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PanoramaNordamerika

Faszination Vampire: Ein unsterblicher Trend

Sarah Hucal
30. Januar 2026

Der Horrorfilm "Blood & Sinners" wird voraussichtlich bei den Oscars abräumen. Da lohnt sich ein Blick auf die Vampirfigur: Warum sie Generationen in ihren Bann zieht - als Volksglaube oder als Kinofilm.

Filmszene aus "Blood & Sinners": Zwei Männer blicken angsterfüllt auf ein Objekt außerhalb des Bildes.
Schrecken im Angesicht des Vampirs: Szene aus "Blood & Sinners" mit Michael B. Jordan (links) und Miles CatonBild: Warner Bros. Pictures/AP Photo/picture alliance

Im Vorfeld der Oscarverleihung am 15. März richten sich alle Augen auf den Film "Blood & Sinners" (englischer Originaltitel "Sinners"), der mit 16 Nominierungen einen Rekord aufgestellt hat.

Der Horrorfilm von US-Regisseur Ryan Coogler spielt im Süden der USA zu Beginn der 1930er-Jahre. Im Mittelpunkt stehen Zwillingsbrüder, die in ihre Heimatstadt zurückkehren. Sie wollen neu anfangen und einen Club für die afroamerikanische Gemeinschaft eröffnen - in einem Alltag, der von den Zwängen der Jim-Crow-Ära, als Rassismus in den USA noch gesetzlich verankert war, geprägt ist. Doch während der Eröffnungsfeier wird klar, dass die Brüder und ihr Umfeld ins Visier von Vampiren geraten.

Der Film bleibt dabei nicht beim übernatürlichen Schrecken stehen. Er beleuchtet auch die soziale und rassistische Gewalt dieser Zeit und suggeriert, dass der übernatürliche Horror sehr reale historische Ängste widerspiegelt.

Genau das tut der Vampir seit Jahren: Die Figur repräsentiert die Sorgen einer Gesellschaft, und diese Funktion ist entscheidend für das Verständnis dafür, warum der Vampir eine unsterbliche Rolle in der Popkultur einnimmt.

Eine Figur aus Mythos und Volksglauben

Vampirähnliche Wesen existieren seit Jahrhunderten in Mythen, Religionen und im Volksglauben. Schon im alten Mesopotamien gab es Erzählungen über Dämonen, die sich von Blut ernähren. In der griechischen und römischen Antike war der "Strix" ein unheilvoller Vogel, der Blut trank. In der hinduistischen Mythologie bezeichnet der "Vetala" einen Geist, der Leichen bewohnt.

Später tauchten Vampire im slawischen und balkanischen Volksglauben auf - mit vielen Merkmalen, die wir bis heute kennen: wiedererweckte Tote, die durch Sonnenlicht, Pflöcke oder Knoblauch besiegt werden können.

Mit Lord Ruthven erschien der erste Vampir der englischen Literatur 1819 in John Polidoris Kurzgeschichte "The Vampyre". Knapp 80 Jahre später folgte der bekannteste Vampir der Literaturgeschichte: Bram Stokers "Dracula" von 1897, der die Figur endgültig als Ikone der Gothic-Literatur etablierte.

Der Vampir im Kino

Mit dem Aufkommen des Films erreichte der Vampir eine neue Popularität. Hunderte Filme zeigen den blutsaugenden Grafen. Laut einigen Quellen ist er - nach Sherlock Holmes - die am häufigsten dargestellte literarische Figur der Filmgeschichte.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von der menschlichen Sehnsucht nach Unsterblichkeit bis zu einer eher unbequemen Erkenntnis: "Vampire haben Bestand, weil sie die Monster sind, die uns am ähnlichsten sehen", sagt Sorcha Ní Fhlainn, Professorin für Filmwissenschaft an der Metropolitan Universität in Manchester. "Sie handeln wie wir: gierig, zerstörerisch."

Gleichzeitig, so erklärt sie im DW-Gespräch, veränderten Vampire ständig ihr Aussehen und ihre Bedeutung - je nachdem, welche Geschichte erzählt wird und vor welchem gesellschaftlichen Hintergrund sie spielt.

"Nosferatu" von 1979 mit Klaus Kinski als VampirBild: 20thCentFox/Courtesy Everett Collection/picture alliance

Ein Beispiel dafür sei Werner Herzogs "Nosferatu" von 1979. Darin geht es um einen Vampir, der in einem abgelegenen Dorf Immobilien kaufen will. Laut Ní Fhlainn ist der Film - in dem ein Vampir in ein ländliches Dorf zieht, um dort Immobilien zu kaufen - eine Reflexion über die Nachkriegszeit und den Schrecken des Holocaust in Deutschland.

Warum Vampire gerade in den USA wieder wirken

Angesichts aktueller politischer und gesellschaftlicher Spannungen in den USA ist leicht nachvollziehbar, warum Vampirgeschichten heute erneut Interesse wecken. Doch das Phänomen gibt es schon länger.

Schon die 1970er-Jahre waren, so Ní Fhlainn, ein "extrem Dracula-lastiges Jahrzehnt". Es gab zahlreiche Bühnenfassungen, Filme und Neuinterpretationen der Figur. Gleichzeitig war diese Zeit geprägt von massiven politischen Umbrüchen: dem Watergate-Skandal in den USA und dem Erstarken nationalistischer Parteien in Europa.

Rolle seines Lebens: Christopher Lee spielte den Grafen Dracula in zehn FilmenBild: TBM/United Archives/picture alliance

In den frühen 1970ern wurde Dracula meist von älteren Männern, vor allem Christopher Lee, gespielt. Gegen Ende des Jahrzehnts wandelte sich das Bild. Ein jüngerer, erotisch aufgeladener Vampir trat auf, etwa in Anne Rices Roman "Interview mit einem Vampir" von 1976. Diese Sexualisierung setzte sich fort, eindrücklich zu sehen in der 1994er Filmfassung des Buches - mit Tom Cruise und Brad Pitt. Die Serie "True Blood" (2008-2014) schlägt dieselbe Richtung ein.

Der Schöne und die Biester - in Francis Ford Coppolas "Bram Stoker's Dracula" (1992) hat der Graf drei Vampir-Bräute, die er auch auf Besucher loslässtBild: NZ/Collection Christophel/picture alliance

Der verletzliche Vampir

Es gab neben dem Verführer noch einen anderen Vampirtyp, der nach dem Ende des Kalten Krieges Ende der 1980er etabliert wurde: verletzlicher, selbstkritischer, oft hin- und hergerissen zwischen Anpassung an die menschliche Umgebung und dem Leben im Verborgenen. "Vampirfiguren begannen, den Blick immer stärker nach innen zu richten - auf ihre eigene Gesellschaft, ihre eigene Gruppe", erklärt Ní Fhlainn. "Fast so, als ginge es um eine kollektive Frage danach, wer wir sind und wohin wir uns bewegen."

Vampirgeschichten ermöglichen es, über Macht und Ungleichheit zu sprechen, ergänzt die Forscherin - und zwar über Bilder, Symbole und Fantasie. "Ich glaube, manchmal können wir Dinge nicht direkt ansprechen. Wir müssen einen kleinen Umweg nehmen, um über das wirklich Ernste in unserer Welt zu reden - sonst wäre es zu schwer. Vampire bieten uns dafür eine schöne Möglichkeit."

Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch