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PolitikEuropa

Chronologie: Vier Wochen Ukraine-Krieg

24. März 2022

In den frühen Morgenstunden des 24. Februar schoss die russische Armee die ersten Raketen auf die Ukraine ab. Trotz Vermittlungsversuchen und Sanktionen ist der Angriff zu einem Krieg mit vielen Toten eskaliert.

Leere Kinderwagen stehen im Wasser unter einer zerstörten Brücke in Mariupol
Zerstörungen in Mariupol (Archivbild vom 7. März 2022)Bild: Aris Messinis/AFP/Getty Images

In New York ist es noch später Abend, als UN-Generalsekretär Antonio Guterres an Wladimir Putin appelliert: "Geben Sie dem Frieden eine Chance!" Kurz darauf kündigt der russische Präsident im Fernsehen eine "Militäroperation" an, die NATO warnt er vor Einmischung und deutet mit "Konsequenzen, die Sie noch nie erlebt haben" unverhohlen die Option eines Atomschlags an.

Wenig später schlagen die ersten russischen Raketen in mehreren Landesteilen der Ukraine ein. Sie treffen vor allem strategische und militärische Ziele, aber für den ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba ist sofort klar, dass es sich um einen "groß angelegten Krieg gegen die Ukraine" handelt. Präsident Wolodymyr Selenskyj wendet sich an sein Volk und ordnet die allgemeine Mobilmachung an.

Tag 1 der Invasion, 24. Februar 2022: Schuldzuweisungen, Sanktionen, Protest

In den nächsten Stunden überschlagen sich die Ereignisse auf vielen Ebenen: Im Laufe des Tages verlegt Litauen Truppen an die russische Grenze, die USA entsenden 7000 Soldaten nach Deutschland und Deutschland stationiert Eurofighter in Rumänien. Die NATO aktiviert ihre Verteidigungspläne, in einer Sondersitzung einigen sich die Mitgliedsstaaten aber darauf, keine Truppen in die Ukraine zu entsenden.

Gleichzeitig verurteilen westliche Politiker den Angriff und versuchen, Putin zum Einlenken zu bewegen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ist der erste, der den russischen Präsidenten anruft - ohne Ergebnis. Die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten beschließen auf einer Sondersitzung weitreichende Wirtschaftssanktionen gegen Russland, die sie im Verlauf des Krieges in mehreren Paketen noch verschärfen werden. Einzig Ungarns Premier Viktor Orbán distanziert sich nur verhalten von Putin. Bundeskanzler Olaf Scholz reicht dem russischen Volk die Hand und stellt klar: "Dieser Krieg ist Putins Krieg." Andere Länder, darunter China, werden der russischen Darstellung folgen, nach der die NATO die Schuld an der Eskalation des seit 2014 schwelenden Konflikts im Donbass trägt.

Was bewirken Sanktionen?

04:49

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In Russland werden mehr als 1000 Menschen festgenommen, die gegen den Angriff auf die Ukraine protestiert haben. Trotzdem gab es in der Folge vereinzelt weitere Demonstrationen. In vielen Ländern der Welt sind immer wieder Menschen gegen den Krieg auf die Straße gegangen.

Auch unpolitische Akteure wenden sich von Russland ab. Der deutsche Fußballverein Schalke 04 trennt sich von seinem Sponsor und entfernt den Gazprom-Schriftzug von den Trikots, die UEFA kündigt an, das Finale der Champions League nicht wie geplant in Sankt Petersburg austragen zu lassen.

Kriegswoche 1 (25. bis 2. März): Aus dem Überfall wird ein Krieg

Bereits am ersten Tag der Offensive sind russische Truppen in die Ukraine vorgedrungen. Von Norden sind sie in Richtung von Kiew vorgestoßen und haben das 1986 havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl und den Hauptstadt-Flughafen Hostomel besetzt.

Zu Beginn der ersten Kriegswoche attackieren die russischen Angreifer vor allem die ukrainische Infrastruktur und militärische Einrichtungen, um etwa die Flugabwehr der Ukraine auszuschalten. Der Truppenvormarsch aber gerät ins Stocken. Bereits in den ersten Kriegstagen deutet sich an, was inzwischen als gewiss gilt: Putin hat sich verschätzt, trotz einer erdrückenden militärischen Übermacht wird es Russland nicht gelingen, das Nachbarland im Handstreich zu besiegen.

