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Literatur

Uwe Johnson: "Jahrestage"

6. Oktober 2018

Den letzten Band hatte sich Uwe Johnson über Jahre abgerungen – trotz Schreib- und Lebenskrise. Vier Bände, 366 Kapitel und 1891 Seiten sind es geworden: Die "Jahrestage" wurden sein Lebenswerk.

Uwe Johnson
Bild: picture-alliance/dpa

Mehr als fünfzehn Jahre hat es gebraucht, bis dieser Roman endlich vollendet war. 1967 begann der Schriftsteller Uwe Johnson in New York mit ersten Vorarbeiten, Recherchen in Zeitungen, Skizzen.

Ein Stipendium der Rockefeller Foundation unterstützte ihn zu dieser Zeit, nebenher arbeitete Johnson als Schulbuch-Lektor bei einem New Yorker Verlag.

Das Leben in Amerika blieb dem mecklenburger Bauernsohn fremd. Das Notieren alltäglicher Geschehnisse aber gab ihm in seiner Heimatlosigkeit Halt und Orientierung.

"Jahrestage" von Uwe Johnson

02:18

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Aus dem Leben der Gesine Cresspahl

Die Heldin seines mehrbändigen Romans heißt Gesine Cresspahl. Exakt ein Jahr ihres Lebens wird erzählt, Tag für Tag. Mit seiner Romanfigur Gesine, die seit 1961 in New York lebt, steht Johnson im ständigen Dialog:

"Wer erzählt hier eigentlich, Gesine. – Wir beide. Das hörst Du doch, Johnson." An anderer Stelle faucht seine Figur ihn an: "Es ist uns schnuppe, ob dir das zu deftig beladen ist, Genosse Schriftsteller! Du schreibst das hin! Wir können auch heute noch aufhören mit deinem Buch."

Genosse Schriftsteller? Ja, Uwe Johnson hat – wie sein Romangeschöpf – einen wichtigen Teil seines Lebens in der DDR verbracht. Aufgewachsen ist Johnson in Güstrow im ostdeutschen Mecklenburg; aus der Gegend stammt auch seine Gesine, aus dem fiktiven Ort Jerichow nahe der Ostsee.

Das Geburtsjahr Gesines 1933 fällt zusammen mit der Machtergreifung der Nazis. Die Hitlerzeit haben beide erlebt: der zehnjährige Uwe in einem SS-Eliteinternat im besetzten Polen, wohin die Eltern ihn 1944 geschickt hatten.

"Jahrestage": Schauspieler Susanne Simon und Matthias Habich bei Dreharbeiten an der OstseeBild: picture-alliance/Berliner Zeitung

Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit

Schon früh hält es Gesine im repressiven Osten nicht mehr aus, 1953 wechselt sie in den Westen. Dort wird auch der Schriftsteller Uwe Johnson sechs Jahre später ankommen.

Als Student und FDJ-Funktionär hat er sich für mehr Meinungsfreiheit in der DDR eingesetzt. Trotz erstklassigem Diplom findet er keine Arbeit, schlägt sich als Lektor und Übersetzer durch und schickt erfolglos erste Schreibversuche an Verlage. 1959 siedelt er nach West-Berlin um. Heimisch geworden sind beide im Westen nie, weder Romanfigur noch Autor. Und so lässt der Schriftsteller seine Gesine Cresspahl 1961 weiterziehen: von Düsseldorf nach New York.

Museumsstück: Die Schreibmaschine von Uwe Johnson, auf er seine Manuskripte schriebBild: picture-alliance/dpa

Ein Jahr ihres Lebens in der Millionenstadt New York erlebt der Leser mit: vom 20. August 1967 bis zum 20. August 1968 – eben die "Jahrestage", die dem Buch den Titel geben. Angereichert hat Johnson seine Schilderungen mit Nachrichten aus der "New York Times", die Gesine Tag für Tag intensiv liest. Die Zeitungslektüre ist der Kompass für ihre heimatlose Seele.

"Wenn sie nach Europa fliegt, lässt sie den Nachbarn seine Exemplare aufheben, zurückgekehrt holt sie die versäumte newyorker Zeit Wochenenden lang nach aus fußhohen Stapeln. In der Mittagspause räumt sie ihren Arbeitsplatz frei und liest in den Seiten hinter dem Titelblatt, die Ellbogen gegen die Tischkante gestemmt, nach der europäischen Manier."

