US-Gerichte haben mehrere Vorhaben von Donald Trump wieder einkassiert. Der Präsident tobt - und setzt sich teils sogar über richterliche Anordnungen hinweg. Wie sehr untergräbt er damit den amerikanischen Rechtsstaat?
Ist mit einigen Richtersprüchen über seine Politik überhaupt nicht einverstanden: US-Präsident Donald TrumpBild: AP/dpa/Picture alliance
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Am Mittwoch eskalierte der Streit vollends: "Wenn ein Präsident nicht das Recht hat, Mörder und andere Kriminelle aus unserem Land zu werfen, weil ein durchgeknallter linksradikaler Richter das Präsidentenamt übernehmen will, dann steckt unser Land in großen Schwierigkeiten, dann ist es zum Scheitern verurteilt!", wetterte US-Präsident Donald Trump auf seinem Netzwerk Truth Social über einen Beschluss des US-Bundesrichters James Boasberg. Trump und mehrere republikanische Kongressabgeordnete forderten sogar dessen Amtsenthebung.
Was war passiert?
Donald Trumps Regierung hatte zuvor hunderte Venezolaner abgeschoben. Der US-Administration zufolge soll es sich um Mitglieder einer Drogenbande gehandelt haben. Trotz vehementer Proteste von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro wurden sie nach El Salvador ausgeflogen und dort im berüchtigten CECOT-Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert.
In El Salvadors Hochsicherheitsgefängnis
Schwerverbrecher, Mörder, Gangmitglieder: Das CECOT-Gefängnis steht für die erbarmungslose Verfolgung von Bandengewalt. Von Befürwortern als Erfolgsmodell gefeiert, mahnen Kritiker die Einhaltung von Menschenrechten an.
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Harte Haftbedingungen
Dicht gedrängt leben Gangmitglieder in El Salvadors Hochsicherheitsgefängnis. Die Insassen schlafen auf Stahlpritschen ohne Matratze, dürfen nur 30 Minuten pro Tag ihre Zellen verlassen und keinen Besuch empfangen. Einige Insassen sitzen hier Haftstrafen von bis zu 200 Jahren ab.
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Ein Symbol im Kampf gegen Bandenkriminalität
Im CECOT (Centro de Confinamiento del Terrorismo) leben etwa 15.000 Häftlinge, das Hochsicherheitsgefängnis ist Teil des Programms von Präsident Nayib Bukele im Kampf gegen schwere Bandenkriminalität in El Salvador. Im Jahr 2022 erklärte der amtierende Präsident den Notstand, um der extremen Gewalt durch kriminelle Gangs entgegenzutreten. Seitdem wurden fast 80.000 Menschen verhaftet.
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Tätowierungen verfeindeter Banden
Gangtätowierungen zieren die Körper der Insassen, "MS" steht für Mara Salvatrucha oder MS-13. In den späten 1990er-Jahren lieferten sich die verfeindeten Gangs Barrio-18 und MS-13 einen erbitterten Bandenkrieg um Drogenhandel und Erpressungsgeschäfte in El Salvador.
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Mit harter Hand gegen Kriminalität
Morde und Bandenkriminalität sind seit dem harten Vorgehen der Regierung Bukele drastisch zurückgegangen, für viele Menschen in El Salvador ein großer Erfolg. Menschenrechtsorganisationen kritisieren jedoch das Vorgehen der Regierung. Den Insassen würde der Kontakt zu Familie und Anwälten verwehrt; häufig würden sie mit Gewalt zu Geständnissen gezwungen, so die Vorwürfe.
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Lebenslange Haft
Ein Mitglied der kriminellen Gang Barrio-18 zeigt seine Tätowierungen auf Kopf, Armen und Oberkörper. Er wurde zu 200 Jahren Haft verurteilt. Für viele Häftlinge ist klar: Hier, aus diesem größten Gefängnis Lateinamerikas, kommen sie in ihrem Leben nicht mehr raus.
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Sport und Fitness unter Aufsicht
Für 30 Minuten Sport- und Fitnessübungen im geräumigen Mittelgang der Haftanlage dürfen die schwerbewachten Insassen einmal am Tag ihre Zellen verlassen. Etwa 1000 Wachleute des Gefängnisses sowie 600 Soldaten und 250 Polizisten bewachen die Häftlinge rund um die Uhr.
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Virtuelle Gerichtsverhandlung
Zwei Insassen verfolgen eine Gerichtsverhandlung virtuell in einem schmalen Nebenraum. Neben den Fitnessübungen der einzige Grund, um die Zelle für einige Zeit zu verlassen. CECOT, rühmt sich El Salvadors Präsident Bukele, sei das Vorzeigemodell seines Landes für die erbarmungslose Bekämpfung von Gangkriminalität.
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Unschuldig im Gefängnis?
Zwar wird das Vorgehen der Regierung von Befürwortern als Erfolgsmodell gefeiert. Doch immer wieder soll es in El Salvador auch zu willkürlichen Verhaftungen kommen. Im Jahr 2024 wurde die Unschuld zahlreicher Insassen offiziell anerkannt; etwa 8000 Menschen wurden entlassen. Die Menschenrechtsorganisation Socorro Juridico Humanitario glaubt, dass noch weit mehr Menschen unschuldig in Haft sind.
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Trump berief sich dabei auf ein Gesetz aus dem Jahr 1798, das es erlaube, "ausländische Feinde" aus dem Land zu werfen. Der Washingtoner Bundesrichter Boasberg hatte die Abschiebung untersagt - zunächst müsse geprüft werden, ob das Gesetz überhaupt anwendbar sei. Doch die Trump-Regierung setzte sich über den Richterspruch hinweg. Zum Zeitpunkt des richterlichen Stopps seien die Flugzeuge bereits in der Luft gewesen, hieß es zur Begründung.
Zahlreiche Zankäpfel
Es ist bei weitem nicht der einzige Fall, bei dem Trump-Administration und US-Justiz über Kreuz liegen. So ordnete etwa ein US-Bundesrichter an, die von Trump und seinem Berater Elon Musk vorangetriebene Abwicklung der Entwicklungshilfeagentur USAID zu stoppen. Eine Bundesrichterin aus Maryland blockierte zumindest vorerst den von Trumps Verteidigungsminister Hegseth vorangetriebenen Rauswurf von Transmenschen aus dem US-Militär. Eine weitere Richterin aus Washington verpflichtete die Regierung zur Zahlung von Zuschüssen in Höhe von 14 Milliarden Dollar an drei Klimaschutz-Organisationen.
Darf vorerst nicht weiter zerschlagen werden: die Entwicklungsbehörde USAidBild: Sofia Toscano/colprensa/dpa/picture alliance
"Wir haben außer Kontrolle geratene Richter, die unser Land zerstören", schimpfte Trump in einem Interview des US-Senders Fox News. Auf die Frage, ob er sich einem Gerichtsurteil widersetzen würde, sagte Trump: "Nein, das kann man nicht tun."
Unrechtmäßige Abschiebungen?
Wirklich nicht? "Im Moment ist es so, dass Trump vor Gericht eine Niederlage nach der anderen kassiert," sagt Johannes Thimm, stellvertretender Forschungsgruppenleiter Amerika der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "Und nun gibt es erste Anzeichen dafür, dass er bestimmte Gerichtsurteile entweder ignoriert oder sogar offen anzweifelt und ihnen praktisch nicht Folge leistet." Derzeit scheint dies insbesondere bei Abschiebungen zu geschehen.
Erst vor wenigen Tagen wurde Rasha Alawieh, eine aus dem Libanon stammende Medizinerin der Brown University in Rhode Island, über Frankreich in ihr Heimatland abgeschoben, obwohl ein Bundesgericht in Boston dies untersagt hatte. Ein ähnliches Schicksal droht nun dem palästinensisch-stämmigen Studenten Mahmoud Khalil, der in Abschiebehaft genommen wurde, weil er sich an propalästinensischen Demonstrationen auf dem Campus der Columbia-Universität beteiligt hatte. Auch in diesem Fall gibt es eine richterliche Anweisung gegen eine Abschiebung.
USA: In den Einwanderer-Communities geht die Angst um
Druck auf Grenzschutzbehörden, mehr Hausbesuche und Festnahmen bei Verkehrskontrollen: Die Arbeit der Grenzschutzbehörden unter Trumps verschärften Maßnahmen gegen irreguläre Migration löst Furcht und Bedrängnis aus.
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Wohnungsdurchsuchungen im Morgengrauen
Nach seinem Amtsantritt am 20. Januar 2025 hat US-Präsident Donald Trump per Dekret schärfere Maßnahmen gegen Einwanderer ohne Aufenthaltsrecht angewiesen. Bundesmittel werden bereitgestellt, die Zusammenarbeit der Behörden intensiviert. In Einwanderer-Communities in den USA herrschen Angst und Unsicherheit. Polizei und Grenzbeamte sollen vermehrt auch Wohnhäuser kontrollieren.
