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Frustration und Desinteresse

Gero Schließ, Los Angeles18. Juni 2013

Mehr als 700.000 Amerikaner iranischer Abstammung leben im Großraum von Los Angeles. Wie denken sie in "TehrAngeles" - der größten iranischen Gemeinschaft in den USA - über die iranischen Präsidentschaftswahlen?

Bijan Khalili in seinem Buchladen (Foto: DW/Schließ)
Bild: Gero Schließ

Früh morgens am Swimmingpool kommt die erste Begegnung mit TehrAngeles völlig überraschend. Hoch über den Dächern von Los Angeles säubert Tony Lasar das Wasserbecken. Er ist technischer Leiter des Chamberlain Hotels.

1999 siedelte er aus dem Iran in die USA über. Der Christ assyrischer Abstammung wurde gemeinsam mit seiner Familie als religiöser Flüchtling anerkannt. Er sagt, er verdanke seinem neuen Heimatland viel. Doch richtig angekommen scheint er auch nach fast 15 Jahren noch nicht.

Leider habe er keine amerikanischen Freunde, sagt er. "Den einzigen Kontakt mit Amerikanern habe ich beim Einkaufen oder im Beruf. Das erste Problem ist, ich war nicht auf der Uni. Das zweite Problem ist die Sprache. Die ist okay für das Einkaufen und den Job. Aber sie reicht nicht, um mit Amerikanern Kontakt aufzunehmen."

Nach 20 Jahren immer noch nicht in den USA angekommen: Tony LasarBild: Gero Schließ

Tony Lasar ist kein Einzelfall - doch Menschen wie ihm gilt kaum das Medien-Interesse. Lieber wird berichtet über die schönen, erfolgreichen und hochgebildeten Amerikaner iranischer Abstammung in Los Angeles. Über Frauen wie Bita Milanian, die als Direktorin der renommierten Farhang Foundation iranische Kunst und Kultur in den Vereinigten Staaten präsentiert. Die elegante Frau gehört zur gesellschaftlichen Spitze in Los Angeles und spricht ein exzellentes Englisch. Drei Jahre hat sie in Deutschland gelebt, bevor sie 1989 in die USA ging und dort Karriere machte.

Sie fühle sich genauso amerikanisch wie iranisch, sagt sie: "Es ist wie bei einem Rührei, alles ist vermischt, Man kann das nicht mehr voneinander trennen. Und wir alle hier: Wissenschaftler, Geschäftsleute, Manager oder auch kleine Ladenbesitzer, wir alle sind Teil der Gesellschaft. Es ist unsere Pflicht, genauso viel zum Gemeinwohl beizutragen wie die anderen Amerikaner."

Das wahre Gesicht Irans

Bita Milanian, die zwar noch im Iran geboren ist, sich aber zur zweiten Generation der Exil-Iraner zählt, misst der Kulturvermittlung eine wichtige Bedeutung bei. Wenn in den Medien mal wieder negative Nachrichten aus dem Iran Schlagzeilen machten, könnte sie mit Kunst dieser Jahrtausende alten Kulturnation das wahre Gesicht des Irans zeigen, sagt sie.

Mit Lasar verbindet sie, dass sie über Politik nicht gerne redet. Schon gar nicht öffentlich. Ganz anders Bijan Khalili, der nach der Islamischen Revolution des Ajatollah Khomeini im Oktober 1980 in die USA floh. Auf dem Westwood Boulevard, der gesäumt wird von vielen persischen Geschäften, gründete er den Ketab Bookstore, mittlerweile die größte persische Buchhandlung in den USA. In den Regalen stehen auch "verbotene Bücher", die im Iran nicht verlegt und verkauft werden dürfen.

Little Persia: Ketab Bookstore auf dem Westwood Boulevard in Los AngelesBild: Gero Schließ

Fundamentalkritik an den Wahlen

Zu den iranischen Präsidentschaftswahlen am 14. Juni, bei denen nur die vom Wächterrat zugelassenen Kandidaten antreten durften, hat Khalili eine klare Meinung: "Erstens: Das ist keine Wahl nach den europäischen und amerikanischen Standards. Zweitens: Ich bin nicht einverstanden mit der Verfassung der Islamischen Republik Iran. Deswegen bin ich hier. Ich war gegen das Regime. Deswegen bin ich geflohen und war in den vergangenen 30 Jahren nicht im Iran. Ich bin mit diesen Wahlen nicht einverstanden und akzeptiere auch nicht ihr Ergebnis."

