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PolitikEuropa

Verloren im Niemandsland

Agnieszka Hreczuk
7. Juli 2022

Sie kommen aus Syrien, Afghanistan und Mali und versuchen in die EU zu gelangen: Flüchtende im Urwald an der Grenze zwischen Belarus und Polen. Aktivisten, die ihnen helfen, werden eingeschüchtert und verfolgt.

Sumpfiges Gebiet an den Grenze zwischen Belarus und Polen
Der Sumpf an der belarussisch-polnischen Grenze kann für Flüchtlinge tödlich seinBild: Agnieszka Hreczuk/DW

Das Foto auf dem Handy zeigt Kinderfüße: Die Zehen eines Fußes scheinen unnatürlich kurz und deformiert, am anderen sind Wunden dort, wo Zehnägel sein müssten. "Erfrierungen, Nekrose der Nägel und abgefallene Zehen", erklärt Paulina Bownik. So etwas kannte die Ärztin bisher nur aus Lehrbüchern.

"Früher nannte man das einen Schützengrabenfuß," sagt Bownik. So sahen die Füße von Soldaten aus, die wochenlang in Schützengräben standen, in Kälte und Nässe und ohne die Schuhe auszuziehen. Seit dem Zweiten Weltkrieg war diese Verletzung in Europa so gut wie unbekannt. Doch jetzt findet man sie wieder bei Flüchtlingen, die versuchen, in die EU zu kommen.

Die Ärztin und Aktivistin Paulina Bownik behandelt im Urwald Flüchtlinge Bild: Agnieszka Hreczuk/DW

Die Füße auf dem Foto gehören zu einem zwölfjährigen afrikanischen Mädchen, das Paulina Ende Juni 2022 in der Bialowiezer Heide, einem Urwaldgebiet an der belarussisch-polnischen Grenze behandelt hat. Es war mit einer Gruppe von Flüchtlingen aus Mali unterwegs, die versuchte, in der Europäischen Union Schutz zu finden. Wie lange die Menschen im Wald umhergeirrt waren, wusste das Mädchen nicht mehr. Mindestens aber seit Januar.

Mit Gewalt werden die Geflüchteten von belarussischen Sicherheitskräften über den Grenzzaun nach Polen gedrängt, in die EU. Dort aber drängen sie polnische Grenzschutzbeamte und Soldaten zurück - auch diejenigen, die im EU-Land Polen um Asyl bitten wollen. Derartige Pushbacks finden statt, obwohl die polnischen Behörden wissen, dass auf der belarussischen Seite Flüchtlinge geschlagen oder vergewaltigt werden.

Trotzdem schaffen es Flüchtende immer wieder über die Grenze. Hier, auf der polnischen Seite, helfen ihnen Aktivisten wie die von der Grupa Granica (Gruppe Grenze), der auch die Ärztin Paulina angehört. Grupa Granica ist ein Netzwerk von 14 polnischen Nichtregierungsorganisationen, die im Grenzgebiet aktiv sind. Allein in der dritten Juniwoche 2022 erhielten die Grupa Granica-Freiwilligen über 130 SMS mit Hilferufen von Menschen, die in der Wildnis festsaßen. Mehrmals täglich müssen die Aktivisten in den Urwald, um nach Gestrandeten zu suchen.

Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika

Die Flüchtlingskrise hier, an der Ostgrenze der EU ist nicht vorbei und wird auch nicht enden, sagen die Aktivisten. Denn der Weg über Belarus nach Europa ist inzwischen etabliert und wird nicht mehr nur von Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan oder dem Jemen genutzt - jetzt treffen auch Migrierende aus Kuba, Somalia oder dem Senegal hier ein.

Polnische Grenzschützer halten Migranten an der Grenze zu Belarus im November 2021 von der Einreise abBild: Leonid Shcheglov/BelTA/AP/picture alliance

Wie viele es sind, weiß niemand. Der polnische Grenzschutz erfasst nur die Zahl der "vereitelten" Übertritte und abgedrängten Personen. Das heißt, dass dieselben Menschen mehrfach gezählt werden können. Nach Angaben der freiwilligen Helfer kommen inzwischen weniger Asylsuchende als im Herbst 2021 an, aber deutlich mehr als im Winter.