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Angst vor Abschiebung
Ein schmaler Spalt in den Vorhängen gibt den Blick auf Polizei und ICE-Mitarbeiter frei, die sich einer Wohnung nähern. Bei Hausbesuchen dürfen die Beamten nur mit dem Einverständnis der Bewohner eintreten, Angst macht das Auftreten der Behörden Menschen ohne gültige Papiere trotzdem. Einige vermeiden unnötige Ausflüge oder schicken ihre Kinder nicht mehr zur Schule.
Verhaftet und abgeführt
Angaben der Regierung zufolge richtet sich das aggressive Vorgehen vor allem gegen Menschen, die wegen Verbrechen angeklagt oder verurteilt worden sind und über keinen legalen Aufenthaltsstatus verfügen. Aber durch das harte Durchgreifen der US-Grenzschutzbehörde ICE landen auch Immigrierte ohne Vorstrafen oder mit gültigen Dokumenten in Gewahrsam.
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Allein mit dem Baby
"Ich habe große Angst vor dem, was passieren wird", sagt Itaily. Der Lebenspartner der 22-Jährigen aus Venezuela wurde bei einer Verkehrskontrolle verhaftet. Itaily und ihr Partner Riyer lebten mit ihrem fünf Monate alten Sohn nahe Atlanta im US-Bundesstaat Georgia und hatten gerade einen Asylantrag gestellt. Riyer wird seit seiner Verhaftung von den Behörden festgehalten.
Bild: Carlos Barria/REUTERS
Hartes Durchgreifen
Zahlreiche Beamte der Polizei und von ICE sind beteiligt, als ein 47-jähriger Mann aus Mexiko an einer Tankstelle in der Ortschaft Rex südlich von Atlanta verhaftet wird. Drei Verurteilungen wegen Fahrens unter Alkohol- oder Drogeneinfluss liegen gegen den 47-Jährigen vor. "Es gab definitiv Druck, mehr Beamte einzusetzen", so Kristen Sullivan von der ICE-Außenstelle Atlanta.
Bild: Carlos Barria/REUTERS
Was bleibt vom Bleiberecht?
Abschiebefälle werden in der Regel vor Gericht verhandelt, ein Richter entscheidet, ob die immigrierte Person endgültig abgeschoben wird oder bleiben darf. Selbst wenn diese ihren Prozess verliert, darf sie in den USA weiter ihrem Leben in Freiheit nachgehen, wenn keine Vorstrafen vorliegen, das Herkunftsland nicht sicher ist oder Berufung eingelegt wurde. Das ist geltende Rechtslage.
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Festnahme trotz Schutzstatus
Doch die Praxis sieht oft anders aus. Der Kameruner Choe Blaiss Che zum Beispiel verfügte über gültige Papiere und legte diese auf den Küchentisch. Als Mitarbeiter der ICE ihn überprüften, fühlte er sich zunächst sicher. Der 31-Jährige hat einen vorläufigen Schutzstatus und keine Vorstrafen. Doch die Beamten verhafteten ihn dennoch. Nach zehn Tagen wurde er freigelassen.
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Abschiebung mit der US-Air-Force
Wie wirksam die harten Methoden der US-Regierung unter Trump sind, ist bislang unklar. Ende Januar meldete ICE für einen kurzen Zeitraum etwa 800 bis 1000 Festnahmen täglich, im Februar gingen die Zahlen wieder zurück. Unter der Regierung Biden wurden für das Jahr 2024 im Schnitt 311 Verhaftungen täglich und insgesamt mehr als 270.000 Abschiebungen gemeldet, die höchste Zahl seit zehn Jahren.
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Wie wenig Donald Trump und seine Gefolgsleute von derartigen Richtersprüchen halten, offenbarten gleich mehrere Aussagen der vergangenen Tage. So sagte der von Trump ernannte "Grenz-Zar" Tom Homan gegenüber Fox News: "Es ist mir egal, was die Richter denken." Wenn "Terroristen außer Landes gebracht" würden, dann "sollte das in diesem Land ein Grund zum Feiern sein".
Und auch Justizministerin Pam Bondi kritisierte die Aussetzung von Abschiebeanordnungen als "Missachtung von Präsident Trumps etablierter Machtbefugnis". Solche Richtersprüche gefährdeten die Bevölkerung und die Strafverfolgung, so Bondi.
