50.000 Todesfälle pro Jahr: Warum Mangelernährung oft unbemerkt bleibt
5. November 2026
50.000 Todesfälle pro Jahr - so hoch schätzt die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) das Ausmaß und die Folgen von Mangelernährung in Deutschland. Anders gesagt: 50.000 Menschen könnten weiterleben, wenn sie die Nährstoffe aufnehmen und verwerten könnten, die ihnen fehlen. Das Problem dabei: Oft zeigt sich Mangelernährung erst dann, wenn die Folgen schon schwerwiegend sind.
"In den meisten Fällen merkt man am Anfang gar nichts", sagt Matthias Pirlich, Ernährungsmediziner und Facharzt für Innere Medizin und ehemaliger Vizepräsident der DGEM. "Einen hochgradigen Vitamin-D-Mangel können Sie über Monate haben oder noch länger, bevor überhaupt Symptome auftreten. Das Gleiche gilt für Vitamin B12. Und wenn es dann zu Symptomen kommt, zum Beispiel einer Schädigung von Nerven, dann ist es eigentlich schon zu spät."
So kann etwa ein langanhaltender B12-Mangel das Rückenmark schädigen. Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen, Muskelschwäche oder Lähmungserscheinungen können die Folge sein. Die seltener auftretende Schädigung des Gehirns führt zu Gedächtnisstörungen und psychischen Problemen.
Was ist Unterernährung und was ist Mangelernährung?
Alle B-Vitamine sind wichtig für den Stoffwechsel, die Blutbildung und die Nerven. Gemeinsam mit verschiedenen Mineralien wie beispielsweise Calcium, Magnesium, Eisen, Jod oder Zink, zählen Vitamine zu den Mikronährstoffen. Der Körper stellt sie nicht selbst her, sondern muss sie über die Nahrung aufnehmen.
Damit unser Körper ausreichend mit Nährstoffen versorgt ist, brauchen wir sie genauso wie die Makronährstoffe, die uns Energie liefern, also Kohlenhydrate, Eiweiß und Fette.
Nimmt der Körper über einen längeren Zeitraum weniger Nahrung auf, als er für die Aufrechterhaltung aller Körperfunktionen braucht, spricht man von Unterernährung. Laut aktuellen Schätzungen der Welternährungsorganisation leiden rund 645 Millionen Menschen an einer chronischen Unterernährung.
Bei einer Mangelernährung hingegen nehmen wir zwar genügend Kalorien auf, aber es fehlen bestimmte Makro- oder Mikronährstoffe. Und auch das macht auf Dauer krank und kann sogar tödlich enden. Unter diesem "verborgenen Hunger" leiden weltweit rund zwei Milliarden Menschen, die meisten davon im Globalen Süden.
Aber auch Menschen in Industrienationen fehlen häufig wichtige Mikronährstoffe. Eine Untersuchung von US-Forschern zeigte: Im Zeitraum zwischen 2007 und 2010 erreichten knapp drei Viertel der US-Bevölkerung nicht die empfohlene Tagesdosis an Vitamin D, mehr als zwei Drittel verfehlten die empfohlene Menge Vitamin E. In Deutschland hatte laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung im Jahr 2017 etwa ein Drittel der Bevölkerung einen Vitamin-D-Mangel. Ein Mangel begünstigt Schmerzen in Knochen, Gelenken und Muskeln und kann vermehrt zu Stürzen und Knochenbrüchen führen.
Auch mit Jod war rund ein Drittel der Deutschen nicht ausreichend versorgt. Jod ist ein essentielles Spurenelement, das für die Bildung der Schilddrüsenhormone unerlässlich ist. Ein Mangel führt zu krankhaften Veränderungen oder Störungen der Schilddrüse. Während der Schwangerschaft hängt die Entwicklung des Gehirns und Nervensystems des heranwachsenden Babys von einer ausreichenden Jodversorgung ab.
Teilweise führt auch die Züchtung von sehr haltbaren oder Hochertragssorten in der Landwirtschaft dazu, dass der Gehalt an Mikronährstoffen in Obst, Gemüse und Getreide sinkt. Ob sich dies allerdings auf die menschliche Gesundheit auswirkt, ist umstritten.
