Vermisste des Kosovo-Kriegs: "Wir wollen einen Gedenkort"
7. Februar 2026
Im Dorf Tërnje im Süden Kosovos lebt Bekim Gashi mit einem Vakuum, das er gerne füllen würde. Er hat keine Gräber, an denen er trauern kann. Er hat nur Bilder seiner Mutter Hyra und seiner vier Schwestern, die nach einem Massaker in seinem Dorf, begangen von der serbischen Armee, am 25. März 1999 verschwanden.
"Meine Mutter und meine Schwestern wurden an diesem Tag getötet. Seit 26 Jahren weiß ich nicht, wo ihre Körper begraben sind. Jedes Mal, wenn ich eine Grube sehe, denke ich, sie könnten dort liegen", sagt Bekim Gashi.
Das Gefühl, dass die Wahrheit direkt unter den eigenen Füßen liegen könnte, aber unerreichbar bleibt, begleitet ihn seit mehr als zwei Jahrzehnten.
Der Kosovo-Krieg endete offiziell im Juni 1999. Damals gab es auf dem Gebiet Kosovos rund 4600 vermisste Personen. Ein großer Teil der Fälle konnte aufgeklärt werden. Doch für rund 1600 Familien ist der Krieg bis heute nicht vorbei. In ihren Gedanken dauert er weiterhin jeden Tag an. Im Warten, im Schweigen, in vergilbten Fotografien und in Gräbern, die nicht existieren.
Die meisten Vermissten sind Kosovo-Albaner, rund 1100, die anderen 500 sind Serben, Roma oder Angehörige anderer Minderheiten. Die Frage der vermissten Personen bleibt eine der tiefsten offenen Wunden der Nachkriegszeit - eine menschliche, politische und moralische Tragödie, die bislang keine Vereinbarung zu heilen vermochte.
Die Familie Gashi vermisste ursprünglich insgesamt 22 Angehörige. Das Schicksal von 14 ist bis heute ungeklärt. Bekim Gashi und andere Familienmitglieder nahmen an Exhumierungen teil und führten jahrelange Gerichtsverfahren in Belgrad - ohne greifbare Ergebnisse. "Wir sind nach Belgrad gegangen in der Hoffnung, Informationen zu bekommen. Der Prozess dauerte sechs Jahre. Am Ende gab es kein Ergebnis", erzählt er.
Treffen in Shkodra
Nun gibt es neue Hoffnung für die Familie - und für alle Angehörigen von Vermissten. Am Mittwoch (4.02.2026) trafen sich in der nordalbanischen Stadt Shkodra erstmals die Vertreter der serbischen und kosovarischen staatlichen Kommissionen für Vermisste, um über konkrete Schritte zu sprechen, damit das Schicksal von Vermissten geklärt werden kann. Kurz zuvor, am 22. Januar, hatte es in Brüssel eine grundsätzliche Einigung gegeben, eine trilaterale Kommission mit Vertretern Kosovos, Serbiens und der EU zu bilden.
Das Treffen in Shkodra fand fast drei Jahre nach einer kosovarisch-serbischen Grundsatzerklärung zum Thema der Vermissten statt. Anfang Mai 2023 hatten Kosovos Premierminister Albin Kurti und der serbische Präsident Aleksandar Vucic erklärt, dass beide Staaten das Schicksal der Vermissten gemeinsam klären würden. Es war eine Vereinbarung im Rahmen des von der EU moderierten Dialogs zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Kosovo und Serbien.
Gute Atmosphäre
An dem Treffen am Mittwoch in Shkodra nahmen unter anderem Vertreter der kosovarischen Regierungskommission für Vermisste unter der Leitung von Andin Hoti und Kushtrim Gara sowie der serbischen Regierungskommission für Vermisste unter der Leitung von Veljko Odalovic teil. Auch die kosovarische Nicht-Regierungsorganisation Zëri i Prindërve (Die Stimme der Eltern), die bei der Suche nach Vermissten hilft und Angehörige unterstützt, entsandte eine Vertreterin, Xhyle Haziri. Sie sagt der DW, das Treffen habe in guter Atmosphäre und "ohne negative Worte" stattgefunden.
Haziri betont, dass der Aufklärung als größtes Hindernis bisher immer die serbische Seite entgegenstand. Serbien habe Treffen und Prozesse immer wieder verzögert. Nun sei man aber zumindest im Guten auseinandergegangen. "Es gibt Zusagen, dass schon im März intensiver gearbeitet wird und ein neues Treffen stattfindet", so Haziri. Das Wichtigste sei, dass nach drei Jahren überhaupt ein gemeinsames Treffen stattgefunden habe. "Ich habe heute mehr Hoffnung als zuvor", so Haziri. "Denn alle waren sich einig, dass die Frage der Vermissten ein für alle Mal gelöst werden muss."
Neben Hoffnung auch Skepsis
Etwas zurückhaltender kommentiert das Treffen Klisman Kadiu, Berater des stellvertretenden Premierministers Kosovos. "Seit der Verabschiedung der Erklärung zu den vermissten Personen im Mai 2023 war der Fortschritt minimal, vor allem aufgrund der anhaltenden Weigerung Serbiens, substantiell zu kooperieren", sagt Kadiu der DW. Für ihn ist klar, dass ohne politischen Willen keine Lösung erreicht werden kann. "Die größten Defizite liegen in der fehlenden politischen Bereitschaft, der mangelnden Transparenz und der Weigerung, staatliche Archive zu öffnen", so Kadiu. "Diese Verzögerungen haben das Leiden der betroffenen Familien ungerechtfertigt verlängert."
In die Hoffnung, die Bekim Gahsi nun hat, mischt sich auch viel Skepsis. Für ihn gibt es nur eine Adresse der Wahrheit: Serbien. "Serbien hat die Leichen weggebracht. Serbien weiß, wo sie sind. Wir verlangen keine Wunder. Wir wollen nur die Gebeine und einen Ort, an den wir gehen können, um eine Blume niederzulegen."
Während des Gerichtsverfahrens in Serbien, zu dem er gefahren sei, sei immer wieder die 549. Brigade der ehemaligen Jugoslawischen Volksarmee erwähnt worden, die tägliche und monatliche Einsatzberichte führte. "Wenn die Akten dieser Brigade geöffnet würden, stünde dort alles", sagt Bekim Gashi. "In Kosovo gibt es diese Informationen nicht."
Er kritisiert zudem die mangelnde institutionelle Unterstützung und die Streitigkeiten innerhalb der Organisationen der Vermisstenangehörigen in Kosovo. "Wir fühlen uns nicht gut vertreten. Man lädt uns zwar zu Treffen ein, aber selten. Wir sind nicht Teil der Entscheidungsprozesse", sagt er. Dann wiederholt er noch einmal: "Wir wollen doch nur einen Ort, an den wir gehen können, um zu gedenken und eine Blume niederzulegen."