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PolitikNepal

Wahlen in Nepal: Gen Z hofft auf echte Reformen

Swechhya Raut in Kathmandu
4. März 2026

Im September 2025 zwangen Proteste der jungen Generation die damalige Regierung zum Rücktritt. Am Donnerstag finden Neuwahlen statt. Erfüllen sich die Forderungen der Jugendbewegung?

Nepal Kathmandu 2025 | Proteste gegen Social Media Verbote und Korruption
Proteste in Kathmandu am 8. September 2025 - Kampf gegen KorruptionBild: Abhishek Maharjan/Sipa USA/picture alliance

Liza Adhikari, eine 20-jährige Studentin, muss jeden Tag zur Physiotherapie, nachdem eine Kugel ihren Oberarmknochen getroffen hat. Das geschah während der "Revolution" am 8. September 2025 - dem Tag, an dem die Gen Z in Nepal die Politik des Landes umkrempelte.

"Ich habe keine Steine geworfen. Ich wollte nur die Leute um mich mit Wasser versorgen. Dann kam Tränengas und die Polizei eröffnete das Feuer”, erinnert sich Adhikari an den Tag, an dem Mitdemonstrierende vor ihr im Kugelhagel starben.

Die sogenannte "Gen Z"”, also die Generation der jungen Leute, die nach vorherrschender Definition zwischen 1997 und 2012 geboren sind, machte mit ihren Demonstrationen den weitverbreiteten Zorn über die Eliten Nepals mit ihrer Korruption und den Frust über die ausufernde Arbeitslosigkeit öffentlich. Sie führten schließlich dazu, dass der Premierminister Khadga Prasad Sharma Oli sein Amt niederlegen musste.

Präsident Ram Chandra Paudel löste später das Parlament auf und setzt eine Übergangsregierung ein mit dem Auftrag, möglichst bald Wahlen durchführen.

Jugend hofft auf tiefgreifende Reformen

Für diesen Urnengang, der am Donnerstag (05.03.26) stattfindet, haben sich in dem Himalayaland rund 19 Millionen Menschen registrieren lassen. Sie werden 275 Abgeordnete für das Repräsentantenhaus wählen, davon 165 direkt und 110 über Parteilisten. 

Adhikari wartet nun darauf zu sehen, ob ihr Opfer die Veränderungen bringt, "für die ich gekämpft habe". Sie ist davon überzeugt, dass die jungen Leute nicht auf die Straße gegangen sind, um die Regierung zu stürzen, sondern um ihre Stimme gegen Korruption und für eine gute Regierungsführung zu erheben.

Vorbereitung auf die Parlamentswahlen nach den Gen Z-ProtestenBild: Navesh Chitrakar/REUTERS

Die junge Studentin glaubt, dass eine grundlegende Reform des Regierungssystems und der politischen Kultur im Allgemeinen essenziell sei. Es bleibe aber unklar, ob diese auch stattfinden wird.

"Wenn es die jungen Leute ins Parlament schaffen und dort ihre Stimme erheben, dann mag man eine Auswirkung sehen. Aber wenn die alten Parteien zur Macht zurückkehren und nichts ändern, war alles umsonst", sagt die Studentin.

Wie viele andere ihrer Generation bezahlte Adhikari einen hohen Preis für ihr Bestreben, das System zu verändern. Laut Amnesty International wurden bei den Massenprotesten gegen die Regierung im vergangenen Jahr 76 junge Menschen getötet. Über 2000 Menschen waren dabei verletzt worden.

Sehr wenige Gen-Z-Kandidaten treten bei den Wahlen an

Obwohl sie eine große Rolle bei den Protesten spielten und dabei eine hohe Öffentlichkeitswirkung entfalten konnten, treten nun nur wenige der Gen Z-Generation bei den Wahlen an. Sie machen nur etwa fünf Prozent aus, sowohl bei den Direkt- als auch unter den Listenkandidaten.

Etablierte Kräfte immer noch stark: Der ehemalige Premierminister Khadga Prasad Sharma Oli im WahlkampfBild: Prakash Mathema/AFP

Experten machen dafür strukturelle Barrieren verantwortlich und eine Politik-Kultur, die Ältere begünstigt und junge Menschen als "zu unerfahren" für Führungspositionen sieht. 

Und auch in der Verfassung von Nepal gibt es Hürden für potenzielle Gen Z-Kandidaten. Wer sich für einen Sitz im Parlament bewirbt, muss mindestens 25 Jahre alt sein.

Und neben allen sozialen und rechtlichen Einschränkungen sind die Kosten für die Beteiligung an der Wahl ein weiteres Hindernis. Bei den aktuellen Wahlen fordert die Rastriya Swatantra Party (RSP), eine Allianz aus neuen und alternativen Kräften, eine Anmeldegebühr von 500.000 Nepalis ein, umgerechnet 323 Euro, für alle, die auf einer Parteiliste nominiert werden wollen.

Majid Ansari, ein Gen Z-Aktivist und Jura-Student, beklagt, dass derartige Kosten für viele weit über ihren Limits liegen. "Die meisten Gen Z-Aktivisten hatten ihr Taschengeld gespart, um an den Demonstrationen teilzunehmen. Für sie waren die Ausgaben enorm." Und auch einige junge Leute die unabhängig kandidierten, hätten sich mittlerweile wieder zurückgezogen, weil sie es sich finanziell nicht leisten konnten, sagt Ansari.

