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Voynich-Manuskript: Geheimcode bringt Lösung näher

14. Januar 2026

Mit Würfeln und Spielkarten erzeugt ein neuer Code Texte, die dem Voynich-Manuskript verblüffend ähneln. Er löst das Rätsel nicht, zeigt aber, wie ein mittelalterlicher Autor den Text konstruiert haben könnte.

Ausfaltbare Illustration aus dem rätselhaften Voynich-Manuskript
Das Buch scheint in einem Phantasie-Alphabet geschrieben, und zeigt auf knapp 250 Seiten magische Schriftzeichen und an Heilkunde erinnernde Zeichnungen. Bild: akg-images/picture alliance

Es ist ein mittelalterliches Rätsel, das sich mit Würfeln und Spielkarten erklären lässt: Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Cryptologia zeigt, dass ein eigens entwickelter Geheimcode Texte erzeugt, die dem Schriftbild des Voynich-Manuskripts erstaunlich nahekommen - ohne es zu entschlüsseln.

Das rätselhafte Voynich-Manuskript

04:35

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Das Manuskript, das niemand lesen kann

Das Voynich-Manuskript stammt nach Radiokarbon-Datierung aus dem 15. Jahrhundert und umfasst rund 38.000 Wörter in bis heute unentzifferten Glyphen. Berühmt wurde es auch wegen bizarrer Illustrationen zu Pflanzen, Astrologie, Alchemie und den berühmten Szenen nackter badender Frauen. Es befindet sich nun in der Yale University.

Im Herbst 1912 soll Wilfrid Voynich den unscheinbaren Folianten in einer Truhe eines Jesuitenkollegs nahe Rom entdeckt haben - zwischen theologischen Werken, die niemand mehr wirklich beachtete. Beim Aufschlagen fand er phantastische Pflanzen, badende Frauen in grünen "Rohrsystemen" und Seiten voller Schriftzeichen, die in keiner Bibliothek der Welt verzeichnet waren.

Seither kursiert die Anekdote, der Händler habe das Buch zunächst für einen sensationellen Fund in der Tradition Leonardo da Vincis gehalten - und damit ungewollt den Mythos eines "unlesbaren Codex" befeuert. Seit mehr als hundert Jahren ringen Linguisten, Kryptologen und KI-Forscher um eine Erklärung - bislang ohne allgemein akzeptierte Lösung.​

Badende Frauen? Ein Jungbrunnen? Das Buch mit den rätselhaften Darstellungen und einer unbekannten Sprache kann bislang nicht entschlüsselt werdenBild: ORF/Pro omnia film/Andeas Sulzer/dpa/picture alliance

Naibbe: Geheimsprache mit Karten und Würfeln

In der neuen Studie stellt der Wissenschaftsjournalist Michael Greshko einen Code vor, den er "Naibbe" nennt - nach einem Kartenspiel des 14. Jahrhunderts. Naibbe verwandelt lateinische oder italienische Texte mithilfe eines Würfels zunächst in Ein- und Doppelbuchstaben und verschlüsselt diese dann über sechs Tabellen, die per Spielkarte ausgewählt werden, in "Voynich-ähnliche" Glyphen.

Die Tabellen sind so gewichtet, dass Häufigkeiten der Zeichen und Wortlängen statistisch stark an das echte Voynich-Manuskript erinnern.​

Grenzen des Codes: Warum Naibbe keine echte Lösung liefert 

Greshko hatte die Idee zu Naibbe während Recherchen zum Manuskript. "Es ist dieses faszinierend mysteriöse mittelalterliche Artefakt", sagt er.

Er betont zugleich die Grenze seines Ansatzes: "Der Naibbe-Code ist mit ziemlicher Sicherheit nicht die Art, wie das Manuskript konstruiert wurde", erklärt er, "aber er liefert eine vollständig dokumentierte Methode, zuverlässig zwischen Latein und etwas zu wechseln, das sich ein bisschen wie das Voynich-Manuskript verhält."​

Das Voynich-Manuskript fesselt seit seiner Entdeckung vor mehr als 100 Jahren Wissenschaftler und Okkultisten gleichermaßenBild: akg-images/picture alliance

Benchmark für Forschung: Was der Code über das Voynich-Rätsel verrät 

Naibbe erreicht nicht alle Feinheiten: Positionen bestimmter Wörter im Zeilenbild und manche Häufigkeiten weichen noch vom Original ab. Gerade diese Abweichungen versteht Greshko als Chance: "Meine Hoffnung ist, dass das als rechnerischer Benchmark übernommen wird", sagt er, denn die Unterschiede könnten Hinweise liefern, wie der echte Text generiert wurde.

Wichtig ist ihm: Naibbe soll weder eine "Lösung" liefern noch eine bestimmte Theorie - etwa über eine Geheimsprache – bestätigen, sondern ein Werkzeug sein, um Hypothesen systematisch zu testen. ​Die Studie demonstriert, dass ein komplexer, aber "von Hand machbarer" Zufallscode mit Karten und Würfeln einen Voynich-ähnlichen Text hervorbringen kann.

Das Pergament soll zwischen 1404 und 1438 hergestellt worden sein. Gefunden wurde es 1912 vom New Yorker Antiquariatsbuchhändler Wilfried Voynich in der Villa Mondragone nahe RomBild: ORF/Pro omnia film/Andeas Sulzer/dpa/picture alliance

Hoax oder Code – und wer würde sich so viel Arbeit machen?

René Zandbergen, einer der bekanntesten Voynich-Experten, lobt den Ansatz: Greshko zeige, "dass eine solche Methode gefunden werden kann, und wir dürfen annehmen, dass es andere geben könnte".

Zugleich bleibt er "im Wesentlichen unentschieden", ob der Text bedeutungsvoll ist oder nur ein kunstvoller Schwindel. Denn Naibbe übersetzt kein einziges Wort des tatsächlichen Manuskripts; es gibt also keine Lesart oder sprachliche Deutung.

Die Kernfrage bleibt damit ebenso offen wie provokant: Hat jemand im späten Mittelalter mit enormem Aufwand ein sinnloses Buch erschaffen - oder fehlt der modernen Wissenschaft noch immer der entscheidende Schlüssel zu einer verlorenen Sprache?​

Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit
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