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"Vaterland": Thomas und Erika Mann auf einem Roadtrip

Elizabeth Grenier
10. Mai 2026

Regisseur Pawel Pawlikowski beleuchtet eine komplexe Phase im Leben der deutschen Intellektuellenfamilie Mann zu Beginn des Kalten Krieges. Der Film mit Sandra Hüller als Erika Mann feiert Premiere in Cannes.

Filmszene aus dem Film "Vaterland": Sandra Hüller und Hanns Zischler sitzen nebeneinander an einem Tisch.
Sandra Hüller und Hanns Zischler als Erika und Thomas Mann in "Vaterland"Bild: Agata Grzybowska/Mubi/AP Photo/picture alliance

Unter den 21 Titeln, die in diesem Jahr um die prestigeträchtige Goldene Palme konkurrieren, ist Pawel Pawlikowskis "Vaterland" einer von denen, die im Vorfeld die meiste Beachtung gefunden haben. Für den polnischen Filmemacher ist es eine Rückkehr nach Cannes: 2018 gewann er dort mit "Cold War" den Preis für die beste Regie. Das historische Liebesdrama, das im kommunistischen Polen und in Paris spielt, wurde anschließend mit den wichtigsten europäischen Filmpreisen ausgezeichnet und erhielt mehrere Oscar-Nominierungen.

Pawel Pawlikowski gewann mit "Cold War" auch den EFA People's Choice AwardBild: Britta Pedersen/dpa/picture alliance

Pawlikowskis neuer Film ist eine weitere Auseinandersetzung mit der frühen Phase des Kalten Krieges. Er ist als Roadmovie angelegt, in dem der weltberühmte deutsche Schriftsteller Thomas Mann (gespielt von Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller) 1949 nach ihrem Exil nach Deutschland zurückkehren und in einem amerikanischen Buick von Frankfurt in Westdeutschland nach Weimar in Ostdeutschland reisen. Diese gemeinsame Reise hat in Wirklichkeit nie stattgefunden, doch lohnt sich ein Blick auf die historischen Gegebenheiten.

Thomas Mann: Einer der bedeutendsten Intellektuellen

Romane wie "Buddenbrooks" (1901) und "Der Zauberberg" (1924) hatten Thomas Mann weltberühmt gemacht; 1929 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, kehrte er von einer Auslandsreise nicht mehr nach Deutschland zurück und ging ins Exil. Während dieser Jahre (1933 - 1952), die er überwiegend in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten verbrachte, wurde er zu einer führenden Stimme im Kampf gegen den Nationalsozialismus und sicherte sich damit seinen Ruf als einer der bedeutendsten demokratischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.

Berühmt ist etwa Manns Reihe von Radioansprachen mit dem Titel "Deutsche Hörer!", die er zwischen 1940 und 1945 während seines Exils in den USA über die BBC hielt und die sein Engagement im Widerstand dokumentieren. 

Thomas Mann 1942 in Los AngelesBild: AP Photo/picture alliance

Als 1905 Thomas Manns erstes Kind zur Welt kam, brachte er offen seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass es ein Mädchen war: "Ich empfinde einen Sohn als poesievoller, mehr als Fortsetzung und Wiederbeginn meinerselbst unter neuen Bedingungen", schrieb er in einem Brief an seinen Bruder Heinrich Mann.

Erika Mann als treibende Kraft

"Und doch wurde diese Tochter diejenige unter seinen sechs Kindern, die für das poetische und das politische Tun des Vaters am wichtigsten war", sagt Irmela von der Lühe, Biografin von Erika Mann, im DW-Gespräch.

Tatsächlich trug Erika entscheidend dazu bei, dass ihr Vater Anfang 1936 damit begann, sich aktiv gegen das NS-Regime auszusprechen. Obwohl er bereits seit 1930 als Gegner des Nationalsozialismus bekannt war, hatte sich der Schriftsteller nach dem Machtwechsel nicht öffentlich zu diesem Thema geäußert; Erika drohte, den Kontakt zu ihrem "unemanzipierten Vater" abzubrechen, sollte er diese vorsichtige Haltung nicht aufgeben.

"Sie (Erika) ist selbst sehr früh mit den Nazis aneinandergeraten," erklärt von der Lühe. Als Kind der Goldenen Zwanziger und talentierte Kulturschaffende in Berlin lebte Erika Mann den unkonventionellen und experimentierfreudigen Lebensstil jener Zeit, bis ihr klar wurde, dass ihre Generation mehr Energie darauf hätte verwenden sollen, die fortschrittlichen Rechte und Freiheiten zu verteidigen, die sie unter der demokratischen Verfassung der Weimarer Republik genossen hatten.