Gleichzeitig häufen sich die Angriffe auf die ukrainische Bevölkerung. Mehrmals täglich ertönen Luftschutzsirenen und zivile Ziele werden getroffen, vor allem in den großen Städten im Norden und Nordosten. In Kiew und Charkiw verbringen viele Menschen die Nächte in U-Bahn-Stationen, die teilweise als Luftschutzbunker konzipiert sind. Die Stadtverwaltung unter Bürgermeister Vitali Klitschko verhängt Ausgangssperren.

In EU und NATO wird diskutiert, wie man die Ukraine unterstützen kann, ohne zur Kriegspartei zu werden. Bundeskanzler Scholz kündigt ein 100 Milliarden Euro schweres Rüstungspaket für die Bundeswehr als Teil einer neu ausgerichteten Sicherheitspolitik an. Am Samstag, 26. Februar, sagt die EU Geld für Waffenlieferungen zu: 500 Millionen Euro sollen den Mitgliedstaaten bereitstehen, um Munition, Schutzausrüstung, Panzer- und Flugabwehrwaffen an die Ukraine zu liefern - später wird sie die Summe verdoppeln

Einen Tag später lässt Putin die "Abschreckungskräfte der russischen Armee in besondere Kampfbereitschaft" versetzen; dazu gehören auch die Atomwaffen des Landes. Die Türkei schließt die Durchfahrt vom Mittelmeer zum schwarzen Meer für Kriegsschiffe.

Am 1. März bittet der ukrainische Präsident mit einer emotionalen Rede per Live-Stream im EU-Parlament um weitere Unterstützung. In den folgenden Wochen wird Selenskyj auch vor dem US-Kongress, der israelischen Knesset, dem deutschen Bundestag und anderen Parlamenten sprechen. Am Ende der ersten Woche verurteilen die Vereinten Nationen den Angriffskrieg mit einer historischen Mehrheit.

Kriegswoche 2 (3. bis 9. März): Die Welt positioniert sich

Nach einer Woche haben russische Streitkräfte mit Cherson am Schwarzen Meer die erste ukrainische Großstadt eingenommen. Ansonsten stockt der Vormarsch offenbar, die Moral der ukrainischen Verteidiger scheint ungebrochen. Auch Präsident Selenskyj hält allem Anschein nach die Stellung in der umkämpften Hauptstadt Kiew. Im Krieg entpuppt sich der ehemalige Komiker als Staatsmann und Anführer: Den Ukrainern spricht er in täglichen Video-Botschaften Anerkennung aus und Mut zu.

Während der Krieg an Härte zunimmt, zeichnen sich auf diplomatischer Ebene Lichtblicke ab: Russland und die Ukraine suchen das Gespräch und einigen sich auf die Schaffung "humanitärer Korridore". Diese örtlich und zeitlich begrenzten Waffenstillstände sind zwar brüchig, aber sie helfen, Hilfsgüter in umkämpfte Gebiete zu bringen und ermöglichen Menschen die Flucht. Bis zu diesem Zeitpunkt haben bereits 1,2 Millionen Menschen die Ukraine Richtung EU verlassen, hinzu kommen unzählige Binnenflüchtlinge.

Nach vier Wochen Krieg sind fast vier Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen

Weltweit haben sich russische Persönlichkeiten gegen Putin und den Angriff auf die Ukraine gewandt. Andere geraten wegen ihrer Treue zu Putin unter Druck: Künstler-Engagements werden abgesagt oder beendet, betroffen sind etwa die Starsopranistin Anna Netrebko und Valery Gergiev, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. UEFA und FIFA sowie das Internationale Olympische Komitee haben bereits russische Mannschaften und Athleten von Wettbewerben ausgeschlossen, das Internationale Paralympische Komitee folgt am 3. März, einen Tag bevor die Paralympischen Winterspiele in Peking beginnen.

Kriegswoche 3 (10. bis 16. März): Informationskrieg und Versorgungsangst

Von Beginn an hat Wladimir Putin offenbar eine Reihe Lügen über den Angriff auf die Ukraine in seinem eigenen Volk verbreitet: So sei etwa ein Ziel, die Ukraine zu "entnazifizieren". Der Krieg heißt "Spezialoperation", Medien und Personen, die von der offiziellen Sprachregelung abweichen, drohen harte Konsequenzen. Immer mehr ausländische Sender und Internetplattformen werden in Russland blockiert.