Gewaltenteilung in Gefahr
Für Johannes Thimm sind das Besorgnis erregende Alarmsignale. Der SWP-Experte sieht das gesamte System der Gewaltenteilung in den USA in Gefahr. Zum einen, weil sich mit dem Kongress "die Legislative als kontrollierende Gewalt, die dem Präsidenten auch Einhalt gebieten kann, praktisch abgemeldet hat". Seit den Wahlen besitzen die Republikaner in beiden Kongresskammern die Mehrheit - und sie sind "Trump gegenüber praktisch zu 100 Prozent loyal", so Thimm.
Feiern ihren Präsidenten: die republikanischen Kongressabgeordneten Nancy Mace und John McGuire während Trumps Rede zur Lage der NationBild: Win Mcnamee/Pool/REUTERS
Bleibt also die Judikative. "Und da ist halt das Grundproblem, dass Gerichte ihre Urteile nicht effektiv durchsetzen können, schon gar nicht gegen die Regierung. Denn sie besitzen ja keine eigenen Polizeikräfte - das ganze System basiert darauf, dass die anderen Gewalten die Autorität der Gerichte respektieren", so Thimm.
Genau das erodiert derzeit in erschreckend schneller Weise. "Die Tatsache, dass Trump gerade anfängt, Gerichtsurteile zu ignorieren oder sich ihnen zu verweigern, hat das Potenzial, eine Verfassungskrise auszulösen. Und das ist noch milde ausgedrückt." Denn Polizei und Sicherheitsbehörden sind in einem Rechtsstaat in erster Linie dazu da, Recht und Gesetz durchzusetzen. Unterstellt sind sie aber letztlich dem Präsidenten. Wenn es jedoch von beiden Seiten gegensätzliche Anweisungen gibt - wem sollen sie dann gehorchen?
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Scharfe Kritik vom Supreme Court
Vielleicht ist auch das mit ein Grund dafür, dass John Roberts, der Vorsitzende Richter des Obersten Gerichtshofes, Trumps Forderung, missliebige Richter einfach abzusetzen, ungewöhnlich scharf zurückwies. "Seit mehr als zwei Jahrhunderten steht fest, dass ein Amtsenthebungsverfahren keine angemessene Reaktion auf eine Meinungsverschiedenheit über eine gerichtliche Entscheidung ist", erklärte Roberts. "Dafür sind Berufungsverfahren da."
Auf diese Juristinnen und Juristen kommt es nun an: die neun obersten Richter des Supreme Courts in den USA Bild: J. Scott Applewhite/AP Photo/picture alliance
Man dürfe "nicht den Fehler machen, zu glauben, dass ein mehrheitlich konservativer Supreme Court in allen Fällen für Trump stimmt", sagt Johannes Thimm. Das habe er auch in der Vergangenheit nicht immer getan - und damit auch immer wieder die Unabhängigkeit der Justiz bekräftigt. Der SWP-Experte glaubt, "dass sich jetzt eine Art Machtkampf abspielt. Trump testet aus, womit er durchkommt. Und dann kommt es tatsächlich darauf an, dass der Supreme Court sich auf die Seite der Gerichte stellt, so wie John Roberts das jetzt getan hat."
Auf dem Weg Richtung Autokratie?
Eine offene Konfrontation mit dem Obersten Gerichtshof, den Donald Trump in seiner derzeitigen Form ja selbst maßgeblich mitbesetzt hat, wird der US-Präsident wohl eher nicht wagen. "Aber das Grundproblem, dass auch der Supreme Court nicht mit Gewalt seine Urteile durchsetzen kann, ist das Gleiche wie bei den anderen Gerichten", sagt Thimm. "Theoretisch könnte Trump sich auch dort hinstellen und sagen: Ich erkenne dieses oder jenes Urteil nicht an."
Wie wird sich das Verhältnis zwischen diesen beiden künftig entwickeln? US-Präsident Trump und der Oberste Richter des Supreme Courts, John Roberts Bild: Win McNamee/Pool Photo via AP/picture alliance
Nach den jüngsten Entwicklungen rund um die Abschiebeflüge nach El Salvador sei es jedenfalls auch in Zukunft "nicht mehr ausgeschlossen, dass Trump einfach über die Justiz hinweg bestimmte Sachen nicht umsetzt und keiner so richtig was dagegen tut oder tun kann", fürchtet Johannes Thimm. "Und dann haben die USA einen großen Schritt in Richtung Abschaffung des demokratischen Rechtsstaates getan."