1932 wurde Erika Mann von den Nazis angeprangert, weil sie öffentlich ein pazifistisches Gedicht vorgelesen hatte. Dies festigte ihre antifaschistischen Überzeugungen. Im Januar 1933 gründete sie das politische Kabarett "Die Pfeffermühle" in München. Sie verfasste den Großteil des Programms; die satirischen Stücke waren oft antifaschistisch geprägt. Nach zwei Monaten lösten die Nazis die Theatergruppe auf und zwangen das Ensemble ins Exil.

Da ihre Mutter, Katia Mann, aus einer wohlhabenden jüdischen Industriellenfamilie stammte, galten die Mann-Kinder nach der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung ebenfalls als Juden.

Erika Mann war offen bisexuell und für ihren androgynen Stil bekanntBild: Public Domain

Im Exil begann Erika Mann eine zweite erfolgreiche Karriere als Reporterin und Autorin, um der Welt deutlich zu machen, wie schnell die Demokratie unter Hitler zusammengebrochen war, obwohl Deutschland als "Land der Dichter und Denker" bekannt war.

"Das ist es, was ich immer bedeutend an ihr gefunden habe und was in meinen Augen bis heute bedeutend und ja leider Gottes auch wieder sehr aktuell ist", sagt von der Lühe.

Was 1949 geschah

Vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag Deutschland noch immer in Trümmern und war ideologisch gespalten: Am 7. Oktober 1949 wurde die Deutsche Demokratische Republik (DDR) offiziell gegründet, ein neuer sozialistischer Staat, der auf der sowjetischen Besatzungszone in Ostdeutschland nach dem Krieg basierte.

Nach dem Krieg erklärte Thomas Mann, dass er nicht in sein Heimatland zurückkehren werde. In seinen Veröffentlichungen vertrat er die Ansicht, dass alle Deutschen eine Mitverantwortung für die Verbrechen der Nazis trügen. Diese Theorie der deutschen Kollektivschuld befremdete diejenigen, die in Deutschland geblieben waren. Hatte die Familie Mann nicht all die Jahre ein angenehmes Leben im Exil geführt, während so viele andere unter Hitler gelitten hatten?

Thomas Mann erklärte sich 1949 bereit, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe erstmals nach Deutschland zurückzukehren. Er wurde eingeladen, in der westdeutschen Stadt Frankfurt den Goethe-Preis entgegenzunehmen, während ihm die ostdeutsche Stadt Weimar die Ehrenbürgerschaft und den Goethe-Nationalpreis verlieh.

Thomas Mann während seiner Rede anlässlich der Verleihung des Goethe-Preises in Frankfurt 1949Bild: dpa/picture alliance

In einer Rede, die er in beiden Städten hielt, betonte Mann, dass er keine ideologischen Spaltungen oder Besatzungszonen anerkenne: "Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet", sagte er.

Erika lehnte das Projekt jedoch ab. Irmela von der Lühe merkt an, dass die Einladung sogar im Mittelpunkt des zweiten großen Streits zwischen Erika und Thomas Mann stand, nach ihrer Meinungsverschiedenheit darüber, ob man 1936 öffentlich gegen die Nazis Stellung beziehen sollte. "Sie fand, dass Thomas Mann nicht einfach in ein Land fahren kann, wo er in den letzten Jahren so übel publizistisch beschimpft worden war", erklärt die Mann-Expertin.

Schicksalsschlag: Tod des Bruders und Sohnes Klaus

Zu diesen Anfeindungen gehörten Drohbriefe von Westdeutschen; der Deutschlandbesuch im Jahr 1949 fand unter Polizeischutz statt. Erschwerend kam hinzu, dass es auch das Jahr war, in dem Klaus Mann Selbstmord beging. Als zweites Kind von Thomas und Katia Mann war Klaus ebenfalls ein engagierter antifaschistischer Autor, und Erika stand ihm außerordentlich nahe.

Erika und Klaus Mann standen sich sehr naheBild: akg-images/picture alliance

Zu den vielen Faktoren, die zu Klaus' tiefer Enttäuschung beitrugen, gehörte auch die Art und Weise, wie er in den USA behandelt worden war: Dort standen die Manns unter dem Verdacht, Kommunisten zu sein. Erika befürchtete, dass der vielbeachtete Aufenthalt ihres Vaters in Weimar als Legitimierung des Kommunismus wahrgenommen werden könnte.

Auch wenn Pawel Pawlikowskis "Vaterland" auf realen historischen Figuren basiert, ist die Handlung rein fiktiv. Auf seiner gut dokumentierten Reise von Frankfurt nach Weimar wurde Thomas Mann von seiner Frau Katia begleitet. Erika war nicht dabei - sie hatte sich bewusst dafür entschieden, die Reise durch ihr ehemaliges Heimatland zu boykottieren.  

Adpation aus dem Englischen: Katharina Abel 

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