Wer arbeitet für die US-Einwanderungsbehörde ICE?
17. Januar 2026
Es ist noch nicht lange her, da zählte die US-Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) zu den eher unbekannten Vollzugsbehörden der Vereinigten Staaten. Doch seit dem zweiten Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump stehen ICE-Mitarbeiter bei den von der Regierung vorangetriebenen Massenabschiebungen an vorderster Front.
Dank einer Anwerbungsaktion des US-Heimatsschutzministeriums (DHS), das "qualifizierte patriotische Amerikaner im ganzen Land" sucht, hat sich die Zahl der ICE-Einsatzkräfte seit Anfang vergangenen Jahres mehr als verdoppelt, von 10.000 auf 22.000.
Insgesamt 605.000 Menschen wurden laut Trump-Regierung zwischen dem 20. Januar und dem 10. Dezember 2025 abgeschoben, 1,9 Millionen Immigranten hätten sich zudem "freiwillig selbst abgeschoben".
Eine derart umfassende Aufstockung einer Vollstreckungsbehörde ist ungewöhnlich und in der Geschichte der Einwanderungsbehörde, die 2002 gegründet wurde, ohne Beispiel. Sie wirft Fragen zur Überprüfung und Eignung der Bewerber auf.
Verkürzte Ausbildungszeiten
Die Ausbildungszeit für eine Tätigkeit bei ICE wurde für die Anwerbeaktion von 16 auf 8 Wochen verkürzt. Die Verpflichtung, Spanisch zu lernen, die Sprache der meisten illegalen Einwanderer im Land, wurde ganz gestrichen. Fragen der DW zu ihrer Einstellungspraxis ließ die Behörde unbeantwortet.
Nach dem Tod von Renee Nicole Good werden Bedenken bezüglich der Ausbildung der ICE-Einsatzkräfte und der mutmaßlichen Politisierung der Behörde lauter. Good war von einem ICE-Mitarbeiter erschossen worden, was landesweite Demonstrationen auslöste und ein Dutzend Staatsanwälte im Bundesstaat Minnesota veranlasste, aus Protest zurückzutreten.
"ICE sucht Kandidaten, die bestimmte Anforderungen in Bezug auf Eignung und Qualifikationen erfüllen. Dazu gehören die Staatsangehörigkeit, körperliche Fitness, Hintergrundüberprüfungen und, für bestimmte Aufgaben, eine Ausbildung oder Erfahrungen im Bereich Strafverfolgung", erklärt die US-amerikanische Anwältin Melissa Hamilton, die früher auch als Polizistin und Gefängniswärterin tätig war, der DW.
"Gleichzeitig wurde bei den jüngsten Rekrutierungskampagnen mehr Wert auf Masse als auf Qualität gelegt, wobei erhebliche Mittel darauf verwendet wurden, zehntausende Positionen zu füllen und Anreize zu schaffen, die möglichst viele Bewerber ansprechen sollten."
Uncle Sam im Dienste der Einwanderungsbehörde
Hamilton, die an der University of Surrey in England Strafrecht lehrt, betont, dass einige Elemente der Einstellungsstrategie von ICE, wie die Teilnahme an Jobmessen oder Online-Anzeigen, typisch für Vollzugsbehörden seien. Die Behörde setze aber auch einige ungewöhnliche Methoden ein.
"Der aktuelle Ansatz von ICE unterscheidet sich im Ausmaß und in der Intensität der Medienkampagne. Mit einem ungewöhnlich hohen Werbebudget und breiter Öffentlichkeitsarbeit wird versucht, einen großen Bewerberpool zu generieren", erläutert Hamilton.
Die in den traditionellen und den sozialen Medien platzierte Kampagne nutzt Rekrutierungsinstrumente, die sich stark auf die Kernbotschaften von Trump stützen - und ist sehr umstritten. So kommt zum Beispiel die Figur des "Uncle Sam" in der "Karriere"-Rubrik der ICE-Website zum Einsatz, das personifizierte Symbol der US-Regierung, mit dem die Vereinigten Staaten unter anderem im Ersten Weltkrieg Soldaten anwarben. In den sozialen Medien wurde das Gemälde "American Progress" gepostet, das häufig für seine Darstellung weißer Siedler auf dem Weg in den Westen kritisiert wird, während eine Gruppe Indigener wegläuft.
