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PolitikThailand

Wahlen in Thailand: Was sich zu wissen lohnt

9. Februar 2026

Thailands Demokratie erlebt turbulente Zeiten: Seit den Wahlen vor drei Jahren wurden zwei Premiers abgesetzt, die damals siegreiche Partei aufgelöst. Nun stimmt Thailand wieder ab, über das Parlament und die Verfassung.

Thailand Bangkok 2026 | Passanten gehen an einer langen Reihe Wahlkampfplakaten zur Parlamentswahl vorbei
Thailand stimmt über ein neues Parlament und die alte Verfassung abBild: Maxim Shemetov/REUTERS

Erste Veröffentlichung am 7.2.2024 mit Korrektur am 9.2.2026

Vergangenen Dezember, gerade als die Grenzspannung zwischen Thailand und Kambodscha hochkochte, löste Premierminister Anutin Charnivirakul vorzeitig das Parlament auf, um einem Misstrauensvotum zu entgehen. Die Neuwahlen finden an diesem Sonntag statt. Rund 53 Millionen Wählerinnen und Wähler sind aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen und über die Zukunft der Verfassung zu entscheiden.

Nach drei Regierungschefs in drei Jahren und einer gerichtlich erwirkten Auflösung der Regierungspartei, verbinden viele in Thailand den Urnengang mit der Hoffnung auf ein Ende der politischen Instabilität. 

Mitte Dezember löste der geschäftsführende Premierminister Anutin Charnvirakul das Parlament auf und machte den Weg frei für vorgezogene NeuwahlenBild: Chalinee Thirasupa/REUTERS

Das Rennen um die stärkste Fraktion im Parlament werden voraussichtlich drei Parteien unter sich ausmachen: die konservative Bhumjaithai-Partei des letzten Premiers Anutins, die progressive Volkspartei, deren Vorgängerpartei die letzten Wahlen gewonnen hatte, und die Pheu Thai, die dennoch die Regierung stellte.

Dass eine der Parteien die absolute Mehrheit erzielen könnte, hält Pavin Chachavalpongpun, vom Zentrum für Südostasienwissenschaften der Universität Kyoto, für unwahrscheinlich: "Die Verfassung von 2017 wurde genau zu dem Zweck entworfen, ein solches Ergebnis zu verhindern, indem sie ein fragmentiertes Parlament begünstigt, das ein Feilschen um Koalitionen erforderlich macht", sagte er der DW.

Progressive Volkspartei führt in Umfrage

Zwei große Meinungsumfragen von Ende Januar zeigen die Volkspartei klar vorne. Ihr Vorsitzender, Natthaphong Ruengpanyawut, wäre demnach auch der bevorzugte Premier der Thais. Die linksliberale Anti-Establishment-Partei ist Nachfolgerin der Move Forward Party, die 2024 vom Verfassungsgericht aufgelöst wurde. Nach ihrem Wahlsieg 2023 hatte der vom thailändischen Militär ernannte Senat die MWP bereits daran gehindert, eine Regierung zu bilden. 

Diese Macht hat das thailändische Oberhaus jedoch mittlerweile nicht mehr. Zudem vertritt die Volkspartei gemäßigtere Positionen als ihre Vorgängerorganisation, insbesondere was die Reformierung des Militärs und eines Gesetzes betrifft, das die mächtige Monarchie vor jeglicher Kritik schützt. "Dies ist ein überlebenswichtiger Schritt der Realpolitik mit dem man darauf abzielt, das Etikett 'radikal' abzulegen und der gerichtlichen Guillotine zu entgehen, der Move Forward zum Opfer fiel", so Pavin.

Der 38-jährige Natthaphong Ruengpanyawut von der Volkspartei wäre laut Umfragen die erste Wahl der Thais zum PremierministerBild: Chalinee Thirasupa/REUTERS

Punchada Sirivunnabood, Politikwissenschaftlerin der thailändischen Mahidol-Universität, erwartet, dass die Volkspartei auf dem Erfolg ihrer Vorgängerin aufbauen und bei den Wahlen am 8. Februar noch besser abschneiden wird. Um allein zu regieren, werde es jedoch wahrscheinlich reichen: "Im besten Fall wird die Volkspartei rund 200 (der 500, d.R.) Sitze gewinnen", sagte Punchada der DW.

Auch der Politikwissenschaftler Mathis Lohatepanont von der Universität von Michigan ist skeptisch, ob die Volkspartei die künftige Regierung bilden kann: "Die Volkspartei führt in den Umfragen, aber die Umfragen in Thailand erfassen nicht die Dynamik auf Wahlkreisebene."

Gute Chancen für eine Bhumjaithai-Regierung

Von den 500 Sitzen im thailändischen Repräsentantenhaus werden nur 100 nach Verhältniswahlrecht vergeben. Die übrigen 400 Sitze gehen nach dem Mehrheitswahlrecht an die Siegerparteien in den Wahlkreisen im ganzen Land. Das heißt: Nur die siegreiche Partei eines Wahlkreises entsendet Abgeordnete nach Bangkok.

"Entscheiden für die Parlamentswahlen wird sein, ob sich die Wähler dazu entschließen, lokale Bindungen von der nationalen Stimmung abzukoppeln", so Mathis. Falls nicht, könnte die konservative Bhumjaithai tatsächlich den größten Nutzen aus dieser Wahl ziehen. 

Als Regierungspartei hat sie ohnehin großen Einfluss. Mit ihrer Positionierung als pro-monarchisch und pro-militärisch und ihrem populistischen Anführer spreche sie das Establishment an - ein strategischer Vorteil, meint Pavin. 