Gen Z-Themen ins Parlament einbringen

Experten sagen, dass das Problem aber über die hohen Kosten hinausgeht. "In einem System, in der die Wahlkommission über wenig Macht verfügt, bevorzugen die Parteien systematisch wohlhabende Unternehmer und Händler als Kandidaten, die ihre Ausgaben selbst abdecken und die Partei finanziell unterstützen können", sagt der Politikanalyst Krishna Pokharel.

Manish Khanal, ein 26-jähriger RSP-Kandidat im Wahlkreis Nawalpur-2 in Zentralnepal, versucht, diesen finanziellen Teufelskreis zu durchbrechen. Er ist einer von 12 Gen Z-Kandidaten der Partei. Er sagt, er baue seine Kampagne auf Spenden auf, arbeite mit Freiwilligen, sorge für kostenloses Druckmaterial und Transport. Er nennt das "soziales Kapital". Und er betont dabei, dass das Verteilen von Geld, Essen oder anderen Gefälligkeiten für Personen, die den Wahlausgang für ihn positiv beeinflussen könnten, für ihn nicht infrage komme.

Die Wahlen seien sehr eng mit dem Ziel einer guten Regierungsführung verbunden, erklärt der Kandidat. Wer die Kosten für den Wahlkampf gering halte, gebe damit ein Beispiel für Transparenz und die Verpflichtung zur Rechenschaft bei den Ausgaben.

Seine Partei sieht sich aber gegenwärtig der Kritik ausgesetzt, dass hochrangige Führungspersönlichkeiten teure Autos benutzten und ihre Beziehungen zu reichen Geschäftsleuten im Wahlkampf aufrechterhielten.

Während sich Khanal dennoch mit seiner Partei mit ihrer alternativen Agenda auf Linie sieht, schließen sich andere Aktivisten anderen Parteien an, um auf diesem Weg Gen Z-Themen in das Parlament einzubringen.

Ajay Kushwaha, 27, geht im Wahlkreis Nummer 4 in Bara, rund 120 Kilometer von der Hauptstadt Kathmandu entfernt, für die Nepal Communist Party ins Rennen. Er sieht "eine Chance, die Parteikultur zu reformieren und in einem organisierten Rahmen Gen Z-Themen voranzutreiben. Wir haben dafür viel mehr Platz als in der Vergangenheit."

Einige Aktivisten gehen nicht in die Politik 

Andere, darunter auch prominente Führungsfiguren aus der Jungendbewegung, halten sich dagegen fern von der Parteipolitik.

Rakshya Bam spielte eine aktive Rolle bei den Protesten und auch bei der darauffolgenden Bildung einer Übergangsregierung. Er entschied sich, draußen zu bleiben. "Unsere Rebellion war gegen die Tendenzen in der alten Politik. Ich sehe jetzt aber keine klare Roadmap für neue, alternative Kräfte. Also habe ich mich dazu entschlossen, weiter auf die Straße zu gehen, um Transparenz und die Pflicht zur Rechenschaft einzufordern."

Die Gen Z hat genug - Was vereint die weltweiten Proteste?

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Auch der Gen Z-Aktivist Ansari möchte lieber Teil einer - wie er sie nennt - "permanenten Opposition" bleiben.  "Politik ist auch ein Spiel, in dem Zahlen eine Rolle spielen, vor allem bei Wahlen. In Bezug auf Zahlen sind wir aber schwach. Wir wollen da also nicht sofort hineinspringen und dann in die Falle geraten, dass wir irrelevant werden."

So glauben manche, es sei besser sich nicht sofort den Wahlen zu stellen, sondern einen Schritt zurückzutreten und sich auf ein politisches Leben vorzubereiten. "Sobald du in die Politik gehst, wird es schwer, ein Privatleben in Integrität zu führen. So ein Leben kann nahezu vollständig verschwinden. Ich muss mich also vorbereiten, damit ich diesen Test bestehe", sagt Bam.

Interesse der Jugend an Politik ist gestiegen

Der Politikanalyst Pokharel glaubt, dass die Gen-Z-Bewegung das politische Bewusstsein bei der Jugend gestärkt hat und das Narrativ widerlegte, junge Leute hätten kein Interesse an Politik. Im Gegenteil: "Es zeige sich, dass das politische Bewusstsein unter jungen Leuten stark ist", sagt Pokharel. "Sie mögen zwar unterschiedlichen politischen Ideologien folgen, teilen aber die Frustration darüber, wie das Land geführt wird, über die schwache Dienstleistung und das Fehlen einer guten Regierung."

Für diejenigen, die an den Protesten teilnahmen und dafür einen hohen Preis bezahlten, ist die Angelegenheit nicht nur eine politische, sondern eine tief persönliche. Adhikari verbrachte 64 Tage im Krankenhaus und muss immer noch für eine kostenintensive Behandlung aufkommen. Wenn die systematische Korruption weiterbestehe, dann werde das Erbe der Proteste keine Reform sein, fürchtet die Studentin. Eine junge Generation werde dann gezwungen sein, ihre Zukunft im Ausland zu suchen. Für Adhikari ist klar: "Wenn es keine Anzeichen für einen Wandel gibt, dann werde ich auf ein Visum für ein anderes Land warten, so wie ich jetzt auf die Wahlergebnisse warte".

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand

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