfandgeben.de", der 29-jährige Jonas Kakoschke. Die Idee entstand "in einem spaßigen Gespräch mit Freunden". Da ging es um Studenten-WGs, auch Jonas wohnte zu dieser Zeit in einer. Immer wieder fielen Flaschenberge an, keiner fühlte sich verantwortlich. "Wir sind anscheinend, auch wenn wir als Studenten relativ wenig Geld haben, nicht darauf angewiesen, die Flaschen wegzubringen. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, denen das wirklich viel bringen würde, auch wenn es nur Cent-Beträge sind."

Jonas Kakoschke, Erfinder der Seite "pfandgeben.de"Bild: Jonas Kakoschke

Das Problem beschäftigte ihn. Anfang 2011 zieht Jonas mit einem Fragebogen los, interviewt Pfandsammler, erklärt ihnen seine Idee und will wissen, wie viele ein Handy besitzen. Einige wollen erst gar nicht mit ihm reden, doch der Großteil sagt: "Hier ist meine Nummer, trag mich da ein." Seit einem Jahr ist die Seite nun bundesweit online, 1200 Pfandnehmer von Aachen bis Zwickau sind mittlerweile registriert.

Kritik von Sozialverbänden

Ziemlich schnell nach Eröffnung seiner Seite kritisierten Sozialverbände die Idee, weil Jonas Kakoschke nicht prüft, ob ein Pfandnehmer bedürftig ist oder nicht. "Ich vertraue da ganz klar auf die Moral der Menschen", verteidigt er sein einfaches System. "Es ist doch nicht wirklich so ertragreich, dass ich meinen Job schmeiße und Pfand sammeln gehe." Ein Kritiker seiner Webseite sitzt in Berlin-Pankow und heißt Guido Fahrendholz. Er arbeitet beim Straßenfeger-Radio, einem einstündigen Wochenmagazin mit vorwiegend sozialen Themen. Die Idee findet er prinzipiell gut, problematisch werde es aber, wenn professionelle Sammler tatsächlich Bedürftigen quasi die Arbeit wegnehmen. Er hätte sich gewünscht, dass Jonas Kakoschke zuerst mit Sozialverbänden spricht, bevor er online geht. "Ich könnte mir ein Netz von Nothilfeeinrichtungen vorstellen, die die Vermittlung in ihren Bezirken übernehmen. Es könnte auch zentral gesammelt und mit dem Erlös direkt am Menschen geholfen werden."

Jonas Kakoschke hat auf die Kritik reagiert und jetzt ein Urlaubssemester eingelegt, will mit Institutionen reden, sich Tipps holen. Doch was sagen eigentlich die Nutzer der Seite, die Pfandnehmer? Also noch einmal zurück nach Friedrichshain. Ralf sitzt vor einem Laden, trinkt Kaffee, hat gerade noch ein paar Flaschen abgegeben. Von einer Bedürftigkeitsprüfung hält er nichts. "Ich glaube nicht, dass jemand der nicht bedürftig ist, diesen Job macht." Weil keiner sich die Mühe mache, sich "die langen Arme und die wunden Knie holt", um ein paar Flaschen einzusammeln. "Mach doch mal einen Beutel mit Bierflaschen voll und bring den zum Einkaufsladen. Da weißt du, was ein Euro wert ist."

Pfandsammler Ralf gibt seine Flaschen abBild: Ronny Arnold