Die Politikwissenschaftlerin Nayereh Tohidi, die gleich an zwei großen Universitäten in Los Angeles lehrt, argumentiert differenzierter. Sie versteht die Frustration vieler Exil-Iraner, die kaum Chancen für eine Änderung der Situation in der Heimat sehen. Entscheidend für sie ist aber, was die Betroffenen im Iran selber meinen. "Ich bekomme Nachrichten von Aktivisten aus dem Iran", erzählt Tohidi, "Frauen und Studenten, die sagen: Es ist einfach für euch in Los Angeles zu sagen, ihr seid Dummköpfe, wenn ihr wählen geht. Aber schaut, wir leiden so sehr, die Unterdrückung ist so verstärkt worden und der wirtschaftliche Druck ist gewachsen. Wir brauchen eine Veränderung, wir brauchen etwas - selbst eine kleine Veränderung kann uns helfen."

Kaum Chancen auf eine Änderung

Ist sich bewusst, dass Exil-und Inlands-Iraner die Dinge unterschiedlich sehen: Nayereh TohidiBild: Gero Schließ

Der Journalist Reza Goharzad sagt, dass sich von den Iranern in Los Angeles kaum einer für die Wahlen interessiere. Goharzad ist Moderator bei einem der vier persisch-sprachigen TV-Kanäle, die auch im Iran zu empfangen sind. Bei den Sendungen gehe es nicht um Propaganda, sondern um Zugang zu Informationen und um eine Plattform für Kritik, die im Land selber manchmal nur unter großen Gefahren geäußert werden kann.

"Auch wenn sie ihre Stimme nicht erheben können - wir können es. Wenn sie über bestimmte Sachen nicht sprechen können - wir können das tun. Leute im Iran können zum Beispiel nicht sagen, dass sie für eine säkulare Republik sind. Für eine Trennung von Staat und Religion. Damit würden sie sich gegen die Islamische Republik stellen."

Angst, über Politik zu sprechen

Selbst hier in Los Angeles ist bei manchen iranisch-stämmigen Gesprächspartnern Angst spürbar, über Politik zu sprechen oder gar die Verhältnisse im Iran offen zu kritisieren. Wer noch Familie drüben hat oder selber in die alte Heimat reist, hält sich bedeckt. Berichte von Festnahmen und Folterungen zeigen ihre Wirkung.

Die Hoffnung, irgendwann wieder in einen freien Iran zurückkehren zu können, haben nicht viele. Die Fixierung auf die alte Heimat hat lange Zeit erschwert, in der neuen Heimat Wurzeln zu schlagen und sich über das private Umfeld hinaus öffentlich zu engagieren.

Die iranische Minderheit ist vergleichsweise hochgebildet und wirtschaftlich erfolgreich. Dass sie im öffentlichen Raum kaum wahrnehmbar ist, dafür macht der Geschäftsmann Reza Amin noch andere Gründe aus. Die Iraner kämen aus einem Land, das keine starke Beteiligung am politischen Leben kenne: "Du arbeitest und verdienst Geld und du überlässt die Politik jemand anderem. Die Iraner sind erfolgreiche Geschäftsleute und Wissenschaftler, aber sie kümmern sich nicht um Politik. Das ist eine Herausforderung für uns."

Keine Senatoren iranischer Herkunft

Dementsprechend gibt es weder im Repräsentantenhaus noch im Senat einen Politiker mit iranischen Wurzeln. Das ist auch dem Multimillionär Khosrow Semnani aufgefallen. Der gelernte Physiker ist mit dem Handel von radioaktivem Atommüll reich geworden. Die Semnani Family Foundation engagiert sich seit 20 Jahren für gesellschaftliche Anliegen. Sie unterstützt ein Wrestling-Turnier in Los Angeles genauso wie den Kampf gegen den Hunger in Afrika.

Im feinen Beverly Hills Hotel läßt sich Semnani von einer erlesenen Gästeschar für seine Wohltaten feiern. Unter den Gästen sind ein ehemaliger Astronaut und - per Video-Botschaft - der legendäre Schwimmer und Goldmedaillengewinner Mark Spitz.

Keine Frage, dass Semnani auch den Wahlkampf von Senatoren und Kongressabgeordneten finanziell unterstützt. Dass im Weißen Haus eines Tages ein US-Präsident iranischer Herkunft regiert, hält Semnani nicht für unmöglich. Jedenfalls erscheint das zur Zeit wahrscheinlicher als ein demokratisch gewählter Präsident in seinem Heimatland Iran.

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