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Vatikan geht auf Peking zu - und Taiwan?

Katholische Kirche in China | 24.09.2018

Papst Franziskus I. (li) beim Gruppenbild mit chinesischen Gläubigen

Der Vatikan und China haben ihren lange währenden Streit über den Status von Bischöfen vorläufig beigelegt. Obwohl es angeblich kein "politisches Abkommen" ist, wird es in Taiwan mit Sorge betrachtet.

Der genaue Text des Abkommens, das am Peking zwischen Vertretern beider Seiten unterzeichnet wurde, ist nicht bekannt. Bislang wurden die von Peking einseitig ernannten Bischöfe, die zur offiziellen "Patriotischen-Katholischen Vereinigung" gehören, automatisch ex-kommuniziert. Nun sollen diese, es soll sich um sieben beziehungsweise acht Personen handeln, nachträglich wieder in die katholische Kirche aufgenommen werden. Umgekehrt will Peking, wie verlautete, eine unbekannte Anzahl der 36 vom Vatikan ernannten Bischöfe, die zur verfolgten  sogenannten "Untergrundkirche" Chinas gehören, nachträglich anerkennen. Für die Zukunft am wichtigsten ist die Regelung, dass Kandidaten für einen Bischofsposten nur von der chinesischen Religionsbehörde vorgeschlagen werden können; dem Papst bleibt allerdings ein Vetorecht.

Nach Angaben des Vatikans ist der Zweck des Abkommens - das nach ein bis zwei Jahren überprüft werden soll - keine politischer, sondern eine seelsorgerischer. Für eine größere Freiheit und Autonomie der Ortskirchen brauche man Bischöfe, die vom Papst und von den legitimen Zivilbehörden ihres Landes anerkannt sind, zitiert die FAZ den Kardinalstaatssekretär Pietro Paolin, der als treibende Kraft des Abkommens gilt. Er rief die Katholiken in China zu Versöhnung auf.

Messe mit dem regierungstreuen Bischof Zhang Hong in Peking

Taiwanische Delegation in den  Vatikan?

In Taiwan wird das Abkommen mit Sorge betrachtet. Denn der Vatikan ist einer von nur noch 17 Staaten, die diplomatische Verbindungen mit der Regierung in Taipeh statt mit Peking unterhalten. Die Volksrepublik betrachtet das eigenständige und demokratische Taiwan als Teil ihres Territoriums. Seit Papst Franziskus vor einigen Jahren Gespräche über ein Abkommen aufnehmen ließ, wird darüber spekuliert, Peking bestehe im Gegenzug auf einem Abbruch der Beziehungen.

Um deren Stabilität zu betonen, plant Taiwan offenbar eine diplomatische Geste. Vizepräsident Chen Jien-jen werde Mitte Oktober eine Delegation in den Vatikan anführen, meldeten lokale Medien. Anlass ist die Heiligsprechung von Papst Paul VI. und des ermordetem salvadorianischen Erzbischof Romero. Auch wenn Chens Reise noch nicht offiziell bestätigt ist, wäre sie naheliegend: Taiwans stellvertretendes Staatsoberhaupt ist gläubiger Katholik.

Während er im Vatikan als Staatsgast gilt, kann Chen, so wie andere taiwanische Würdenträger, den Rest Europas inklusive Deutschland nicht besuchen - Chinas Druck, Taiwan politisch zu isolieren, verhindert das. Der Vatikan bietet Taiwan seltene Gelegenheiten, sich auf politischem Parkett als gleichrangig zu präsentieren. Als der damalige Präsident Ma Ying-jeou 2013 zur Amtseinführung von Papst Franziskus nach Rom reiste, zeigten Bilder ihn im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Taiwans Regierung betonte in ihrer Reaktion, der Vatikan habe deutlich gemacht, dass die neuen Vereinbarungen nicht diplomatischer oder politischer Natur seien. Sie beträfen ausschließlich Glaubensfragen. Auch Berichte, nach einigen Jahren der Renovierung könne der Gesandte des Heiligen Stuhls in Taipeh bald wieder das ursprüngliche Botschaftsgebäude beziehen, werden als ermutigendes Zeichen gewertet.