Die US-Tageszeitung "Washington Post" konnte ein 30-seitiges Dokument einsehen, das die Kosten für die Kampagne, die vom DHS als "Anwerbung in Kriegszeiten" bezeichnet wurde, für das Jahr 2026 mit 100 Millionen US-Dollar (86 Millionen Euro) beziffert. In diesen Dimensionen dürfte es weitergehen, denn Trumps "Big Beautiful Bill" stellt ICE für die nächsten vier Jahre ein Budget in Höhe von 170 Milliarden Dollar (147 Milliarden Euro) für die Grenzsicherung und die Durchsetzung der Gesetze im Landesinneren zur Verfügung.
Kampagne richtet sich an Trumps Basis
Doch wichtiger als die Poster und Slogans scheint die "datenbasierte Öffentlichkeitsarbeit" zu sein, wie sie vom DHS bezeichnet wird. Viele Beobachter gehen davon aus, dass ICE moderne Methoden einsetzt, um die Zielgruppen zu erreichen, die die Ideologie von Trump teilen.
Hamilton verweist auf die Praxis des Geofencing. Das bedeutet in diesem Falle, dass die Webbrowser und Social-Media-Feeds von Personen, die sich in der Nähe von Militärstützpunkten, bestimmten Sportereignissen oder Waffen- und Handelsmessen aufhalten, lokalisiert und gezielt von Rekrutierungsanzeigen angesteuert werden können.
Laut dem von der "Washington Post" eingesehenen Dokument versucht ICE, den Markt mit Anzeigen in den sozialen Medien zu "fluten" und Influencer auf Seiten wie dem bei Anhängern der politischen Rechten beliebten Videoportal Rumble einzusetzen.
"Die Botschaft von ICE scheint insbesondere in den jüngsten Kampagnen auf Menschen ausgerichtet zu sein, die für patriotische und die nationale Sicherheit betreffende Themen empfänglich sind. Sie scheint darauf ausgelegt, die MAGA-Anhängerschaft anzusprechen, und transportiert implizit eine 'America First'-Botschaft", vermutet Hamilton. Das Material gebe jedoch keine direkten politischen Kriterien für Bewerber vor.
Neue Mitarbeiter werden mit Prämien in Höhe von bis zu 50.000 Dollar (43.000 Euro) und Unterstützung bei der Rückzahlung von Studentendarlehen gelockt.
"Die Kampagne richtet sich gezielt an Menschen, die keine oder unzureichende Beschäftigung haben oder aus der Arbeiterschicht stammen", sagt Hamilton. "Wen sie vermutlich nicht anspricht, sind Menschen mit einem Interesse an sozialer Gerechtigkeit."
Wie erfolgreich ist die neue Strategie?
Während ICE mit ihrer Kampagne offenbar auf bestimmte Bevölkerungsgruppen abzielt, hat sie seit Jahresbeginn die Altersgrenzen abgeschafft. So kann sie aus einem größeren Pool potenzieller Kandidaten schöpfen. Bislang mussten Bewerber mindestens 21 Jahre alt sein. Die obere Altersgrenze lag je nach Aufgabe zwischen 37 und 40.
Das Heimatschutzministerium beteuert, seine Einstellungsverfahren würden "strikte Standards für Ausbildung und Einsatzbereitschaft" gewährleisten. Die Rekrutierungskampagne möge Kritiker haben, aber in gewisser Weise habe sie funktioniert, meint Hamilton.
"Der Erfolg hängt von den angewendeten Kriterien ab: Wenn es das Ziel war, die Mitarbeiterzahlen signifikant zu erhöhen, dann scheint die Anwerbung erfolgreich gewesen zu sein. Wenn es das Ziel war, Vollstreckungsbeamte mit viel Erfahrung zu gewinnen, ist das Ergebnis durchwachsen. Bezüglich der Erfahrung der neuen Mitarbeiter gibt es angesichts der Anforderungen bei der komplexen Arbeit im Bereich der Einwanderungskontrolle Bedenken."
Solche Unterscheidungen hält das Ministerium für überflüssig. "Mit diesen neuen Patrioten im Team können wir erreichen, was viele für unmöglich hielten, und das Versprechen von Präsident Trump erfüllen, Amerika wieder sicher zu machen", stellte es Anfang des Monats mit Stolz fest.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.