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Politik

Nigeria: Wählen gehen mit dem Smartphone

Katrin Gänsler
25. Februar 2019

In Nigeria haben Millionen Wähler ihr Smartphone mit ins Wahllokal genommen. Es ist zu einem Werkzeug für bürgerliche Wahlbeobachter geworden. Doch die Bilder vom Urnengang können auch großen Schaden anrichten.

Wahlen und Smartphone in Nigeria
Bild: DW/K. Gänsler

Hailemariam Desalegn, ehemaliger Premierminister Äthiopiens und Leiter der Wahlbeobachtermission der Afrikanischen Union (AU), findet deutliche Worte. Zwei Tage nach den Präsidentschafts-, Parlaments- und Senatswahlen in Nigeria spricht er während einer Pressekonferenz über Social Media und ruft zur verantwortungsvollen Nutzung auf: "Sie dürfen  keine falschen Informationen über die Wahlen, besonders aber die Ergebnisse verbreiten." Zu diesem Zeitpunkt sind bereits tausende Tweets mit den Hashtags #BuhariIsWinning und #AtikuIsWinning im Nachrichtenschnelldienst Twitter im Umlauf. Auf Facebook sowie in WhatsApp-Gruppen wurden schon am Wahltag Fotos mit knappen Informationen verbreitet, die niemand überprüfen konnte. Die Meldungen fallen auf fruchtbaren Boden, denn schon seit Wochen kursieren Verschwörungstheorien.

Auch andere Beobachter-Missionen sprechen explizit über den großen Einfluss von Social Media während der Wahl 2019. Zumeist wird er negativ bewertet. "Es ist eine große Herausforderung. Die neue Technologie ist überwältigend, Fake News inbegriffen, wenn man nicht weiß, ob ein Video auch echt ist", sagt Derek Mitchell. Er ist Präsident des National Democratic Institute (NDI) mit Sitz in Washington in den USA, das gemeinsam mit dem International Republican Institute (IRI) 20 Beobachter-Teams in 16 Bundesstaaten Nigerias entsandt hat. In ihrem Bericht nach den Wahlen heißt es: "Die Mission hat glaubwürdige Befürchtungen vernommen, dass die Verbreitung von Fake News die Spannungen erhöhen können." Dennoch dürften soziale Medien nicht pauschal verdammt werden, so Mitchell: "Sie können mehr Transparenz schaffen und Menschen mehr Macht geben."

Videos von halb gefüllten Urnen

Als am Samstagmorgen gegen zehn Uhr zu einem Wahllokal in der Hauptstadt Abuja Urnen gebracht werden, die bereits halb gefüllt sind, weigern sich die Wähler, ihre Stimme abzugeben. Später berichten sie, dass der Vorfall nach Informationen von Mitarbeitern der Unabhängigen Nationalen Wahlkommission (INEC) ein Versehen gewesen sein soll. Doch das Video vom Protest ist da schon längst bereit für den Upload. Gegen Mittag werden schließlich neue Urnen gebracht und drei Stunden später die halbvollen von Polizisten abgeholt. Auch das wird mit mehr als einem Dutzend Smartphone-Kameras begleitet.

Die Polizei transportiert Wahlurnen - und wird dabei gefilmtBild: DW/K. Gänsler

Möglich wird das auch durch den großen Anstieg der Zahl von Internet-Nutzern. Im August 2018 sprach die Nigerianische Kommunikationskommission (NCC) von 104,6 Millionen - und es könnten inzwischen mehr geworden sein. Mehr als die Hälfte der rund 190 Millionen Einwohner des Landes sind online. Die Preise für Datenvolumen sinken: Fünf Gigabyte sind mitunter für umgerechnet 6,25 Euro zu haben.

Fotos von Gewalt, Diebstahl und Toten

Die Verzahnung von moderner Technologie und Wahlen ist auch für Samson Itodo eine neue Entwicklung. Itodo leitet die nichtstaatliche Organisation Yiaga Africa, die fast 4000 Beobachter in alle Landesteile entsandt hat. "Man nutzt das Handy, um Integrität während der Wahlen zu schaffen. Das wird den Ablauf verbessern", ist er sich sicher. "Wie sonst wüssten wir von der Gewalt, die sich zugetragen hat, dass es Tote gab, dass Urnen gestohlen wurden?" Doch nicht nur das: Informationen lassen sich ohne zeitliche Verzögerung verbreiten - und rufen unmittelbare Reaktionen wie Proteste oder die Forderung nach Nachbesserungen  hervor. 

Diese Unmittelbarkeit schätzt in Abujas Stadtteil Jabi auch Ibrahim Usman. Er handelt mit gebrauchtem Küchenzubehör und besitzt seit fünf Jahren ein Smartphone. Für sein Unternehmen ist das eine wichtige Errungenschaft. Gleichzeitig nutzt er das Gerät, um Nachrichten zu lesen, bleibt jedoch sozialen Netzwerken gegenüber skeptisch: "Ich traue zum Beispiel Nachrichten, wenn ich sie auf der Seite von Channels TV lese." Auch er hat es schon erlebt, dass Bilder und beschriebene Ereignisse nicht zusammen passen. Nicht korrekt sei das, sagt Ibrahim Usman.

Metadaten für die Einordnung

Damit beschäftigt sich Ebele Oputa täglich. Sie ist Projektredakteurin von www.dubawa.org. Die Homepage gehört zum Zentrum für Investigativen Journalismus der Online-Zeitung Premium Times und überprüft Nachrichten aus sozialen Netzwerken. Ebele Oputa hofft, dass sich durch ihre Arbeit mittelfristig die "Kultur des Faktenüberprüfens" durchsetzt. Bei Videoaufnahmen empfiehlt sie: "Egal, wer ein Video wann aufgenommen hat - man muss Informationen hinzufügen, etwa Ort und Zeit. So können andere es nicht nutzen, um anderswo zu Gewalt anzustacheln."

Die Mobilfunkunternehmen machen Werbung für das mobile Internet - und immer mehr Nigerianer nutzen esBild: DW/K. Gänsler

Gerade während der Wahlen sei das eine wichtige Aufgabe, sagt Ebele Oputa. Wenn die Nutzer das berücksichtigten, würden sich die Vorteile von Internet und Smartphones durchsetzen und mehr Transparenz bringen. Vor allem beim Zusammentragen der Ergebnisse aus den Regionen sieht die Journalistin großes Potential: "Wenn die Stimmen ausgezählt werden, machen die Menschen in ihren Wahllokalen Fotos. Veröffentlicht INEC jedoch ein anderes Ergebnis, kann man darauf reagieren."

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