Vier Jahre Krieg: Wie die Ukrainer standhaft bleiben
24. Februar 2026
Anfang Februar veröffentlichte das Kyjiwer Internationale Institut für Soziologie (KIIS) die Ergebnisse einer Umfrage, die Ende Januar durchgeführt wurde. Das war zu einem Zeitpunkt, als nach massiven russischen Angriffen auf Energieanlagen Teile des Landes, vor allem die Hauptstadt Kyjiw, mit einem akuten Strommangel sowie fehlender Wärme- und Wasserversorgung konfrontiert waren. Und das bei Temperaturen von bis zu -25 Grad.
Nach Meinung von 88 Prozent der Befragten will Russland die Ukraine mit den Angriffen auf ihr Energiesystem zur Kapitulation zwingen. 65 Prozent der Befragten gaben an, bereit zu sein, den Krieg so lange zu ertragen wie nötig. Im September und Dezember 2025 sagten das 62 Prozent.
"Dieser Januar hat bei mir nicht zu noch mehr Entschlossenheit und Wut geführt, weil ich schon seit 2022 maximal entschlossen und wütend bin. Es ist einfach eine weitere Stufe eines äußerst schwierigen Kampfes, den wir so oder so gewinnen werden", erzählt Julia aus Kyjiw der DW. Ihr Mann, mit dem sie eine Tochter hat, ist seit 2024 im Krieg. "Am meisten hilft mir meine Wut dabei, standhaft zu bleiben, aber auch das Wissen, dass es keine andere Wahl gibt. Alles andere als standhaft zu bleiben wäre deutlich schlechter", sagt die Frau.
"Es geht nicht nur um Gerechtigkeit, sondern ums Überleben"
Anton Hruschezkyj, der Geschäftsführer des KIIS, erklärt im Gespräch mit der DW, einer der wichtigsten Faktoren für die Widerstandsfähigkeit der Menschen sei die Erkenntnis, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine ein existenzieller ist. Für die Ukrainer geht es ihm zufolge nicht nur um Gerechtigkeit, sondern ums schiere Überleben.
"Die Widerstandsfähigkeit der Ukrainer ist nach wie vor hoch. Einerseits sind sie erschöpft und selbst für schwierige Zugeständnisse offen. Andererseits seien sie trotz allem nicht bereit, 'rote Linien‘ zu überschreiten", sagt Hruschezkyj. Auch Russlands Versuche, in der Ukraine im Winter unerträgliche Lebensbedingungen zu schaffen, hätten daran nichts geändert.
Der Soziologe fügt hinzu, dass die Ukrainer inzwischen von einem "Cholodomor" sprechen. Das Wort ist abgeleitet vom Begriff "Holodomor", der auf Ukrainisch "Mord durch Hunger" bedeutet. So wird die vom stalinistischen Regime in der Ukraine zwischen 1932 und 1933 systematisch herbeigeführte Hungersnot genannt. In Anlehnung an diesen Begriff steht das Wort "Cholodomor" im Ukrainischen für "Mord durch Kälte".
Auch die Psychologin Kateryna Kudrschynska weist darauf hin, dass die Ukrainer durch chronischen Stress erschöpft sind. "Er zehrt am Körper, dem Nervensystem und der Psyche," sagt sie. Ihrer Ansicht nach wird die Widerstandsfähigkeit der Ukrainer auch von einem psychologischen Effekt bestimmt: Nach so vielen Verlusten wolle man nicht auch noch das Verbleibende aufgeben.
"Ich will mein Land wieder aufbauen"
"Wir wollen weiter durchhalten, denn wenn wir uns ergeben, wird es unter russischer Führung viel schlimmer sein", sagt die Studentin Natalia gegenüber der DW. Sie ist zum Unabhängigkeitsplatz in Kyjiw gekommen, um an einer improvisierten Gedenkstätte für gefallene Soldaten eine kleine Fahne zu Ehren ihres Vaters aufzustellen. Er hatte erst kürzlich in der Region Donezk sein Leben verloren. Die junge Frau gibt zu, dass sie die Situation manchmal nur schwer ertragen kann - den Verlust ihres Vaters, die extremen Lebensbedingungen und das Wissen um die ernste Lage des Landes.
