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Bruno Ganz ist 75

Nadine Wojcik21. März 2016

Bruno Ganz ist wandlungsfähig wie kaum ein Zweiter: Er überzeugte als Engel genauso wie als Adolf Hitler und als Almöhi: Er arbeitete mit den innovativsten Regisseuren - und seine Kreativität scheint unerschöpflich.

Schauspieler Bruno Ganz bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer Medaille in Mainz, 2015 (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)
Bild: picture-alliance/dpa/F.v. Erichsen

In vielen Filmen spielte Bruno Ganz Hauptrollen, die später Filmgeschichte schrieben. Oder schrieben die Filme Geschichte, weil Bruno Ganz mitspielte? Vor allem sind es seine Rollen mit harten Brüchen und Sinnkrisen, die sich dem Zuschauer ins Gedächtnis brennen: ein skrupelloser Journalist im Libanonkrieg, ein gefallener Engel im geteilten Berlin, ein verstörter Adolf Hitler.

All diesen Rollen haucht Bruno Ganz unangestrengt Leben ein, als ob es nur diese eine Figur gäbe und danach keinen weiteren Film. "Ich neige dazu, mich mit meinen Figuren zu identifizieren und sage Sätze auch mit großer Überzeugung, an die ich nie im Leben glaube", sagte Bruno Ganz in einem DW-Interview. Als Adolf Hitler in "Der Untergang" sei das "sehr schwierig gewesen."



Dabei sind es keine aufgeregten Monologe, die den Zuschauer in den Bann ziehen, sondern langsame Gesten und ein einfacher Blick, dieser Bruno-Ganz-Blick: reduziert, traurig und punktgenau. Dennoch bleibt er wandelbar: Kaum ein Schauspieler kann auf eine derart lange und vielfältige Filmografie zurückblicken. Und kaum ein Schauspieler kann mit 75 immer noch nach vorn blicken.

Als Arbeitersohn zum Schauspieler

Der Schauspieler ist aus der deutschen Filmlandschaft nicht wegzudenken. Dabei stammt Ganz gebürtig aus Zürich in der Schweiz. Dort wuchs er in einer Arbeiterfamilie auf, die seine Berufsamibitionen wenig nachvollziehen konnte. Ihm war es hingegen sehr ernst: Als Teenager schmiss er die Schule, besuchte die Zürcher Studiobühne, verdiente sich sein Zubrot als Buchverkäufer und absolvierte eine Ausbildung zum Sanitäter. Bereits mit 20 hatte er kleinere Filmrollen, Anfang der 1960er Jahre verließ er die Schweiz und versuchte sich erfolgreich als Theaterschauspieler in Göttingen und in Bremen.

Erste Kinohauptrolle 1967: Haro Senfts "Der sanfte Lauf"Bild: absolut medien

Die meisten Schauspieler treffen eine Entscheidung: Theater oder Film. Bruno Ganz braucht sich diese Frage nicht stellen - er überzeugt sowohl auf der Bühne als auch auf der Leinwand. Ab den 1970er Jahren spielte er an der Berliner Schaubühne mit Regisseuren wie Peter Zadek, Peter Stein, Luc Bondy. 1972 brillierte er bei den Salzburger Festspielen unter Claus Peymanns "Der Ignorant und der Wahnsinnige", ein Stück von Thomas Bernhard. Ganz wurde damit zum "Schauspieler des Jahres" und blieb Bernhard bis zu dessen Tod tief verbunden. Dieser widmete ihm gar das Stück "Die Jagdgesellschaft": "Für Bruno Ganz, wen sonst".

Als Engel in "Der Himmel über Berlin"

Zeitgleich baute sich der Schauspieler eine beachtliche Leinwandkarriere auf. Und wie bereits bei der Theaterarbeit liest sich auch die Liste der Filmregisseure, mit denen Ganz zusammen arbeitete, wie ein Who-is-Who der Szene: Wim Wenders, Werner Herzog, Peter Handke, Volker Schlöndorff. Weltbekannt wurde Ganz vor allem mit Wenders "Der Himmel über Berlin". Hier spielte er 1987 den Engel Damiel, der über das geteilte Berlin wacht und sich in eine Frau verliebt. Der Stoff wurde übrigens später von Hollywood mit Nicolas Cage in "Stadt der Engel" adaptiert.

Himmlischer Bote: Bruno Ganz als Engel Damiel in Wim Wenders Welterfolg "Der Himmel über Berlin"Bild: picture-alliance/United Archiv

Dabei hat Ganz stets ein gutes Gespür für die Brüche seiner Charaktere bewiesen. Wie bei dem italienischen Film "Brot und Tulpen", in dem er einen - selbstverständlich melancholisch-nachdenklichen - Kellner spielt, der das Herz einer unglücklichen Ehefrau erobert. Oder als Todkranker in "Satte Farben vor Schwarz", wo er gemeinsam mit seiner Ehefrau, gespielt von Senta Berger, Selbstmord begeht.

Untergang mit "Der Untergang"?

2004 wird ihm seine wohl schwierigste Rolle angeboten: Adolf Hitler an seinen letzten Tagen im Führerbunker. Eine heikle Offerte - muss ein Schauspieler an dieser Figur nicht zwangsläufig scheitern? Bruno Ganz zeigt den Mensch Hitler, einen alten, tattrigen Mann, der beim Schreien spuckt und dem die Hände zittern. Laut sind nach der Premiere sowohl die Stimmen der Kritiker als auch der Gratulanten. "Der Untergang" wird zum Kinoerfolg und Ganz ein weltweiter Star. Doch wie wird man ihn wieder los, diesen Hitler? Später gab Bruno Ganz in einem Interview mit der "Berliner Morgenpost" zu, dass er selbst überrascht war, wie lange ihn diese Figur noch verfolgte. Und es dauerte auch in der öffentlichen Wahrnehmung, bis Ganz wieder Ganz war: der wandelbare Schauspieler.

Sein Theaterengagement lief derweil weiter, auch hier nicht ohne Superlative: Als Faust 2000 in Peter Steins Mammutinszinierung, die über 21 Stunden dauerte, oder als Ödipus 2003 im Wiener Burgtheater, wo er damals als 62-Jähriger debütierte. Bruno Ganz kann sich sogar offiziell den "bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters" nennen: Seit 1996 ist er Träger des Iffland-Ringes, der seit mehr als 100 Jahren von einem Schauspieler zum nächsten verliehen wird.

Diese Auszeichnung ist nicht die einzige: Unzählig sind seine Preise und Ehrungen wie der Europäischer Filmpreis, die Goldene Kamera für das Lebenswerk, die Carl-Zuckmayer-Medaille oder das Bundesverdienstkreuz. Sein Privatleben ließ er unterdes im Verborgenen. Nur so viel weiß man: Er soll Wohnungen in Berlin, Zürich und Venedig besitzen, in letzteres verliebte er sich bei den Dreharbeiten zu "Brot und Tulpen". Von seiner Frau, mit der er einen Sohn hat, lebt er getrennt. Seine Partnerin soll die Fotografin Ruth Walz sein.

Heikle Rolle: als Adolf Hitler in "Der Untergang"Bild: dapd

"Früh genug aufhören"

Bruno Ganz ist kein rein deutschsprachiger Star. Eine große internationale Karriere hat er nicht gemacht, dafür aber doch einige wichtige Begegnungen wie beispielsweise als Professor Rohl in "Der Vorleser" unter der Regie von Stephen Daldry, als Diamantenhändler in "The Counselor" unter der Regie von Ridley Scott, als Stasi-Agent in "Unknown Identity" unter der Regie von Jaume Collet-Serra.

Er sei schon in vielen Filmen gestorben, sagte er einmal der Wochenzeitung "Die Zeit". "In Sterberollen lernt man, dass es einem nicht hilft, sich auf den eigenen Tod vorzubereiten", sagte Ganz. "Manchmal, wenn man dann da liegt und die anderen spielen weiter, ist man schon dankbar dafür, am Leben zu sein."

Am 22.03.2016 feierte er seinen 75. Geburtstag. In diesem Alter, in dem viele längst in Rente sind, müsse man sich auch als Schauspieler seine Gedanken machen: "Ich finde es bedenklich, wenn man sich nur noch als ein Krüppel durch einen zehnstündigen Drehtag schleppt - bloß, damit man noch am Milieu schnuppert - und wünsche mir, dass ich früh genug aufhöre", sagte Ganz in einem DW-Interview. Möge dieser Tag noch lange auf sich warten lassen.

Bruno Ganz bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille 2015 in MainzBild: picture-alliance/dpa/F.v. Erichsen
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