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Vietnams Langzeitfolgen

Spencer Kimball, C.H.30. April 2015

Der Vietnam-Krieg hat die Grenzen der US-Militärmacht aufgezeigt. 58.000 US-Soldaten fielen, Millionen vietnamesischer Soldaten und Zivilisten kamen ums Leben. Auch heute noch wirft der Krieg seine langen Schatten.

Menschenschlange vor Hubschrauber Foto: picture-alliance/dpa/H. Van Es
Bild: picture-alliance/dpa/H. Van Es

Cliff Riley sah den Fall Saigons im Fernsehen. Er hatte sich 1966 im Alter von 19 Jahren direkt nach der Schule freiwillig zur Armee gemeldet. Getrieben von einem unkritischen nationalen Stolz, der von Amerikas Sieg über den Faschismus im Zweiten Weltkrieg herrührte, glaubte Riley anfangs noch, auch die US-Intervention in Vietnam sei ein gerechter Krieg, diesmal gegen die kommunistische Bedrohung.

Riley wollte Hubschrauberpilot werden, aber daraus wurde nichts, denn er hatte eine mangelhafte räumliche Wahrnehmung. Stattdessen wurde er Fernmeldetechniker und half beim Aufbau eines Fernmeldenetzes für das Militär in Südvietnam. Als Riley dort eintraf, sah er viel Armut und glaubte, die USA könnten helfen.

Doch die Wirklichkeit war keineswegs schwarzweiß, sie war verwirrend. Riley stellte die amerikanische Intervention zunmehmend infrage. Er sah das Leid der Vietnamesen, sah, wie ihr Land vom Krieg verwüstet wurde, und fragte sich, ob Amerika wirklich etwas Gutes bewirkte. "Es tat mir weh, wie wir all den Schaden anrichteten", sagt er heute. "Wir zerstörten ihr Land. Ich dachte darüber nach, was ihnen bleiben würde, wenn wir das Land verließen."

Doch vor allem verlor Riley seine Freunde. Sieben seiner Schulkameraden aus Ohio fielen im Krieg. Als er im Fernsehen sah, wie die Nordvietnamesen Saigon am 30. April 1975 überrannten, überkamen ihn Zorn und Trauer über all das, was verloren war. "Ich weinte mir die Augen aus, ich schrie: 'Warum, wozu das alles? Meine Freunde waren getötet worden. Wozu nur?'"

Warum führte Johnson Krieg?

Auch vierzig Jahre nach dem Fall von Saigon kann niemand schlüssig erklären, wofür Rileys Kameraden starben. Im Mittelpunkt der Frage nach dem Warum steht Lyndon Johnson, Amerikas 36. Präsident. Johnson war ein liberaler Demokrat aus Texas, ein Reformer, der sich für soziale Gerechtigkeit und Rassengleichheit einsetzte. Aber seine fortschrittliche Innenpolitik stand im Gegensatz zu seiner aggressiven Außenpolitik. 1965 suchte er die militärische Eskalation, indem er eine Beratungsmission in einen Krieg verwandelte, auf dessen Höhepunkt 500.000 US-Soldaten in Vietnam eingesetzt waren.

Dem US-Soldaten Cliff Riley kamen bald nach seiner Ankunft Zweifel am Sinn des Krieges.Bild: Cliff Riley

"Viel deutet darauf hin, dass Lyndon Johnson beim Thema Vietnam innerlich gespalten war", sagt der Historiker und Buchautor Edward Miller. "Auf der einen Seite fand er, die USA müssten Südvietnam unterstützen", so Miller. "Die USA waren zu dem Zeitpunkt schon seit 15 Jahren in Vietnam engagiert. Auf der anderen Seite ist klar, dass ihm der Vietnamkrieg großes Kopfzerbrechen bereitete."