"Meine Kraft gründet darauf, dass ich für meinen Vater lebe, der leben und sich eine Zukunft mit seiner Familie aufbauen wollte. Ich kann seinetwegen nicht einfach aufgeben. Die Ukraine hat eine Zukunft, davon bin ich überzeugt", sagt Natalia, die zu Beginn des Krieges zunächst ins Ausland floh und später zurückkehrte. "Die Ukraine ist meine Heimat, ich will nicht weg. Ich will mein Land wieder aufbauen", erklärt sie.
Auch Olha aus Kyjiw möchte bleiben. "Ich kann nicht einfach mein Kind an die Hand nehmen und weggehen. Das wäre Verrat an meinem Mann, der im Krieg kämpft", sagt sie der DW. Ihr Mann ist gleich zu Beginn der russischen Invasion als Freiwilliger in den Krieg gezogen und derzeit in der Region Pokrowsk im Einsatz. Er komme nur sehr selten nach Hause, erzählt Olha, die einen zweijährigen Sohn großzieht und nebenbei arbeiten geht.
Sie sagt, viele Ukrainer würden auf ein Ende des Krieges hoffen. Sie sähen Anzeichen für wirtschaftliche Probleme in Russland und schöpften ihre Hoffnung daraus, dass es Russland in vier Jahren nicht gelungen sei, nennenswerte militärische Siege zu erringen. Genau das, denkt sie, nähre den Glauben daran, dass alles gut ausgehen wird.
Stimmung unter den ukrainischen Soldaten an der Front
Serhij (Name geändert) schloss sich vor vier Jahren als Sanitäter freiwillig den ukrainischen Streitkräften an. Er findet, dass die Motivation und innere Kraft aus mehreren Gründen leidet: so gebe es keine festen Einsatzzeiten, kaum Möglichkeiten zur Demobilisierung sowie nur eine mangelhafte finanzielle Versorgung von Soldaten, die nicht an der Front sind.
Kyrylo (Name geändert), ein Fernmelder der Landstreitkräfte, berichtet, seine Kameraden hätten sich bereits mit den fehlenden Ruhezeiten abgefunden. "Man hat sich hier schon so eingelebt, dass man sich gar nicht mehr daran erinnert, wie es vorher war. Wenn man anfangs noch Zukunftspläne hatte, so hat man jetzt keine mehr. Das ist kein Pessimismus, bitte nicht falsch verstehen. Es ist eher so: 'Was immer auch kommt, wird kommen.' Es ist eine Art Demut, keine Mutlosigkeit", so der Soldat. Er beklagt, dass die Stimmung in der Armee durch Korruptionsskandale in der Regierung oder Fälle von Veruntreuung von Geldern für die Verteidigungsindustrie belastet würde. In solchen Momenten, sagt Kyrylo der DW, sei das Gefühl, betrogen zu werden, besonders stark.
"Mir persönlich bleiben, wenn die Motivation nachlässt, nur noch Disziplin und die Erkenntnis, dass es die Ukraine, diese Nation, diese Identität in Zukunft vielleicht nicht mehr geben wird, wenn wir nicht durchhalten und nicht kämpfen", erklärt "Mos", ein Soldat eines ukrainischen Drohnen-Regiments. Auch er habe mit Burnout und Apathie zu kämpfen gehabt. Doch das Bewusstsein, dass es keine Alternative gebe, habe ihm geholfen.
Vision einer erfolgreichen Zukunft für die Ukraine
Laut dem Soziologen Anton Hruschezkyj wird die Widerstandsfähigkeit der Ukrainer am Ende des vierten Kriegsjahres auch vom Wissen bestimmt, dass die europäischen Partner die Ukraine weiter unterstützen und Kyjiw die fortschrittliche Welt hinter sich hat. "Das gegenwärtige Leid wird als Investition in die Zukunft gesehen", sagt er und stellt fest: "Unsere neuesten Daten zeigen, dass mehr als 60 Prozent optimistisch bleiben und glauben, dass die Ukraine in zehn Jahren ein prosperierendes Mitglied der Europäischen Union sein wird."
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk