1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Vogelgrippevirus: Warum Mutationen zur Gefahr werden können

10. Dezember 2025

Für Wild- und Haustiere ist das Vogelgrippevirus eine tödliche Gefahr. Für Menschen ist das Risiko bisher zwar gering. Doch das könnte sich ändern, wenn sich das Virus unkontrolliert verbreiten und mutieren kann.

BdTD | Deutschland  - Küken in Werheim
Viele Küken werden in unsichere Zeiten geboren: Die aktuelle Welle der Vogelgrippe ist besonders verheerendBild: Michael Probst/AP Photo/picture alliance

Die aktuelle Welle der Vogelgrippe ist mit Wucht über Europa und Nordamerika hereingebrochen. Laut der Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH) wurden allein im Oktober und November 2025 weltweit fast neun Millionen Tiere aus Geflügelbeständen gekeult - die meisten in den USA, Kanada und in Deutschland. 

In Deutschland wurden in diesem Jahr 160 Ausbrüche registriert, 1,8 Millionen Tiere wurden getötet. Es sind die höchsten Zahlen seit 2022.  

Im November 2025 starb zudem ein Mann in den USA an der Vogelgrippe. Trotzdem halten Gesundheitsbehörden und Experten das Risiko einer Vogelgrippe-Pandemie derzeit für gering. Es war der erste Todesfall in den USA seit Januar. Obwohl sich immer wieder Personen mit dem Virus infizieren, scheint es bisher keine Übertragung der Infektion von Mensch zu Mensch gegeben zu haben. 

Dramatisch ist die Situation allerdings für viele Tiere. Für sie hat die Krankheit schon längst verheerende Folgen.

"Es geht nicht mehr nur um Auswirkungen auf den Geflügelsektor oder Wildvögel", sagt Gregorio Torres, wissenschaftlicher Leiter der Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH). Die Krankheit ist auch eine Gefahr für viele andere Tiere. Die aktuelle Welle, größtenteils ausgelöst durch den Subtyp H5N1, macht auch vor Rindern, Schweinen, Katzen und Hunden sowie wilden Säugetieren nicht Halt.

Vogelgrippe: Krankheit und Tod

Die hochpathogene aviäre Influenza (HPAI) bezeichnet jene Vogelgrippeviren, die schwere Infektionen bei Hühnern, Enten, Puten und anderem Geflügel verursachen. Die Konsequenzen sind dieselben wie bei Wildvögeln - erst Krankheit und dann Tod.

Die WOAH, eine zwischenstaatliche Organisation, die für die weltweite Koordinierung und Überwachung der Tiergesundheit zuständig ist, zeigt sich alarmiert. Sie betrachtet das Virus als enorme Bedrohung für die biologische Vielfalt. Insbesondere die 2.3.4.4b-Klade der H5N1-Vogelgrippe, die für die meisten Infektionen bei Tieren verantwortlich ist.

Was der Ausbruch der Vogelgrippe in Deutschland bedeutet

02:38

This browser does not support the video element.

Vorerst geringes Risiko für Menschen

1959 wurde H5N1 erstmals auf einer Geflügelfarm in Schottland entdeckt. Der erste Sprung vom Geflügel auf den Menschen wurde 1997 in Hongkong dokumentiert. Mittlerweile haben sich die Vogelgrippeviren rund um den Globus verbreitet und konnten im Jahr 2025 auf allen Kontinenten nachgewiesen werden - sowohl an Land, als auch im Meer.

Selbst die entlegensten Gebiete hat die HPAI erobert: Am 25. November bestätigten die australischen Behörden die Infektion von Seeelefanten auf der abgelegenen, subantarktischen Insel Heard Island im Indischen Ozean. Das Gebiet liegt rund 4.300 Kilometer südwestlich des australischen Festlands.

In den letzten Jahren hatten Vogelgrippeausbrüche auch an den Küsten Südamerikas zu einem Massensterben von Seelöwen und Seeelefanten geführt. In Florida wurden selbst Delfine positiv auf das Virus getestet. In erster Linie macht die Vogelgrippe allerdings dem Agrarsektor zu schaffen.

Im Herbst 2025 begann die Vogelgrippesaison in Deutschland außergewöhnlich früh - sehr zum Leidwesen der Geflügelzüchter. Aus Schweden kommende und über Deutschland ziehende Kraniche hatten die Viren im Gepäck. In der Folge wurden in Deutschland mehr als eine Million Tiere aus Geflügelbetrieben gekeult.

Kraniche und andere Zugvögel sind der Hauptgrund für die Ausbreitung der Vogelgrippe über Kontinente hinweg. Naht der Winter auf der Nordhalbkugel, treten die Tiere ihre Reise Richtung Süden an. Dabei legen sie immer wieder Zwischenstopps in der Nähe von Feuchtgebieten ein, um sich zu erholen. Dabei können sie in Kontakt mit einheimischen Vögeln kommen und mitgeschleppte Viren weitergeben.

Mutationen erleichtern die Verbreitung der Vogelgrippe

Auf diese Weise kann sich die HPAI rasend schnell unter Wild- und Nutzvögeln verbreiten. Je häufiger ein Virus die Chance hat, sich zu vermehren, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass es zu seinem Vorteil mutiert. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen, dass die 2.3.4.4b-Klade von H5N1 Mutationen aufweist, die dem Virus die Infektion von Wildvögeln erleichtert.

Konkret heißt das, infizierte Vögel können die Krankheit über ihren Kot - beim Überflug über lokale Enten-, Schwanen- oder Gänsepopulationen - effektiv in eine Region bringen. So kann sich die Infektion selbst ohne direkten Kontakt von Zugvögeln und heimischen Tieren weiter ausbreiten.

Dann ist schnelles Handeln gefragt, um eine flächendeckende Ausbreitung des Virus zu verhindern. Sogenannte "Biosicherheitsmaßnahmen" sollen dieses Risiko mindern. Gemeint sind damit klare Vorschriften, die die Kontrolle und Überwachung von Tierbeständen, Meldung von Infektionen und Maßnahmen zur Eindämmung von Ausbrüchen regeln. 

Eine strenge Biosicherheit sei unerlässlich, um Ausbrüche einzudämmen, Übertragungen zu verhindern und das Risiko künftiger Ausbrüche zu verringern, so Justin Bahl, Epidemiologe und Evolutionsbiologe an der University of Georgia, USA. "Solange wir Biosicherheit haben und wachsam sind, denke ich, dass wir im Moment gut dastehen", sagt Bahl im Gespräch mit der DW. "Laxe Biosicherheit ist wahrscheinlich das größere Risiko".

Zoonosen: Kommt eine neue Pandemie aus dem Hinterhof?

11:52

This browser does not support the video element.

Die Ausbreitung des Virus innerhalb von Tierpopulationen einzudämmen schützt nicht nur das Leben von Tieren. Eine aktive Überwachung und Krankheitstests können dazu beitragen, die Ausbreitung der Vogelgrippe in Vogelpopulationen zu verhindern. Sie verringern zudem das Risiko von Mutationen, die eine Übertragung auf den Menschen erleichtern könnten, sagt Amira Roess, eine Epidemiologin für globale Gesundheit an der George Mason University in den USA. 

"Wann immer wir einen Anstieg der Influenza-Todesfälle bei Geflügel oder Wildvögeln feststellen, müssen wir aufmerksam werden und eine robuste Überwachung aktivieren, damit wir wichtige Mutationen erkennen können, wenn sie auftreten", so Roess per E-Mail. "Die Tatsache, dass wir keine schweren Fälle beim Menschen gesehen haben, deutet darauf hin, dass die zirkulierenden Stämme bisher keine große Bedrohung für die menschliche Gesundheit darzustellen scheinen."

Die Experten, mit denen die DW für diesen Artikel gesprochen hat, betonen außerdem die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ländern, da Wildvögel keine Grenzen kennen. Und Viren auch nicht, wie die COVID-19-Pandemie eindrucksvoll gezeigt hat.

"Es ist ein globales Problem", sagt Gregorio Torres von der WOAH . "Wir müssen transparent sein und Informationen austauschen, zum Wohle der Gesundheit von Mensch und Tier."

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Englisch veröffentlicht und von Julia Vergin ins Deutsche übersetzt.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen