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PolitikPolen

Vor 60 Jahren: Kirche in Polen reichte Deutschland die Hand

Jacek Lepiarz (aus Warschau)
17. November 2025

Im Jahr 1965 sendeten polnische Bischöfe eine historische Versöhnungsbotschaft an deutsche Amtsbrüder. Dies war ein Meilenstein für die deutsch-polnischen Beziehungen – trotz Kaltem Krieg und Grenzkonflikten.

Schlichte steinerne Kreuze stehen in Dreiergruppen auf einer Wiese. Im Hintergrund ein größeres Steinkreuz, vor dem Kränze liegen
Ein deutscher Soldatenfriedhof in Polen erinnert an die von Krieg und Leid überschattete Vergangenheit zwischen Polen und DeutschlandBild: Jerzy Undro/dpaweb/dpa/picture alliance

Am 18. November 1965, vor genau 60 Jahren, wandten sich die polnischen Bischöfe mit einer überraschenden Botschaft der Versöhnung an ihre deutschen Amtsbrüder. Die meisten Polen traf diese Geste wie ein  Blitz aus heiterem Himmel. Denn 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und mitten im Kalten Krieg waren die Beziehungen zwischen Polen und Bundesrepublik Deutschland von Misstrauen, Sprachlosigkeit und Feindschaft geprägt.

Nur vier Jahre zuvor war mit dem Bau der Berliner Mauer die deutsche Teilung besiegelt worden, die beiden ideologischen Blöcke - der kapitalistische Westen und der kommunistische Osten - standen sich unversöhnlich gegenüber. Erst mit der Regierungsübernahme von Willy Brandt (SPD) im Jahr 1969 wurde die Entspannungspolitik eingeleitet.

Die traumatische Erinnerung an den Krieg und die deutsche Besatzung mit sechs Millionen Toten auf der polnischen Seite und Millionen deutscher Vertriebener nach Kriegsende lasteten schwer auf dem deutsch-polnischen Verhältnis. Wie ein Damoklesschwert hing die Grenzfrage über Warschau und Bonn, dem damaligen Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland.

Die Bundesregierung lehnte die Anerkennung der Grenzziehung entlang der Flüsse Oder und Neiße  prinzipiell ab. Die Gebiete östlich dieser Linie wie Pommern oder Schlesien galten für Bonn als "Deutsche Ostgebiete z.Zt. unter polnischer Verwaltung". Die kommunistische Staatspropaganda prangerte die Deutschen in der jungen Bundesrepublik unter der Führung des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer (CDU) als Erzfeinde und Revanchisten an.

Die Kirchen als Vorreiter der Versöhnung

In dieser festgefahrenen Situation fiel den katholischen Kirchen in den beiden Staaten die besondere Rolle zu, die Konfrontation zu überwinden. Am Rande des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom kam es im Herbst 1965 zu intensiven Kontakten zwischen deutschen und polnischen Bischöfen. Als treibende Kraft des Dialogs erwies sich Erzbischof Boleslaw Kominek aus Wroclaw (Breslau).

Der Bischof von Wroclaw, Boleslaw Kominek: Er war die treibende Kraft des Dialogs mit DeutschlandBild: Adam Hawalej/PAP/picture alliance

Die polnischen Bischöfe planten, die Episkopate aus anderen Ländern zur Millenniumsfeier der Kirche in Polen im Jahre 1966 einzuladen. Kominek nutzte diese Gelegenheit, um eine Versöhnungsbotschaft an die deutschen Amtsbrüder zu richten. In seinem Schreiben betonte er die positiven Aspekte der tausendjährigen deutsch-polnischen Nachbarschaft, ohne dabei die deutschen Kriegsverbrechen zu verschweigen.

Der Erzbischof erwähnte "das Leid der Millionen von Flüchtlingen und vertriebenen Deutschen" und würdigte deutsche Priester, die der NS-Diktatur zum Opfer gefallen waren. "Tausende von Deutschen teilten als Christen und Kommunisten in den Konzentrationslagern das Los unserer polnischen Brüder", hieß es in dem Brief. Kominek betonte, die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze sei eine "Existenzfrage" für Polen.

"Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung"

Der Schlüsselsatz kam erst ganz zum Schluss: "In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils aus, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung."

Die deutschen Bischöfe antworteten am 5. Dezember 1965. "Wir ergreifen die dargebotenen Hände", schrieben sie in ihrem Brief uns fügten hinzu: "Furchtbares ist von Deutschen und im Namen des deutschen Volkes dem polnischen Volk angetan worden. Wir wissen, dass wir die Folgen des Krieges tragen müssen, die auch für unser Land schwer sind. Wir verstehen, dass die Zeit der deutschen Besatzung eine brennende Wunde hinterlassen hat, die auch bei gutem Willen nur schwer heilt."