Zwar fliegen Flugzeuge aus der Türkei, dem Irak oder Syrien nicht mehr direkt nach Minsk, aber nach Moskau - und von dort können die Flüchtenden per Bahn oder Bus nach Belarus weiterreisen. Das Land am Rande der EU zieht Migranten an, denen die Route durch die Wälder im Grenzgebiet zu Polen sicherer scheint als die Mittelmeerroute. Tatsächlich jedoch gibt es dort riesige Sümpfe voller Feuchtigkeit und eisiger Kälte. Selbst im April kann man hier noch erfrieren.

Planierraupen am Stacheldrahtzaun zwischen Polen und Belarus arbeiten an der GrenzbefestigungBild: Attila Husejnow/ZUMAPRESS/picture alliance

Offiziell sind seit August 2021 auf polnischer Seite der Grenze 15 Menschen ums Leben gekommen. Die Grupa Granica-Freiwilligen sprechen jedoch von einem Vielfachen dieser Zahl. Denn vielen Migranten, die in Gefahr gerieten, gelinge es nicht, eine SMS mit Hilferuf aus den Sümpfen zu schicken, weil es dort keinen Empfang gibt oder weil der Grenzschutz zuvor ihre Powerbanks und Smartphones zerstört hat.

Extrem unterkühlt

"Ich hatte einen Jungen im Arm, der extrem unterkühlt war", berichtet die 20-jährige Oliwka. Seit Herbst hilft sie den Flüchtenden im Auftrag von KIK, dem Klub der Katholischen Intelligenz. "Ich hätte nie gedacht, dass das Leben eines Menschen wirklich von mir abhängen würde", sagt die Studentin aus Warschau. "Wenn ich etwas falsch gemacht hätte, hätte dieser Junge einfach sterben können."

Kuba und Oliwka helfen Flüchtenden, die im Urwald gestrandet sindBild: Agnieszka Hreczuk/DW

KIK gehörte vor dem Fall des Eisernen Vorhangs zur antikommunistischen Opposition in Polen. Jetzt steht die Organisation wieder in Opposition zur Politik einer polnischen Regierung. Ihr Interventionszentrum befindet sich im polnischen Teil des Waldes, etwa 20 Kilometer von der Grenze nach Belarus entfernt. Die Adresse ist geheim, auch Fotos dürfen nicht veröffentlicht werden. 

"Wir sind lieber vorsichtig", sagt der 24-jährige Kuba, Oliwkas Kollege und Schichtleiter an diesem Tag. Im Dezember 2021 hatte es eine nächtliche Razzia durch die Polizei gegeben, die das Haus durchsucht, Laptops und Telefone beschlagnahmt und die Aktivisten festgenommen hatte. Der Vorwurf: Beihilfe zum Menschenschmuggel.

Polnische Grenzschützer patrouillieren an der polnisch-belarussischen GrenzeBild: Agnieszka Hreczuk/DW

"Wir leisten humanitäre Hilfe, Erste Hilfe sozusagen, damit die Menschen überleben", sagt Kuba kopfschüttelnd. Er und seine Freunde versorgen die Flüchtlinge im Wald mit Nahrung, Kleidung und Medizin. "Freiwillige müssen das machen, weil der polnische Staat seine Aufgaben nicht erfüllt", so Kuba.

Flüchtlingshelfer werden verfolgt

Dabei verbietet das polnische Recht diese Hilfe nicht etwa - im Gegenteil: Es ist sogar strafbar, Menschen in Not Hilfe zu verweigern. Trotzdem geht der polnische Staat gegen Menschen vor, die Flüchtlingen helfen. Im April 2022 wurde Oliwkas und Kubas Mitstreiterin Weronika des Menschenschmuggels beschuldigt. Sie hatte ihre Kollegen mit Lebensmitteln und Kleidung zur nächsten Flüchtlings-Gruppe im Wald gebracht und war allein in einem leeren Auto zurückgefahren, als sie von der Polizei angehalten wurde.

Der Urwald an der polnisch-belarussischen Grenze ist von Sümpfen durchzogen, die auch im Sommer unwegsam sindBild: Agnieszka Hreczuk/DW

Die SMS mit einem Hilferuf von Flüchtlingen auf ihrem Handy reichte den Polizisten aus, um die 21-Jährige für 48 Stunden festzunehmen. "Der Beamte erklärte mir, dass als Flüchtling nur gilt, wer vor einem Krieg in das nächstgelegene Land flieht", berichtet Weronika. "Die Menschen in den Wäldern gelten also nicht als Flüchtlinge, daher darf ihnen auch nicht geholfen werden."

