Venezuela/Iran: Welche Rolle spielt Europa?
14. Januar 2026
In den sozialen Medien war die Aufregung groß: Was bedeuten die Kampfflugzeuge, die vergangene Woche auf britischem Boden gesichtet wurden? Die amerikanischen Streitkräfte würden sich in Großbritannien auf ernsthafte Militäreinsätze vorbereiten, während Präsident Donald Trump mit Angriffen und Annexionen auf der ganzen Welt drohe, spekulierte beispielsweise die Tageszeitung The Times. Das Fachblatt UK Defence Journal berichtete, ähnliche Truppenbewegungen habe es vor den US-amerikanischen Angriffen auf iranische Nuklearanlagen gegeben.
Dann brachte das US-Militär in der vergangenen Woche den mit Venezuela in Verbindung stehenden, russischen Öltanker "Marinera" im Nordatlantik unter seine Kontrolle - und es wurde klar, dass britische Unterstützung dabei sehr hilfreich war: Zwar gingen die Briten nicht mit an Bord, als US-Soldaten das Schiff kaperten, aber sie lieferten logistische Unterstützung; ein Überwachungsfluzeug und ein Schiff der Royal Navy waren an der Aktion beteiligt.
Großbritannien habe die Gunst der Stunde genutzt, um sich als verlässlicher Partner der USA zu zeigen, sagt Kristina Kausch vom German Marshall Fund of the United States: In einer Zeit, wo die Beziehungen zu den USA stark angeschlagen sind, sei es eine gute Gelegenheit gewesen, sich als Verbündeter der USA zu profilieren.
Wichtige Stützpunkte in Europa
Die britischen und europäischen Stützpunkte seien wichtig für die Amerikaner, meint Marion Messmer vom außenpolitischen Thinktank Chatham House in London: Sie könnten zum Beispiel leicht nachtanken oder ihre Crews austauschen. Würden sich die USA aus Europa zurückziehen, wären viele Manöver schwieriger und teurer: "Sie müssten dann vielleicht ganze Flugzeugträger bewegen oder Flugzeuge in der Luft betanken. Das wäre sehr kompliziert," erklärt die Expertin und plädiert für mehr Selbstbewusstsein bei Briten und Europäern. Zwar hat Präsident Trump angekündigt, Truppen aus Europa abzuziehen; inwieweit auch Großbritannien davon betroffen sein könnte, ist noch nicht klar. Aber die Expertin glaubt, dass die britischen und die europäischen Stützpunkte nach wie vor nützlich für die USA seien. Die Amerikaner würden sich nach wie vor auf die europäische Infrastruktur verlassen.
Und umgekehrt ist die Präsenz der USA auch für Großbritannien und in Europa nützlich: Ohne die USA stünde man militärisch auf verlorenem Posten. Die britischen Truppen seien einem "full-scale conflict", einem Angriffskrieg, momentan nicht gewachsen, führte Armeechef Richard Knighton diese Woche vor einem Parlamentsausschuss aus. Die Streitkräfte ringen um mehr Geld, die Regierung ist knapp bei Kasse, und so ist es seit Monaten nicht gelungen, ein Investitionsprogramm zu verabschieden, das festlegt, wo die Prioritäten bei der notwendigen Modernisierung liegen werden.
Truppenbewegungen können alles und nichts bedeuten
Bei der Frage, ob amerikanische Truppenbewegungen in Großbritannien Anzeichen für einen Einsatz im Iran sein könnten, raten die von der DW interviewten Expertinnen zur Vorsicht. Es könnte auch sein, dass lediglich Verhandlungsmacht aufgebaut würde, um die iranische Seite unter Druck zu setzen, meint etwa Kristina Kausch. Die Situation im Iran sei völlig anders als in Venezuela, das iranische Regime befinde sich im Überlebenskampf. Anders als bei den amerikanischen Angriffen auf iranische Nuklearanlagen im vergangenen Jahr müsse man zudem davon ausgehen, dass sich das Regime entsprechend zur Wehr setzen würde. Ein Militärschlag sei schwierig und risikoreich.
Dabei ist ungewiss, in welchem Fall sich Briten oder Europäer einem eventuellen Militärschlag anschließen würden. Als wichtiger Bündnispartner hat Großbritannien die USA in der Vergangenheit unterstützt, aber der unpopuläre Irak-Krieg von 2003 ist für die britische Labour-Regierung zu einer schweren Hypothek geworden. Bisher hielt sich der britische Regierungschef Keir Starmer in der Öffentlichkeit bedeckt - er rief lediglich gemeinsam mit Frankreich und Deutschland das iranische Regime zur Zurückhaltung auf.
Laut der Militärexpertin Marina Mirón vom King´s College London wären in diesem Fall die Stützpunkte im Nahen Osten ungleich wichtiger als die in Großbritannien und Europa. Sie hält es für am Wahrscheinlichsten, dass die Amerikaner mit den israelischen Streitkräften und dem israelischen Geheimdienst zusammenarbeiten würden. Präzisionsschläge könnten sehr schnell gehen, der Einsatz von Bodentruppen dagegen benötige monatelange Vorbereitung.