USA-Israel: Worum geht es beim mutmaßlichen Spionagevorwurf?
9. Juni 2026
Mehrere US-Medien berichten, dass eine anonyme Quelle aus dem militärischen Nachrichtendienst der USA (DIA) interne Informationen zugespielt habe. Demnach hat das Pentagon Israel aufgrund stark ausgeweiteter Geheimdienstaktivitäten gegen die USA in die höchste Kategorie der Spionagebedrohung hochgestuft. Washington hat das dementiert, Jerusalem hat die Vorwürfe als "völlig falsch" zurückgewiesen.
Dennoch sorgen die Berichte in Washington für Aufsehen, weil Israel als einer der engsten Partner der USA gilt. Zugleich zeigen sie ein Jahrzehnte altes Problem: das gegenseitige Misstrauen gegenüber den Geheimdienstaktivitäten des strategischen Verbündeten. Letztlich aber könnte es um etwas ganz anderes gehen.
Ausspähen unter Freunden: Ging das schon immer?
In Deutschland erinnert die Meldung an einen Ausspruch, den die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte, nachdem bekannt geworden war, dass der US-Auslandsgeheimdienst NSA ihr Handy überwacht hatte: "Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht." Kurz darauf wurde allerdings bekannt, dass auch der deutsche Auslandsgeheimdienst BND über Jahrzehnte verbündete Länder, Regierungen und Institutionen ausspioniert hatte.
Der deutsche Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom ist überzeugt, dass sich auch befreundete Staaten geradezu routinemäßig ausspionieren - und zwar auch und gerade die USA und Israel: "Es gab immer wieder Operationen des Mossad in den Vereinigten Staaten im Rahmen der Bekämpfung des internationalen Terrorismus, die mit dem FBI nicht abgestimmt waren. Umgekehrt war Israel bei der funk-elektronischen Aufklärung der National Security Agency (NSA, d. R.) immer ein interessantes Ziel - insbesondere in sämtlichen Kriegen."
Welche Fälle israelischer Spionage gegen die USA sind bekannt?
Der bis heute wohl prominenteste Fall israelischer Spionage in den USA ist der von Jonathan Pollard im Jahr 1987. Der US-Amerikaner hatte als Geheimdienstmitarbeiter der US-Navy Informationen an einen israelischen Geheimdienst weitergegeben und laut "The Times of Israel" dafür mehrere Zehntausend US-Dollar erhalten.
Nach seinem Geständnis wurde er in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt. Israelische Spitzenpolitiker setzen sich immer wieder für Pollards Freilassung ein. 2015 wurde er schließlich gegen Auflagen aus der Haft entlassen. Als Pollard 2020 nach Israel ausreisen durfte, empfing ihn Ministerpräsident Benjamin Netanjahu persönlich am Flughafen. "Das war schon ein Affront für die Amerikaner", sagte Schmidt-Eenboom der DW.
Im Jahr 2004 wurde bekannt, dass Lawrence Franklin, ein Politikanalyst im US-Verteidigungsministerium, vertrauliche Informationen über die Iran-Politik der USA über die einflussreiche pro-israelische Lobbyorganisation AIPAC an Israel weitergegeben habe. AIPAC und Israel bestreiten dies, Franklin wurde jedoch für seine Spionagetätigkeit verurteilt.
Im Zuge der Snowden-Affäre 2013 war israelische Spionage in den USA kein prominentes Thema. Doch die britische Tageszeitung "The Guardian" erwähnt fast nebenbei, dass laut einem der vom Whistleblower Edward Snowden geleakten Dokumente eine "Nationale Geheimdiensteinstufung (NIE)" bereits 2008 zu dem Ergebnis gekommen war, dass der israelische der "drittaggressivste Geheimdienst gegenüber den USA" sei.
Welche Verbündeten haben die USA ihrerseits ausspioniert?
Bekannt wurde Snowden mit seinen Enthüllungen, weil sie die anlasslose Überwachung von Abermillionen Menschen durch die NSA und andere US-Geheimdienste publik machten. Die Dokumente zeigten zudem, wie eng die NSA mit den Nachrichtendiensten befreundeter Staaten zusammenarbeitete. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die USA auch Verbündete ausspionierten. Betroffen waren unter anderem die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die französischen Präsidenten Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und François Hollande.
Im Jahr 2023 deuteten geleakte Pentagon-Dokumente darauf hin, dass US-Geheimdienste interne Beratungen der südkoreanischen Regierung überwacht hatten. Beide Seiten stritten dies ab und gaben gemeinsam bekannt, dass die Dokumente größtenteils gefälscht seien - ohne dies zu spezifizieren.
Was macht den aktuellen Fall so brisant?
Weitgehend unstrittig ist, dass die Affäre vor dem Hintergrund des gemeinsamen Kriegs der USA und Israels gegen den Iran und dem angespannten Verhältnis zwischen Donald Trump und Benjamin Netanjahu zu sehen ist: Während der US-Präsident offenbar versucht, den Konflikt schnellstmöglich beizulegen, tut Netanjahu in Trumps Augen zu wenig dafür, die brüchige Waffenruhe zu stabilisieren.
Nach verschiedenen Einschätzungen könnte Israel tatsächlich eine rote Linie überschritten haben, indem es hochrangige Regierungsbeamte überwacht, die mit den US-Verhandlungen mit dem Iran vertraut sind - darunter der US-Sonderbeauftragte Steve Witkoff und mehrere Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums.
Demnach wäre die Hochstufung Ausdruck einer Vertrauenskrise zwischen Washington und Jerusalem. Es bliebe aber die Frage, warum die Information - anscheinend gegen den Willen der US-Regierung - an die Öffentlichkeit gelangte.
Ob die Information stimmt oder nicht, ist für Erich Schmidt-Eenboom nebensächlich. Er ist überzeugt, dass sie in Absprache mit der US-Regierung lanciert wurde. Trump suche nach Mitteln, Israel unter diplomatischen Druck zu setzen.
"Angesichts der Midterms im November könne er sich jedoch nicht leisten, die israelische Lobby in den USA gegen sich aufzubringen, etwa indem er Israel einfach die Militärhilfen kürzt", sagt er. Unter dem Eindruck, Israel verstoße durch Spionage massiv gegen US-amerikanische Interessen, sei dies deutlich einfacher: "Jetzt hat der amerikanische Präsident die Möglichkeit, Druck auf Israel auszuüben, die Bombardements einzustellen und Truppen aus dem Südlibanon zurückzuziehen", sagt der Geheimdienstexperte.