Der US-Vizepräsident in Ungarn: Kann JD Vance Orban retten?
8. April 2026
Bevor JD Vance anfängt, seine eigene Rede zu halten, kündigt er einen "Special Guest" an. Er holt sein Mobiltelefon hervor und hält es ans Mikrofon. Tausende Gäste jubeln. Doch dann meldet sich nur die Sprachmailbox des Präsidenten der USA. "Ok", sagt JD Vance kleinlaut und peinlich berührt. Im Saal sind gequält lachende Gesichter zu sehen.
Beim zweiten Versuch klappt es. Erst antwortet offenbar ein Assistent, dann Donald Trump persönlich. Wegen der schlechten Qualität der Verbindung ist anfangs kaum etwas zu verstehen. Dann folgen anderthalb Minuten Trumpscher Worthülsen: "Fantastisch", "großartig", "unglaublich", "brillant", "Ich liebe Viktor Orban", "Ich liebe euch alle".
JD Vance bedankt sich bei seinem Präsidenten und spricht nun selbst. "Wir müssen dafür sorgen, dass Viktor Orban wieder zum Premierminister gewählt wird, nicht wahr?", beginnt er seine Rede. Wieder jubeln Tausende.
Die MTK-Sportpark-Halle in Ungarns Hauptstadt Budapest am Dienstag (7.04.2026): Der US-Vizepräsident hält vor rund 5000 Gästen eine Rede, um den ungarischen Premier im Wahlkampf-Endspurt zu unterstützen. Obwohl er an einer Stelle betont, dass er niemandem vorschreiben wolle, wen er oder sie zu wählen habe, ruft er dennoch mehrmals direkt oder indirekt zur Wahl Orbans auf. Kurz vorher hatte auch Orban eine Rede gehalten, am Ende der Veranstaltung klopfen sich die beiden zu triumphaler Musik auf die Schultern.
Orban hatte auf Trump gehofft
Am kommenden Sonntag (12.04.2026) findet in Ungarn die Parlamentswahl statt. Es ist die wichtigste Wahl seit dem Ende der kommunistischen Diktatur 1989/90. Orban könnte mit einiger Wahrscheinlichkeit abgewählt werden. Das wäre nicht nur ein tiefer Einschnitt nach 16 Jahren autokratischer Herrschaft und einem radikalen Umbau des EU-Mitgliedslandes, sondern würde auch den populistischen Rechtskonservativen und Rechtsextremen europa- und weltweit einen empfindlichen Schlag versetzen.
Eigentlich hatte Orban seit Monaten darauf gehofft, dass der US-Präsident persönlich kommen würde - immerhin ist der ungarische Premier seit vielen Jahren ein bis zur Selbstverleugnung loyaler Trump-Verbündeter. Doch der ist - aus offiziell unbekannten Gründen - nicht nach Budapest gereist. Dafür besucht nun JD Vance die ungarische Hauptstadt gleich zwei Tage lang, um Orban zu helfen, an der Macht zu bleiben.
Kein normaler Besuch
Es ist ein ungewöhnlicher Besuch, nur wenige Tage vor der Parlamentswahl und mit so offener Unterstützung für einen Kandidaten. Normalerweise finden Besuche von US-Präsidenten oder -Vizepräsidenten und anderen international bedeutenden Politikern mit größerem zeitlichem Abstand vor einer Wahl statt. Und normalerweise sind gerade hohe US-Repräsentanten bei Wahlkampfveranstaltungen um mehr Distanz bemüht, weil sie die diplomatischen Beziehungen nach einem Machtwechsel nicht gefährden wollen.
Anders im Falle von Trump und seinem Vize Vance. Der US-Präsident selbst rief die Ungarn auf seiner Plattform Truth Social bereits mehrfach in den vergangenen Wochen auf, Orban wiederzuwählen. JD Vance wiederholte in Budapest nahezu nach dem Copy-Paste-Prinzip Orbans antieuropäische Rhetorik. Die Brüsseler Bürokraten und "fremde Kräfte" wollten den Ungarn vorschreiben, wie sie zu leben und zu handeln hätten, so Vance. Doch Ungarn unter Orban wehre sich gegen illegale Migration, gegen feministische und Gender-Ideologie, gegen bevormundende Umweltvorschriften - und würde seine Souveränität bewahren.
"Wirkung tendiert gegen Null"
Eigentlich haben Viktor Orban, seine Regierung und seine Partei Fidesz ihre gesamte Wahlkampagne auf das Narrativ der Abwehr einer angeblichen ausländischen Einmischung in die ungarische Wahl aufgebaut: Angeblich wollen die Ukraine und die EU in Ungarn eine Marionettenregierung installieren. Doch in Wirklichkeit hält sich die EU im ungarischen Wahlkampf schon seit Monaten auffällig und nahezu maximal zurück.
Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verkneift sich inzwischen polemische Bemerkungen über Viktor Orban, wie er sie noch vor einigen Wochen gemacht hatte. Nun sind es ausgerechnet Orban und JD Vance, die lehrbuchartig vormachen, wie ausländische Einmischung in einem Wahlkampf aussieht.
Doch Beobachter bezweifeln, dass die zweitägige Wahlkampfunterstützung Orban wirklich hilft. "Hätte Viktor Orban drei Kreisstädte besucht, hätte das für seinen Wahlkampf mehr gebracht als der Besuch des US-Vizepräsidenten", sagt der Wahlforscher Robert Laszlo vom Budapester Institut Political Capital in einem Interview mit dem Portal Telex. Die Wirkung des Auftritts tendiere gegen Null, es gebe nur noch wenige unentschlossene Wähler, mit dem Vance-Besuch habe Orban nur seinem eigenen Lager etwas vorzeigen können.
Orbans Geste mit der Hand
Tatsächlich könnte der Auftritt von Vance bei vielen Wählern sogar einen negativen Eindruck hinterlassen haben. Der US-Vizepräsident sprach unter anderem davon, dass die Einmischung der "Brüsseler Bürokratie" höhere Energiepreise für die Ungarn bedeute - ein typisches Orban-Narrativ. Derzeit dürfte vielen Ungarn bei solchen Worten nur einfallen, dass es nicht Brüssel, sondern Trumps Krieg gegen den Iran ist, der die Energiepreise auch in Ungarn ansteigen lässt - der Krieg eines Mannes, den Orban immer wieder als "Mann des Friedens" bezeichnet.
Auch Orban selbst scheint nicht ganz überzeugt, dass ihm der Vance-Besuch wirklich noch helfen kann. Als der US-Vizepräsident sich am Dienstag auf einer Pressekonferenz zuversichtlich äußerte, dass Orban die Wahl gewinnen werde, machte der Premier dazu mit seiner Hand eine Geste, die besagen sollte, das sei nicht sicher.