Frühe Gesten der Versöhnung: Im Jahr 1962 besuchten die Kardinäle Stefan Wyszynski (l.) und Karol Wojtyla DeutschlandBild: imago stock&people/ZUMA/Keystone/IMAGO

In der Grenzfrage blieben die deutschen Kirchen-Hierarchen allerdings weit hinter den polnischen Erwartungen zurück: Sie betonten das Recht der deutschen Vertriebenen auf Heimat in den Gebieten östlich von Oder und Neiße, zeigten aber auch Verständnis dafür, dass dort eine junge Generation von Polen heranwächst, die diese Gebiete als ihre Heimat betrachtet.

"Die deutschen Bischöfe waren bestrebt, die 'Versöhnung' von der Politik loszulösen. Gemeinsames Gebet und gegenseitiger Besuch waren möglich, aber politische Zugeständnisse wie etwa (…) die Anerkennung des Heimatrechts der Polen oder gar ein klares Wort zur Grenze kamen nicht in Frage", schrieb die langjährige Polen-Korrespondentin Edith Heller in ihrem 1992 erschienenen Buch "Macht Kirche Politik" über den Briefwechsel. Bischof Kominek selbst verbarg in seinen Memoiren seine Enttäuschung nicht: Die deutsche Antwort sei "zaghaft" und "ungenügend" gewesen, schrieb er.

Kommunistische Propaganda greift die Kirche als Landesverräter an

In Polen löste der Brief eine Welle der Empörung aus. Von der kommunistischen Partei gesteuerte Medien starteten eine Hetzkampagne gegen Primas Stefan Wyszynski und seine Kirche. Die Bischöfe wurden des Ausverkaufs der polnischen Staatsräson und des Handelns im Interesse westdeutscher Revanchisten beschuldigt.

Der Primas der polnischen Kirche, Kardinal Stefan Wyszynski, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1963, bei einem Besuch in RomBild: imago stock&people/IMAGO

Der polnische KP-Chef Wladyslaw Gomulka erblickte eine Chance, die katholische Kirche, die als die einzige reale Opposition zum kommunistischen System in Polen agierte, zu schwächen. Er wusste dabei den überwiegenden Teil der Polen auf seiner Seite.

Im Rückblick erwies sich der polnische Brief jedoch als zukunftsweisend und trug wesentlich zur Annäherung und Verständigung zwischen Polen und Deutschen bei. Der polnische Regimekritiker Jan Jozef Lipski bezeichnete die Initiative der Bischöfe als die "weitblickendste Tat der polnischen Nachkriegsgeschichte". Und die Staatsoberhäupter Joachim Gauck und Andrzej Duda nannten den Briefwechsel im Jahr 2015 ein "Ereignis, das die deutsch-polnischen Beziehungen und die Geschichte Europas fundamental geändert hat".

Die damaligen Präsidenten Andrzej Duda (l.) und Joachim Gauck im Jahr 2015 im Schloss Bellevue in BerlinBild: Gero Breloer/AP Photo/picture alliance

Heute sind Deutschland und Polen Partner und Verbündete in der Europäischen Union und der NATO. Trotzdem stecken die gegenseitigen Beziehungen in einer Krise. In der katholischen Kirche wurden nach dem Tod des Papstes Johannes Paul II., der als Erzbischof von Krakau den Brief mitunterzeichnet hatte, die nationalistischen Tendenzen stärker. Der emeritierte Bischof von Wroclaw, Wieslaw Mering, wärmte im Sommer ein altes antideutsches Sprichwort auf: "Bis ans Ende der Welt wird kein Deutscher Polens Bruder sein." Zur Botschaft "Wir vergeben und bitten um Vergebung" bekenne sich heute nur eine Minderheit",  schreibt der Publizist Adam Krzeminski in der neuesten Ausgabe der Wochenzeitung "Polityka".  

Dessen ungeachtet werden polnische und deutsche Bischöfe den 60. Jahrestag des Briefwechsels gemeinsam in Wroclaw begehen - mit einem Festakt, einer Messe und einer wissenschaftlichen Tagung. Dabei werden sie auch am Grab von Bischof Kominek, der die Versöhnungsgeste initiiert hatte, einen Kranz niederlegen.

Jacek Lepiarz Journalist in der polnischen Redaktion mit Schwerpunkt auf deutsch-polnischen Themen.
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