Die Ursachen für "versteckten Hunger"
Mangelernährung kann durch einseitige Ernährung entstehen, die zwar vordergründig satt macht und Energie liefert, der es aber an Mikronährstoffen fehlt. Beispiele für "leere" Kalorien sind etwa Fast-Food und hochverarbeitete Lebensmittel, aber auch Weißbrot oder weißer Reis.
Oft ist Armut der Grund für einseitige Ernährung, etwa wenn sich Menschen im Globalen Süden nur Grundnahrungsmittel wie Mehl oder Reis leisten können. In Deutschland zeigt eine Studie, dass in armutsbedrohten Haushalten häufig nährstoffarme und energiedichte Lebensmittel verzehrt werden.
Auch bei Depressionen ist das Risiko für einen Nährstoffmangel erhöht. "Menschen leiden dann oft unter Appetitverlust und wenn sie die Selbstfürsorge vernachlässigen, kann es sein, dass sie sich sehr einseitig ernähren", sagt Matthias Pirlich. Untersuchungen des Ernährungsmediziners zeigten: Auch alte Menschen und Alleinlebende entwickeln häufig eine Mangelernährung. Das Risiko dafür steigt demnach außerdem, je mehr Medikamente eingenommen werden.
Mangelernährung im Krankenhaus: Jeder Dritte ist betroffen
Viele Erkrankungen haben zur Folge, dass der Körper Nahrung schlechter über den Darm aufnehmen oder verwerten kann. Das gilt für Menschen mit entzündlichen oder chronischen Krankheiten, wie etwa Morbus Crohn, Zöliakie, einer Erkrankung der Leber oder Krebs.
Die DGEM geht davon aus, dass in Deutschland rund 30 Prozent aller stationär behandelten Patientinnen und Patienten von Mangelernährung betroffen oder bedroht sind. Allerdings wird nur rund ein Prozent von ihnen auf Nährstoffmangel hin untersucht und behandelt, wie Daten der Krankenkassen zeigen.
Oft verschlechtert sich der Ernährungszustand während des Klinikaufenthalts noch weiter. Die Folgen können gravierend sein: mehr Komplikationen, verzögerte Wundheilung, längere Krankenhausaufenthalte und eine erhöhte Sterblichkeit. Dem Gesundheitssystem entstehen dadurch jährlich Mehrkosten in Milliardenhöhe.
Deswegen sollen Politik und medizinische Fachverbände in Deutschland bis Ende 2027 ein Konzept erarbeiten, um Mangelernährung in Kliniken besser zu erkennen und zu behandeln. Ähnlich wie in den Niederlanden: Hier wird bei der Aufnahme ins Krankenhaus systematisch auf Nährstoffmangel hin untersucht.
Wie beugt man einem Nährstoffmangel vor?
Ein solches Screening fordert Matthias Pirlich auch für Risikogruppen in ambulanten Praxen. "Dazu gehören alle chronischen und gravierenden Erkrankungen und vor allem Menschen im höheren Lebensalter." Um Mangelernährung durch Armut vorzubeugen, müsse man mehr Teilhabe an gesunder Ernährung schaffen. "Eine Idee wären kostenlose Schulspeisungen", so Pirlich.
Grundsätzlich rät der Ernährungsmediziner dazu, sich möglichst vielfältig und pflanzenbasiert zu ernähren. "Die vielen sekundären Pflanzenstoffe haben eine sehr positive Wirkung und wenn man sich sehr divers ernährt, dann nimmt man viele unterschiedliche, [ernährungsphysiologisch] günstige Nahrungsmittel zu sich."
Die Faustregeln hierbei lauten: Je bunter unser Essen, desto besser. Gemüse möglichst schonend garen, denn Überhitzen und langes Warmhalten zerstören Vitamine. Auch lange Lagerzeiten bedeuten Vitaminverlust, sinnvoll sind daher vor allem saisonale und regionale Lebensmittel.
Trotz großer Bemühungen, sich gesund und ausgewogen zu ernähren, ist es möglich, einen Nährstoffmangel zu entwickeln. Ein Bluttest kann hier Klarheit bringen. Und dann können auch Nahrungsergänzungsmittel helfen, den Mangel auszugleichen.