Fünf Fakes vom Ukraine-Krieg

03:30

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Deutlich wird aber auch, dass beide Seiten halbrichtige und falsche Informationen über das Kriegsgeschehen verbreiten - staatliche Medien wie private Nutzer. So konnte die Behauptung der Ukraine, Russland habe geächtete Vakuumbomben eingesetzt, bis heute nicht verifiziert werden. Zahlen über gefallene Soldaten gibt keine Seite an.

Weltweit wächst indes die Sorge vor steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen. Experten warnen vor regionalen Ernährungskrisen, weil die Kriegsparteien wichtige Weizen- und Düngemittelproduzenten sind. In Europa befürchtet man zudem, Russland könnte seine Rohstoff-Lieferungen einstellen, von denen viele Länder abhängig sind.

Am 8. März hatte Putin gedroht, zugesagte Gaslieferungen einzustellen, zuvor hatte Bundeskanzler Scholz das Aus für die neue Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 verkündet. In der EU ist darüber darüber eine eifrige Suche nach Alternativen entbrannt - insbesondere zu russischem Erdgas. Wobei die Angst vor dem Lieferstopp mit dem Wunsch einhergeht, Rohstoffe aus Russland zu boykottieren, um dem Regime zusätzlich zu den Wirtschaftssanktionen Geldmittel zu entziehen.

In derselben Woche räumt Russlands Finanzminister Anton Siluanow erstmals ein, dass die Sanktionen Russland massiv schaden. Indes weiten die USA ihre Sanktionen gegen russische Oligarchen aus, in Italien und Frankreich werden immer wieder Luxusyachten von russischen Wirtschaftsbossen medienwirksam beschlagnahmt.

Kriegswoche 4 (17. bis 23. März): "Völkermord in Mariupol"

Während all dieser Zeit haben die russischen Streitkräfte ihre Angriffe auf die Ukraine ununterbrochen fortgesetzt und trotz Rückschlägen weitere Gebiete erobert. Auch Landesteile, die bis dahin weitgehend verschont blieben, werden nun bombardiert, darunter die westukrainische Stadt Lwiw und Odessa, mit dem wichtigsten Hafen der Ukraine.

Bilder massiver Zerstörung kommen aus Kiew und den nordöstlichen Großstädte Sumy und Charkiw. Am stärksten betroffen aber ist wohl die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol, die zwischen dem russisch besetzten Gebiet Donezk und der Krim-Halbinsel liegt. Seit den ersten Kriegstagen ist Mariupol von russischen Truppen eingekesselt und wird massiv beschossen. Laut Stadtverwaltung sind 80 Prozent der Wohnungen zerstört.

Wie viele Menschen dem Terror in Mariupol bislang zum Opfer gefallen sind, ist unbekannt, die UN geht von 3000 toten und 20.000 verletzten Zivilisten aus. Die ukrainische Regierung spricht von "Völkermord", auch westliche Experten sehen den Tatbestand des Genozids erfüllt, EU-Politiker sprechen von "Kriegsverbrechen". 

Immerhin ist es nach mehreren gescheiterten Versuchen gelungen, humanitäre Korridore aus der Stadt einzurichten. So kann binnen weniger Tage ein Großteil der 440.000 Einwohner fliehen. Ein russisches Ultimatum, Mariupol zum 21. März aufzugeben, weist die Ukraine zurück.

Am Donnerstag, dem ersten Tag der fünften Kriegswoche beginnt der EU-Gipfel, auf dem die neue Verteidigungspolitik Europas besprochen werden soll. Am selben Tag wird die NATO zu einem Sondergipfel zusammenkommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Klar scheint bereits jetzt: Den Wunsch von Präsident Selenskyj, über der Ukraine eine Flugverbotszone einzurichten und militärisch durchzusetzen, werden die Westmächte wohl nicht nachkommen.

Krieg in der Ukraine: Hilferufe aus der Hölle

09:21

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Jan D. Walter Jan ist Redakteur und Reporter der deutschen Redaktion für internationale Politik und Gesellschaft.
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