Wahl in Baden-Württemberg: Grüne und CDU fast gleichauf
8. März 2026
Seit 2016 wird das Bundesland Baden-Württemberg in Südwesten Deutschlands von den Grünen und der CDU regiert. Gut möglich, dass das auch nach der Landtagswahl an diesem Sonntag so bleibt - allerdings womöglich mit veränderter Reihenfolge. Denn noch wenige Tage vor der Wahl am 8. März lag die CDU in den Umfragen vorn. Die Grünen folgten als zweitstärkste Kraft, wenn auch nur äußerst knapp dahinter.
Ein Grund für den Stimmungswandel: Der populäre Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen wird im Mai 78 Jahre alt und tritt nicht noch einmal zur Wahl an. Er kam 2011 ins Amt, regierte zunächst mit den Sozialdemokraten und seit 2016 mit der CDU als kleinerem Koalitionspartner. Der Spitzenkandidat der Konservativen, Manuel Hagel, könnte sein Nachfolger werden - und eine Koalition mit den Grünen bilden.
Kurz vor der Wahl zeigte eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infratest-dimap, dass CDU und Grüne Kopf an Kopf liegen - 28 zu 27 Prozent. Auch kleine Parteien wie die Linken und die FDP können auf einen Einzug in den Landtag hoffen.
CDU-Spitzenkandidat Hagel will vor allem mit Wirtschaftskompetenz und Zuversicht punkten. Im Gespräch mit der DW spricht er auch von zwei großen Erfindern, die vor vielen Jahrzehnten aus seinem Bundesland stammten. "Wenn wir uns Carl Benz anschauen: Der hat ja das Auto nicht erfunden, weil irgendwer die Kutsche vorher verboten hat. Auch Baron von Drais erfand nicht das Fahrrad, weil ihm irgendwer das Laufen verboten hat. Sie haben erfunden, weil sie Lust auf Neues hatten."
Özdemir beliebter als Hagel
Grüner Spitzenkandidat ist Cem Özdemir, der bundesweit bekannte frühere Bundeslandwirtschaftsminister und ehemalige Parteichef. Nachdem die Grünen lange weit hinter der CDU zurücklagen, hat Özdemir kurz vor der Wahl stark aufgeholt. Er ist weitaus beliebter als Hagel und gewann etwa bei der Bundestagswahl 2021 in der Landeshauptstadt Stuttgart eines der wenigen Direktmandate seiner Partei für den Bundestag.
Im DW-Interview sagt Özdemir über seine Partei und das Bundesland Baden-Württemberg: "Das ist das Bundesland, in dem sich die Grünen in der Mitte der Gesellschaft befinden. Von Wirtschafts-Verbänden bis zu Nicht-Regierungsorganisationen, von den Umweltbewegungen bis hin zu konservativen Menschen, die am Karneval teilnehmen. Alle sind vereint in unserer Partei."
Roberto Heinrich ist Wahlforscher beim Meinungsforschungsinstitut infratest-dimap, das für die ARD und auch die DW Umfragen erstellt. Er sagt über den Spitzenkandidaten der Grünen: "Özdemir genießt im Bundesland über ein engeres grünes Wählermilieu hinaus Sympathien, punktet als Person ebenso bei der älteren Generation und bis in das Unions-Wählermilieu hinein."
AfD-Spitzenkandidat wohl auf verlorenem Posten
Ebenfalls stark in den Umfragen liegt die in Teilen rechtsextreme "Alternative für Deutschland" (AfD). Ihr Spitzenkandidat Markus Frohnmaier gehört zu den bekannteren Parteivertretern in Berlin, ist stellvertretender Fraktionschef der Rechtspopulisten im Bundestag und hat bereits angekündigt, gar nicht in den Landtag einziehen zu wollen. Seine Chancen, dennoch Ministerpräsident werden zu können, tendieren gegen Null. CDU-Spitzenbewerber Hagel hat klargemacht, dass er in keiner Weise mit der AfD kooperieren will, für Özdemir von den Grünen ist das eh eine Selbstverständlichkeit.
Roberto Heinrich sagt, die Partei erhalte mittlerweile aus ganz verschiedenen Teilen der Bevölkerung Zustimmung: "Zugleich fällt auf, dass der Wählerrückhalt bei Männern im mittleren Alter, Arbeitern und Personen, die mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage unzufrieden sind, besonders groß ausfällt."
Baden-Württemberg war lange fest in CDU-Hand
Gewinnt die CDU die Wahl, dann kehrt das wirtschaftsstarke Bundesland mit seinen rund elf Millionen Einwohnern quasi zum Normalzustand zurück: Seit den frühen 1950er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde Baden-Württemberg stets von der CDU regiert. Erst Kretschmann brach 2011 mit dieser Tradition. Das Bundesland gilt als strukturell konservativ, war aber stets auch eine Hochburg der Grünen, die nicht nur in den Städten wie Stuttgart und Tübingen mit seiner bekannten Universität stark waren und sind, sondern auch auf dem Land.
Schwere Zeiten für die Sozialdemokraten
Nur ein Schattendasein führen im Südwesten mittlerweile die Sozialdemokraten, die das Land an der Seite Kretschmanns bis 2016 mitregierten. Spitzenkandidat Andreas Stoch muss verhindern, dass seine Partei mit einem historisch schlechten Ergebnis aus der Wahl hervorgeht. Ein Resultat unter zehn Prozent der Stimmen wäre ein Desaster für die SPD und könnte auch auf die Stimmung in der Bundesregierung im fernen Berlin drücken, in der die SPD mit den Konservativen um Kanzler Friedrich Merz regiert.
Wahlforscher Roberto Heinrich: "Der in den 2010er Jahren einsetzende Zweikampf zwischen Grünen und CDU um die politische Vormachtstellung im Bundesland hat die Partei weiter an den Rand gedrückt. Seit einem Jahrzehnt ist die SPD zudem mit einem Wettbewerber von rechts konfrontiert, der auch soziale- und Wirtschaftsfragen und damit sozialdemokratische Themen aufgreift." Gemeint ist die AfD.
Ein wirtschaftsstarkes Bundesland
Baden-Württemberg zählt zu den wirtschaftsstärksten und wettbewerbsfähigsten Regionen Europas. Die Arbeitslosigkeit ist gering, berühmt ist das Land etwa für seine Auto-Konzerne wie Mercedes und Porsche. Und typisch für das Land sind seine erfolgreichen Familienunternehmen. Unter den 1000 größten Firmen in Familienbesitz in Deutschland befinden sich allein 190 in Baden-Württemberg.
Erstmals wählen die Menschen an diesem Sonntag unter den Bedingungen eines reformierten Wahlrechts. Ähnlich wie bei der Bundestagswahl können sie jetzt zwei statt bisher eine Stimme abgeben: eine für den Kandidaten oder die Kandidatin in einem der 70 Wahlkreise und eine weitere Stimme für eine Partei, die über die prozentuale Zusammensetzung des neuen Landesparlaments entscheidet. Und wahlberechtigt sind erstmals alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren, bisher mussten sie 18 sein.