Wahl in schwieriger politischer Lage in Äthiopien
1. Juni 2026
An diesem Montag sind Millionen Äthiopierinnen und Äthiopier zur Wahl aufgerufen. Das Land steht dabei vor erheblichen inneren Sicherheitsproblemen und einer zunehmenden Konkurrenz um Macht und Einfluss am Horn von Afrika.
Regionale Rivalitäten
Regionale Akteure wie Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, die Türkei und Israel versuchen, ihren Einfluss in der strategisch wichtigen Region auszubauen, die bereits durch den Konflikt im Sudan und Spannungen rund um das Rote Meer destabilisiert ist.
Analysten zufolge prägt die Rivalität zwischen Addis Abeba und Kairo um den Nil und den Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) weiterhin die regionale Politik - einschließlich gegensätzlicher Bündnisse im sudanesischen Bürgerkrieg.
Zersplitterte Opposition
Die Oppositionsparteien seien vor dieser Wahl zersplittert und geschwächt, sagt Kebour Ghenna, Direktor der Organisation Initiative Africa und früherer Oppositionskandidat. "Die äthiopischen Wahlen sind weniger ein echter demokratischer Wettbewerb als vielmehr ein Mechanismus zur Aufrechterhaltung staatlicher Legitimität - in einem Umfeld geschwächter Opposition, regionaler Instabilität und wachsender geopolitischer Konkurrenz am Horn von Afrika", sagt er der DW in Addis Abeba.
Die Regierung weist Vorwürfe zurück, wonach der politische Handlungsspielraum enger werde. Regierungsvertreter verweisen auf Reformen der Nationalen Wahlbehörde Äthiopiens (NEBE), darunter eine digitale Wählerregistrierung und neue Kontrollsysteme. Zudem seien die Oppositionsparteien selbst für ihren Niedergang verantwortlich. Nach Angaben der NEBE haben sich mehr als 50 Millionen Menschen registrieren lassen. Mehr als 10.400 Kandidatinnen und Kandidaten verschiedener Parteien sowie unabhängige Bewerber treten auf Bundes- und Regionalebene an.
Sudan-Konflikt verschärft Spannungen
Sudanesische Behörden beschuldigten die Vereinigten Arabischen Emirate, Drohnenangriffe auf den Flughafen von Khartum vom äthiopischen Flughafen Bahir Dar aus gestartet zu haben. Äthiopien bezeichnete die Vorwürfe als haltlos und warf dem Sudan seinerseits vor, bewaffnete Gruppen innerhalb Äthiopiens zu unterstützen. Der Sudan beschuldigt die Emirate seit Längerem, die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) im inzwischen dreijährigen Bürgerkrieg zu unterstützen. Abu Dhabi weist dies zurück und erklärt, man strebe ein Ende des Konflikts durch Verhandlungen an.
Obwohl regionale Sicherheitsfragen im Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen, sorgen sich viele Äthiopier vor allem um andere Themen. "Außenpolitische Themen haben für gewöhnliche Wähler in Äthiopien und Afrika generell nur begrenzten Einfluss - verglichen mit unmittelbaren sozialen und wirtschaftlichen Problemen wie Inflation, Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Korruption, steigenden Transportkosten und sinkendem Lebensstandard", sagt Kebour.
Analysten warnen zudem, dass Spannungen im Nahen Osten - insbesondere zwischen dem Iran, Israel und den Golfstaaten - auf das Horn von Afrika übergreifen könnten. Die Rivalitäten zwischen saudi- und türkeinahen Staaten einerseits und Ländern mit engeren Beziehungen zu den Emiraten und Israel andererseits verschärfen sich. Besonders Somaliland, die international nicht anerkannte Region im Norden Somalias, entwickelt sich zunehmend zu einem Brennpunkt.