Die Staatsanwaltschaft forderte drei Monate Untersuchungshaft - doch das Gericht stimmte nicht zu. Nun ist die Studentin zwar auf freiem Fuß, muss aber seit vier Monaten regelmäßig zu Anhörungen vor Gericht erscheinen. Theoretisch drohen ihr bis zu acht Jahre Gefängnis.

Internierungslager für Flüchtlinge

Der Gruppe aus Mali, zu der das Mädchen mit den verletzten Füßen gehört, konnten die Aktivisten von Grupa Granica nicht weiterhelfen. "Wir mussten sie im Wald zurücklassen", sagt die Ärztin Paulina Bownik. Die Helfer haben längst aufgehört, zu versuchen, Flüchtlinge dazu zu bewegen, sich beim polnischen Grenzschutz zu melden: "Wir können ihnen nur die Wahrheit sagen - dass sie, wenn sie festgenommen werden, bis zu sechs Monate in einem geschlossenem Flüchtlingsheim verbringen müssen. Wie im Gefängnis."

Paulina Bownik ist die einzige Verbindung zu Welt für eingesperrte Flüchtlinge Bild: Agnieszka Hreczuk/DW

Acht solcher Internierungsstellen gibt es in Polen derzeit, verteilt über das ganze Land. In Bialystock sind derzeit rund 700 Menschen eingesperrt. Im Frühjahr 2022 waren es an die 2000. Sie sitzen ohne Anklage und Verfahren ein, bis entschieden ist, ob sie deportiert werden - oder Asyl erhalten. Im Internierungszentrum Wedrzyn, unweit der deutschen Grenze, sind Flüchtlinge in einen Hungerstreik getreten, um gegen ihre Internierung zu protestieren.

Das Büro des vom polnischen Parlament gewählten Ombudsmannes, der für die Einhaltung der Menschenrechtsstandards im Land zuständig ist, hat einen Bericht veröffentlicht, der die dramatischen Zustände schildert, unter denen die in Wedrzyn Internierten leben müssen: weniger als zwei Quadratmeter pro Person, kein Kontakt zu Familie oder Anwälten, keine Spaziergänge, mit Dutzenden von Fremden in einem Raum.

Paulina will den eingesperrten Kindern ein wenig Freude bereitenBild: Agnieszka Hreczuk

"Eine syrische Familie, die wir aus dem Wald geholt haben, befindet sich seit April in einem solchen Zentrum", erzählt die Medizinerin und Aktivistin Paula Bownik. "Eine im sechsten Monat schwangere Frau, zwei Kinder, davon eines mit geistigen und körperlichen Behinderungen." Über den Antrag der Syrer wird frühestens Ende September 2022 entschieden werden. Bis dahin müssen sie in der geschlossenen Einrichtung bleiben.

Aus dem Urwald in die Freiheit

"Vor wenigen Tagen mussten die Syrer irgendwelche Papiere in polnischer Sprache unterschreiben - obwohl sie kein Polnisch verstehen", berichtet Paulina schockiert. Den Menschen sei angedroht worden, dass man die Besuche der Grupa Granica-Aktivistin verbieten werde, wenn sie nicht unterschrieben - ihrem einzigen Kontakt mit der Außenwelt. "Das sind Ungeheuer", schimpft Paulina auf die Grenzschützer, die das Zentrum betreiben. "Ich kann nur hoffen, dass die Syrer nicht ihren Verzicht auf Asylverfahren unterschrieben haben."

Polnische Soldaten vor dem Stachedrahtzaun an der polnisch-belarussischen GrenzeBild: Agnieszka Hreczuk/DW

Die Gruppe aus Mali wollte nicht in ein solches Gefängnis gehen und sich auch nicht zurück über die Grenze nach Belarus schieben lassen. Sie hoffte auf ein Wunder und blieb mit dem verletzten Mädchen im Wald. Nach ein paar Tagen schafften sie es tatsächlich, unerkannt zuerst den Urwald und dann auch Polen zu verlassen. Sie sind jetzt in Sicherheit in einem Drittstaat.

"Was wir tun, reicht nicht aus, um diese Krise zu beenden. Es wird nicht aufhören, bis der polnische Staat aufhört, Gewalt gegen Ausländer anzuwenden und sich an die Gesetze hält", sagt Kuba von Hilfsorganisation KIK. "Wenn wir aufgeben, gewinnt die Gesetzlosigkeit", ergänzt Weronika. Die beiden Helfer wollen auf jeden Fall weitermachen. Denn die Menschen im Wald werden noch lange Zeit auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen sein.