Wahl in Baden-Württemberg: Cem Özdemir am Ziel
8. März 2026
Er bezeichnet sich selbst als einen "anatolischen Schwaben." Er war 1994 einer der ersten Bundestagsabgeordneten mit türkischen Wurzeln. Und später, ab 2008, der erste Vorsitzende einer Bundestagspartei, dessen Eltern in der Türkei geboren wurden. Jetzt hat Cem Özdemir, 60 Jahre alter Politiker der Grünen, beste Chancen, erster türkisch-stämmiger Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes zu werden. Er wird wohl seinen Parteifreund Winfried Kretschmann beerben, der Baden-Württemberg im Südwesten Deutschlands seit 2011 geführt hat.
Özdemir: "Bad Urach ist meine Heimat, nicht die Türkei"
Dass das die Geschichte einer gelungenen Integration ist, dem würde Özdemir vehement widersprechen. Denn er findet, er musste nie integriert werden: Seine Heimat war immer Deutschland, von Anfang an. Als einige Mitglieder der in Teilen rechtsextremen "Alternative für Deutschland" (AfD) 2018 mit der Forderung Schlagzeilen machten, Özdemir solle doch in seine Heimat, die Türkei, zurückkehren, antwortete er im Bundestag so: "Am nächsten Samstag bin ich wieder in meiner Heimat, dann flieg ich nach Stuttgart, dann nehme ich die S-Bahn, dann lande ich am Endbahnhof Bad Urach. Das ist meine schwäbische Heimat, und die lass ich mir von Ihnen nicht kaputt machen."
Ein Sohn türkischer Einwanderer
Özdemirs Eltern kamen Anfang der 1960er Jahre aus Anatolien nach Deutschland, als "Gastarbeiter", wie die abwertende Formulierung damals lautete. Damit drückte die deutsche Gesellschaft die Erwartung aus, dass die Menschen, die am deutschen Wirtschaftswunder mitarbeiteten, nur zu Gast seien und das Land bald wieder verlassen würden. Was sie nicht taten. Özdemirs Vater arbeitete unter anderem in einer Textilfabrik, die Mutter betrieb eine kleine eigene Schneiderei.
Cem Özdemir, im Dezember 1965 in Bad Urach südöstlich der Landeshauptstadt Stuttgart geboren, nahm mit Erreichen der Volljährigkeit im Alter von 18 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft an. Er wurde Erzieher und schloss später ein Studium der Sozialpädagogik ab. 1981 trat er der jungen Partei der Grünen bei. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat aus der ersten Ehe zwei Kinder.
Kurzer Karriere-Bruch 1999
Bei den Grünen war er stets Teil des pragmatischen, realpolitischen Flügels. 1994, mit nicht einmal 30 Jahren, zog er in den Bundestag ein und wurde 1998, als die Grünen erstmals Regierungspartei wurden, innenpolitischer Sprecher. In die Zeit der ersten Koalition aus Sozialdemokraten und Grünen von 1998 bis 2005 fiel dann aber auch ein Bruch in seiner Karriere: 1999 wurde bekannt, dass Özdemir dienstlich erworbene Bonus-Flug-Meilen privat genutzt hatte. Er gab die Verfehlung zu und legte sein Bundestagsmandat nieder.
Nach einer politischen Pause wurde er 2004 Mitglied des Europaparlaments, später Chef der Grünen. 2017 war er gemeinsam mit Katrin Göring-Eckardt Spitzenkandidat für die Bundestagswahl. Und nach dem Wahlsieg von Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen 2021 wurde er Bundeslandwirtschaftsminister.
Parteichef und Bundesminister
Schon zu Zeiten, als die meisten Vertreter der Bundesregierung noch gute Kontakte zum russischen Präsidenten Wladimir Putin unterhielten, war Özdemir ein vehementer Kritiker des Herrschers im Kreml. Bereits im Juli 2021, noch vor Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine im Frühjahr 2022, beklagte der Grünen-Politiker in mehreren Interviews, viele Menschen in Deutschland hätten ein naives Bild von Putin, der auf Eskalation und Grenzverschiebungen setze.
Und immer wieder legte er sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan an, dem Machthaber des Landes, aus dem seine Eltern stammten. So setzte er sich etwa für türkische Kriegsdienstverweigerer ein. Die türkische Tageszeitung Hürriyet schrieb darauf hin: "Özdemir ist nur noch dem Namen nach einer von uns!"
Vereinnahmt oder angefeindet von zwei Ländern
Das blieb und bleibt ihm nie erspart: Mal hatte er als Deutscher die Türkei verraten, mal umgekehrt. Aber trotz dieser Anfeindungen blieb Özdemir stets in seiner Heimat in Baden-Württemberg verwurzelt, auf dem Land wie in der Stadt. Und ist anerkannt und geachtet in allen gesellschaftlichen Schichten. Das liegt auch daran, dass sich der vielsprachige Politiker nicht scheut, mit seinem schwäbischen Akzent zu sprechen. Bei der Bundestagswahl 2021 gewann er in seinem Wahlkreis in Stuttgart das Direktmandat mit 40 Prozent der Stimmen. Das war das beste Ergebnis eines Wahlkreis-Bewerbers der Grünen in ganz Deutschland.
Im Wahlkampf für die Landtagswahl war die Kampagne der Grünen ganz auf ihren prominenten Spitzen-Bewerber abgestimmt. Mit Erfolg: In der Zuspitzung der Frage, wer das Land künftig führen sollte, war Özdemir seinem CDU-Gegenspieler Manuel Hagel weit überlegen. Was offenbar den Ausschlag für seinen Wahlerfolg gab.