Somilands Anerkennung durch Israel Ende 2025 verärgerte Somalia und führte zu Drohungen der mit Teheran verbündeten Huthi-Miliz im Jemen. Huthi-Führer Abdul-Malik al-Huthi erklärte laut der Nachrichtenagentur dpa, "jede israelische Präsenz in Somaliland" werde von den Huthi-Streitkräften als militärisches Ziel betrachtet.
Naher Osten in Somaliland präsent
Moses Chrispus Okello, leitender Forscher am Institute for Security Studies (ISS) in Addis Abeba, sieht ein hohes Eskalationsrisiko in Somaliland, wo Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate Interessen verfolgen. Auch im benachbarten Dschibuti könnten die Spannungen zunehmen, da dort die USA und weitere internationale Akteure militärisch präsent seien. Okello betont im DW-Interview, die Huthi hätten sich bislang nicht am Krieg der USA und Israels gegen den Iran beteiligt. Jede Eskalation im Nahen Osten erhöhe jedoch die Wahrscheinlichkeit eines Eingreifens.
"Sie haben in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass jeder Freund Israels als Feind betrachtet wird. Selbst wenn sie sich derzeit zurückhalten, bedeutet das nicht, dass sie ihre Aktivitäten nicht sehr schnell wieder aufnehmen könnten", sagt er der DW. Sollte Israel seine Sicherheitspräsenz in Somaliland ausbauen, könnte dies nach Ansicht Okellos erneut Spannungen zwischen Somalia und Äthiopien auslösen. Bereits ein Memorandum of Understanding aus dem Jahr 2024 hatte Streit verursacht: Äthiopien wollte darin Zugang zum Roten Meer und wichtigen Handelsrouten erhalten - im Gegenzug für eine formelle Anerkennung Somalilands.
"Wenn Israel seine Aktivitäten verstärkt und diese mit anderen Beziehungen unter Einbeziehung Äthiopiens und Abu Dhabis verknüpft, könnte sich der Konflikt auf weitere Schauplätze ausweiten", sagte Okello.
Priyal Singh, ISS-Forscher in Pretoria, sieht in Israels Somaliland-Politik eher langfristige strategische Ziele. Eine militärische Zusammenarbeit halte er kurzfristig jedoch für unwahrscheinlich. "Ich erwarte vorerst keine harte sicherheitspolitische Kooperation zwischen Somaliland und Israel, weil die Lage rund um Iran weiterhin sehr dynamisch ist", sagt er der DW.
Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea halten an
Ministerpräsident Abiy Ahmed betont seit Jahren, das Binnenland Äthiopien brauche einen verlässlichen Zugang zum Meer. Dabei wird häufig der eritreische Hafen Assab genannt, der nur rund 75 Kilometer von der äthiopischen Grenze entfernt liegt - sehr zur Sorge der Regierung in Asmara.
Die International Crisis Group warnte bereits im Februar, Streitigkeiten über den Zugang zum Meer und regionale Sicherheitsfragen könnten Äthiopien und Eritrea erneut in einen Konflikt treiben. Okello hält einen unmittelbaren Kriegsausbruch jedoch derzeit für weniger wahrscheinlich - auch wegen der Spannungen im Nahen Osten.
"Ein Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien würde die USA, die Emirate und andere Akteure zusätzlich belasten, die bereits stark im Nahen Osten eingebunden sind. Das würde die sogenannten mittleren Supermächte auf zu viele Konfliktschauplätze gleichzeitig verteilen", sagt er.
Die USA haben in diesem Monat ihre Beschränkungen für Waffenexporte nach Äthiopien aufgehoben. Die Maßnahmen waren während des Tigray-Krieges verhängt worden. Berichten zufolge erwägt Washington zudem, einige Sanktionen gegen Eritrea zu lockern oder ganz aufzuheben.
Während sich Äthiopien auf die Wahl vorbereitet, blicken viele Menschen mit Unsicherheit auf die Zeit danach - in einer Region, die zunehmend von Unsicherheit, wirtschaftlichen Problemen und geopolitischen Rivalitäten geprägt ist.
Aus dem Englischen adaptiert von Antonio Cascais