Johnsons "Geschichtsbuch der Deutschen"

In akribischer Erinnerungsarbeit wird in dem Roman auch Gesines Leben, das sie vor der New Yorker-Zeit geführt hat, minutiös rekonstruiert. Johnson wählt dafür einen literarischen Kunstgriff, er lässt Gesindes zehnjährige Tochter Marie die Erinnerung einfordern, die die Mutter mit Fragen löchert.

Zeitlich wie geografisch schlägt Uwe Johnson in seinen "Jahrestagen" einen großen Bogen – von der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933, dem Geburtsjahr Gesines, über ihr Leben in der DDR (1949 gegründet) bis hin zum Vietnamkrieg der USA, der ab 1964 die Weltöffentlichkeit auch in Europa umtrieb.

Der vierte Band des Romans endet mit den Ereignissen der tschechischen Reformbewegung "Prager Frühling" in der CSSR, die 1968 so hoffnungsvoll begann. Das letzte Datum der "Jahrestage" ist der 20. August 1968, jener Tag, an dem die Panzer des Warschauer Paktes den Aufstand niederrollen. Damit stirbt auch Gesines Traum von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz".

Prager Frühling 1986 - Einmarsch russischer TruppenBild: picture-alliance/akg-images

Gefühl grenzenloser Heimatlosigkeit

Johnsons Roman verflicht mehrere Jahrzehnte jüngerer deutscher Geschichte mit seinen familiären Erfahrungen in der amerikanischen Fremde.

Trotz der unterschiedlichen Orte und Zeiten – der Roman verknüpft Nazizeit, Leben in der DDR und die Phase des Vietnamkrieges der USA. Johnson findet kantige und direkte Worte, etwa wenn er den damals alltäglichen Rassismus in den USA beschreibt:

"Die dunkelhäutige Dienerschaft des Ortes füllt eine eigene Kirche, aber Neger sollen hier nicht Häuser kaufen oder Wohnungen mieten oder liegen in dem weißen grobkörnigen Sand. Auch Juden sind hier nicht erwünscht. Sie ist nicht sicher, ob Juden vor 1933 noch mieten durften in dem Fischerdorf vor Jerichow, sie kann sich nicht erinnern an ein Verbotsschild aus den Jahren danach."

Aushängeschild der Gegenwartsliteratur

Portionsweise bringt Johnsons sein vierbändiges Opus Magnum heraus, den letzten Band erst 1983: Da hat er eine schwere Lebenskrise mit Alkoholsucht und massiver Schreibblockade überstanden.

Sit-in an der Columbia-University in New York 1968Bild: pIcture-alliance/ dpa

Obwohl die "Jahrestage" als unlesbar galten, nahmen die Literaturkritiker Johnsons "Blick in die Epoche" euphorisch auf: "Es ist nicht nur ein Comeback, das sich hier vollzieht; hier legt ein Schriftsteller alles, was er weiß und kann, auf die Waagschale", befand am 12. November 1983 die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).

Ein Jahr darauf starb der Autor völlig überraschend im Alter von nur 49 Jahren. "Man hat fast den Eindruck, als habe er sich in den Tod geschrieben", sagt Filmregisseurin Margarethe von Trotta, die im Jahr 2000 den bisher einzigen Verfilmungsversuch der "Jahrestage" gewagt hat.

 

Uwe Johnson: "Jahrestage" (1970- 1983), Suhrkamp Verlag. (Band 1 erschien:1970, Band 2: 1971, Band 3: 1973 und Band 4 erst 10 Jahre später (1983)

Uwe Johnson wurde am 20. Juli 1934 in Pommern geboren. Nach dem Krieg studierte er ab 1952 in der DDR Germanistik, wurde aber 1953 exmatrikuliert, weil er sich als FDJ-Funktionär für freie Meinungsäußerung einsetzte. 1959 siedelte er in die BRD um und zog nach West-Berlin, wo auch sein erster Roman "Mutmaßungen über Jakob" erschien. 1960 lud die legendäre "Gruppe 47" den jungen Autor ein – der Ritterschlag in der westdeutschen Literaturszene. Uwe Johnson firmierte von da an neben den älteren Schriftstellern Heinrich Böll und Günter Grass als "Aushängeschild der deutschen Gegenwartsliteratur". Nach einem zweijährigen Aufenthalt in New York (1966-68), wo er mit seinem Roman "Jahrestage" begann, zog er 1974 auf die britische Insel Sheppey und lebte dort völlig zurückgezogen. Am 12. März 1984 wurde er tot in seinem Haus aufgefunden.

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