Wenn die christlichen Symbole zu prominent werden, machen die Behörden kurzen Prozess

Plötzlicher Verlust von Verbündeten nichts Neues

Andererseits ist es für Taiwaner keine neue Erfahrung, wenn vermeintlich stabile diplomatische Beziehungen dennoch plötzlich abgebrochen werden. Seit dem Amtsantritt von Präsidentin Tsai Ing-wen 2016 konnte Peking fünf Länder dazu bewegen, die Seiten zu wechseln - zuletzt im August El Salvador. Chinas Strategie zielt darauf ab, Taiwans politischen Spielraum immer weiter zu verengen. Tsai strebt keine offizielle Unabhängigkeitserklärung an, weigert sich aber anders als ihr Vorgänger, Taiwan als Teil eines "Einen China" zu definieren.

Während China den Sinneswandel üblicherweise mit finanziellen Anreizen wie Darlehen oder Investitionen beschleunigt, wären im Fall des Vatikan wohl eher die Zahl der Gläubigen und ihre Situation ausschlaggebend. In der Volksrepublik leben mehr als zehn Millionen Katholiken, von denen viele entweder unter Schikanen leiden oder eher der Kommunistischen Partei als Rom verpflichtet sind. In Taiwan sind es gerade einmal 300.000, die ihrem Glauben unbehelligt nachgehen können. Dazu kommen noch einige Hunderttausend vor allem philippinische Gastarbeiter.

Botschaftsgebäude des Vatikan in Taiwan

Appell der Bischöfe Taiwans

Im Zeichen der laufenden Verhandlungen mit China waren Taiwans sieben Bischöfe im vergangenen Mai erstmals nach zehn Jahren wieder zu einem Gespräch mit dem Papst nach Rom gereist. Man habe Franziskus eindringlich gebeten, Taiwan zu schützen und nicht zu "verletzen", sagte der Erzbischof von Taipeh, John Hung, anschließend dem amerikanischen Sender Radio Free Asia. Er habe deutlich gemacht, dass Taiwans Katholiken auf einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen enttäuscht reagieren würden. "Ich sagte dem Papst: 'Bitte lass uns nicht allein, unter keinen Umständen.' Und er antwortete: 'Auf keinen Fall'". Außerdem habe er Franziskus für 2019 nach Taiwan eingeladen. Es wäre der erste Besuch eines Papstes auf der Insel, aber dass es dazu kommt, ist mit dem neuen Abkommen wohl noch unwahrscheinlicher geworden.

"Falls der Vatikan Taiwan wirklich fallen lassen sollte, wird das noch eine ganze Weile dauern", sagte John Sullivan, China- und Taiwanexperte der Universität Nottingham, der DW. "Aber es ist durch das Abkommen ein bisschen wahrscheinlicher geworden." Wenn China sein Tempo beibehalte, stehe Taiwan in einigen Jahren ohne diplomatische Partner da. Der Vatikan habe eine besondere Bedeutung. "Er würde den katholischen Ländern in Mittelamerika signalisieren, dass es in Ordnung ist, die Seiten zu wechseln." Von den 17 Staaten, mit denen Taiwan unter seinem offiziellen Staatsnamen "Republik China" noch diplomatische Beziehungen unterhält, liegen vier in Mittel- und eines, Paraguay, in Südamerika.

Um international Einfluss zu nehmen, setzt Taiwan allerdings schon lange nicht mehr nur auf offizielle Kontakte, sondern auch auf gemeinsame demokratische Werte. Es unterhält inoffizielle Vertretungen in mehr als 50 Ländern und pflegt besonders gute Beziehungen zum amerikanischen Kongress und zum Europaparlament. Die Parlamentarier in Brüssel verabschiedeten erst Mitte September eine Resolution, die Chinas aggressiven Kurs gegen Taiwan verurteilt und mehr Mitwirkung Taiwan in internationalen Organisationen fordert.

Klaus Bardenhagen