Manche Historiker glauben, Johnson sei ein in der Wolle gefärbter Kalter Krieger gewesen, der an die Dominotheorie glaubte, nach der sich der Kommunismus wie ein Buschfeuer ausbreiten würde, sollte Südvietnam an den Norden fallen. Andere sind der Meinung, John habe sich aus innenpolitischen Erwägungen für den Krieg entschieden. Als liberaler Präsident, der eine fortschrittliche Innenpolitik verfolgte, befürchtete er, von der Rechten angegriffen zu werden, er sei zu nachgiebig gegenüber dem Kommunismus. Heute meinen viele Historiker, Johnsons Persönlichkeit sei der wichtigste Faktor bei der Entscheidung gewesen, Kampftruppen nach Vietnam zu entsenden. Er war ein unsicherer Mann, der nach außen hart wirken musste.

Agent Orange

Mit dem Ziel, den kommunistischen Aufständischen die Rückzugsräume zu zerstören, versprühten die USA 80 Millionen Liter Agent Orange, um den dichten Dschungel Vietnams zu entlauben. Agent Orange enthält hochgiftiges Dioxin. Jahrelang erkannte die US-Regierung eine Verbindung zwischen Dioxinkontakt und Gesundheitsproblem bei heimkehrenden Veteranen wie Cliff Riley nicht an.

"Dioxin hat viele von uns krank gemacht", sagt der heute 69 Jahre alte Riley. "Wenn Sie sich die Leute ansehen, die mit Dioxin in Kontakt kamen, dann hatten die ein höheres Risiko bei Krankheiten wie Prostatakrebs, Lungenkrebs oder Parkinson."

Schon mit 40 hatte Riley zwei Herzanfälle hinter sich. Seine Frau hatte eine Fehlgeburt. Er hatte Nieren-, Blasen- und Gallenprobleme. Bei ihm wurde Darmkrebs festgestellt. Er hat heute Diabetes. Sein Sohn leidet unter anderem unter Legasthenie und einer Hüftfehlbildung. Erst durch ein Gesetz von 1991 begann die US-Regierung, den Zusammenhang anzuerkennen und Veteranen für Krankenheiten zu entschädigen, die durch Dioxinkontakt verursacht wurden.

"Doch für die Vietnamesen ist es zehnmal schlimmer, weil sie mit Dioxin in ihrem Grund- und Trinkwasser leben", sagt Williamson. "Das ganze Land ist davon durchtränkt. Sie haben mehr Krebsfälle und Geburtsschäden als wir. Und wir wissen heute, dass Dioxin bis zu sieben Generationen einer Familie hindurch betreffen kann."

Vietnam-Syndrom?

Die Schrecken des Krieges und der militärische Niederlage waren für die USA so traumatisierend, dass manche Amerikaner glaubten, ihr Land leide an einem "Vietnam-Syndrom". "Weil der Krieg ein solches Desaster war, weil er in der Bevölkerung so verhasst war, haben amerikanische Spitzenpolitiker danach sehr gezögert, im Ausland wieder Militär einzusetzen", so der Historiker Edward Miller.

Die Spätfolgen von Agent Orange können sich über mehrere Generationen auswirken.Bild: AP

Aber nicht jeder sieht die Vietnam-Tragödie als warnenden Hinweis auf die Grenzen der amerikanischen Militärmacht. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 marschierten die USA unter Präsident Bush in Afghanistan und im Irak ein und verfolgten inmitten von Aufständen eine ehrgeizige Politik des nation building - beide Konflikte kann man bestenfalls ergebnislos nennen. Inzwischen ist der Afghanistan-Krieg der längste Konflikt der amerikanischen Geschichte, nicht Vietnam.

"Vietnam bleibt der Bezugspunkt", so der Historiker Edward Miller. "Egal, ob sich die Diskussion darum dreht, was die USA im Irak oder in Afghanistan tun sollten oder wie sie mit dem 'Islamischen Staat' umgehen sollten, jedesmal ist Vietnam der erste Bezugspunkt."

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