2011: Kambodscha und Thailand im Grenzstreit

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Die Partei verfüge auch über tiefe lokale Netzwerke und könne mit einem Stimmenzulauf von anderen Parteien rechnen, meint Suthikarn Meechan vom College of Politics and Governance der Mahasarakham University in Thailand. Die Volkspartei dagegen genieße vor allem in städtischen und jungen Wählergruppen Unterstützung, so Suthikarn: "Die Wählerschaft der Volkspartei wächst, konzentriert sich aber auf bestimmte Gebiete. Als Einzelpartei hat sie es dadurch schwer, sowohl städtische als auch ländliche Wählerschaften zu erreichen."

Pheu Thai: Thailands schwindende Dynastie

Anutins Weg an die Spitze des Landes im September 2025 nahm rasant Fahrt auf, nachdem das Verfassungsgericht zwei Premiers der Pheu Thai abgesetzt hatte. Als zweites traf es Paetongtarn Shinawatra, die Tochter von Ex-Premier Thaksin Shinawatra und zentrale Kraft der Pheu Thai.

Thaksins politische Dynastie hatte die thailändische Politik mehr als zwei Jahrzehnte lang geprägt. Doch nun steht der Pheu Thai eines ihrer schwächsten Wahlergebnisse seit Jahrzehnten bevor.

Die Shinawatras prägten die thailändische Politik seit den frühen 2000er Jahren (v.r): Parteigründer Thaksin, seine Schwester Yingluck und seine Tochter Paetongtarn waren Premiers des LandesBild: Getty/picture alliance/Reuters

Eine kürzlich vom Nationalen Institut für Entwicklungsverwaltung durchgeführte Umfrage sieht die Partei mit nur rund 17 Prozent der Stimmen auf dem dritten Platz. "Der Sturz der Shinawatras, der in der Inhaftierung Thaksins und der Disqualifizierung Paetongtarns gipfelte, hat eine Ära der thailändischen Politik beendet", sagt Pavin.

Die Hauptgründe für den Absturz in den Umfragen sieht Experte Mathis in dem geleakten Telefongespräch Paetongtarns mit dem ehemaligen kambodschanischen Premierminister Hun Sen, der sie das Amt kostete, und in dem anschließenden Grenzkonflikt.

Bhumjaithai schlachtet nationalistische Stimmung aus

Eben dieser Grenzkonflikt mit Kambodscha hat in beiden Ländern nationalistische Tendenzen verstärkt. Diese habe die geschäftsführende Bhumjaithai-Regierung in Thailand geschickt ausgenutzt, sagt Südostasienexperte Pavin. Dagegen wirke die Lotterie "Neun neue Millionäre pro Tag" der Pheu Thai wie ein verzweifelter, aber wenig aussichtsreicher Versuch, per Populismus ihren verlorenen Einfluss zurückzuerobern, so Pavin. Das Programm sieht vor, jeden Tag eine Million Baht (rund 27.000 Euro) zu verlosen - insbesondere an Teilnehmer des informellen Sektors, die ihr Geschäft in das Steuersystem einbinden.

Politologin Suthikarn hat die Pheu Thai noch nicht abgeschrieben. Die Partei verfüge durch die Unterstützung der Shinawatras immer noch über ein beachtliches Potenzial, insbesondere in mehreren nordöstlichen Provinzen: "Die Tatsache, dass die Pheu Thai in den Umfragen tendenziell unterschätzt wird, veranlasst die Partei dazu, ihre Strategien anzupassen und härter zu arbeiten als bei der letzten Wahl."

Fordern die Thais eine neue Verfassung?

Parallel zur Parlamentswahl stimmt das thailändische Wahlvolk am Sonntag auch darüber ab, ob die derzeitige vom Militär unterstützte Verfassung von 2017 ersetzt werden soll. Auf dem Stimmzettel können sie die Felder "Ja", "Nein" oder "Keine Meinung" ankreuzen. 

Das Referendum ist also keine unmittelbare Abstimmung über eine neue Verfassung. Ein mehrheitliches "Ja" würde dem Parlament aber ein öffentliches Mandat erteilen, einen mehrstufigen Prozess einzuleiten, in dem eine neue Verfassung mit zwei weiteren Volksabstimmungen verabschiedet werden könnte.

Die aktuelle Verfassung begünstigt ein fragmentiertes Parlament und stärkt die Macht des Militärs - am Sonntag entscheiden die Thais, ob das so bleiben sollBild: Rachen Sageamsak/Xinhua/picture alliance

Für Suthikarn ist die Ausarbeitung einer neuen Verfassung für Thailand eine "entscheidende Notwendigkeit". Damit würde sich das Land nicht nur einen neuen rechtlichen Rahmen geben, sagt die Politologin. Sie würde die grundlegende Struktur der Machtverteilung und das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen politischen Institutionen sowohl auf formeller als auch informeller Ebene neu ordnen.

Politologe Pavin sieht das ähnlich: "Ohne eine völlige Neufassung, die das Militär aus dem Senat entfernt und das Prinzip der Volkssouveränität wiederherstellt, wird Thailand in einem Kreislauf von kurzlebigen Regierungen und Justizputschen gefangen bleiben."

Unter dem dritten Bild in diesem Betrag stand ursprünglich, dass Yingluck die Ehefrau von Thaksin sei. Sie ist aber seine Schwester. Der Beitrag wurde am 9.2.2026 korrigiert.

Aus dem Englischen von Jan D. Walter

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