Waldbrand in Tschernobyl: Wird Strahlung freigesetzt?
11. Mai 2026
Durch einen Drohnenangriff Russlands auf die Ukraine ist es in der Sperrzone von Tschernobyl zu einem großflächigen Waldbrand gekommen. Vor Ort wurden die Überreste zweier Drohnen gefunden. Das Feuer tobt dort nun schon seit dem 7. Mai und es erstreckt sich über eine Fläche von 1200 Hektar, wie die ukrainische staatliche Agentur zur Verwaltung der Sperrzone mitteilte.
"Die Löscharbeiten dauern an. Alle Brandherde konnten lokalisiert werden. Alle notwendigen Kräfte sind an der Brandbekämpfung beteiligt - Einheiten der Region Kiew und der Stadt Kiew mit Spezialausrüstung. Mit ihr werden Brandschneisen und spezielle Zufahrtswege angelegt, damit die Feuerwehrleute die Waldgebiete erreichen können", so Viktoria Ruban, Sprecherin des Staatlichen Katastrophenschutzes der Region Kiew, zur DW.
Die Lage wird durch Trockenheit und Minengefahr in bestimmten Teilen des Gebiets zusätzlich erschwert. Laut Ruban verzögern sich die Arbeiten aufgrund der Explosionsgefahr in einigen Waldgebieten, in manchen würden sie gar nicht durchgeführt.
"Bevor die Spezialausrüstung ankommt, wird das Gelände von Experten des Dienstes für Kampfmittelbeseitigung durchkämmt. Erst danach dürfen Fahrzeuge der Feuerwehr und anderes Gerät dort hinein. Ohne eine vorherige Minenräumung in potenziell verminten Gebieten darf keine Technik eingesetzt werden", so Ruban.
Strahlengefahr für die Bevölkerung?
Das staatliche wissenschaftlich-technische Zentrum für nukleare und Strahlensicherheit teilt mit, der Großbrand in der Sperrzone von Tschernobyl stelle derzeit keine Strahlengefahr für die Bevölkerung außerhalb der Zone dar. Seit Ausbruch der Brände seien Spezialisten des Zentrums kontinuierlich mit der Überwachung und Modellierung möglicher Szenarien der Ausbreitung radioaktiver Partikel befasst.
"Wir überwachen online, in welche Richtung sich die Wolken bewegen, welche meteorologischen Bedingungen herrschen und wir schätzen die Folgen sowohl für das Personal in der Zone als auch für die Bevölkerung außerhalb ihrer Grenzen ein", erklärt Jurij Kyrylenko, leitender Mitarbeiter des Zentrums gegenüber der DW.
Laut Kyrylenko besteht das größte potenzielle Risiko für diejenigen, die direkt am Brandort arbeiten. Dies betrifft vor allem Rettungs- und Einsatzkräfte, die mit verbranntem Material und möglicherweise radioaktivem Staub in Kontakt kommen könnten. "Innerhalb der Zone kann es zwar zu gewissen Auswirkungen auf Feuerwehrleute und andere Einsatzkräfte kommen, aber sie sind durch spezielle Kleidung und Ausrüstung geschützt", so Kyrylenko.
Experten machen besonders auf die Konzentration von Cäsium-137 aufmerksam, einem der wichtigsten Radionuklide, das sich seit dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl vor 40 Jahren in den Böden und Wäldern befindet. Dessen mögliche Freisetzung in die Atmosphäre gilt als Hauptgefahr bei Bränden. Laut Kyrylenko zeigen die Modellrechnungen jedoch, dass die Werte selbst im ungünstigsten Fall deutlich unter den erlaubten Grenzwerten liegen würden.
"Der zulässige Grenzwert für Cäsium-137 für die Bevölkerung beträgt 800 Millibecquerel. Unsere Modelle zeigen, dass die möglichen Werte um ein Vielfaches niedriger sind als der zulässige Grenzwert", erläutert Kyrylenko.
Häufige Waldbrände in der Sperrzone
Es ist nicht der erste Großbrand in der Sperrzone. Ähnliche Fälle gab es, wie sich Kyrylenko erinnert, bereits 2015, 2018 und 2020. Auch damals wurden keine gravierenden Folgen für die Bevölkerung außerhalb der Zone festgestellt. Experten zufolge könnten die aktuellen Brände je nach Wetterlage und abhängig vom Tempo der Löscharbeiten mehrere Tage oder sogar noch bis zu zwei Wochen dauern.
Für die Bewohner von Kiew und den umliegenden Regionen sehen Experten dennoch keine Gefahr. "Solche Brände hat es schon gegeben. Aber selbst in der Hauptstadt lag die Belastung weit unter den zulässigen Grenzwerten. Nach aktuellem Stand besteht kein Grund zur Sorge", betont der Biologe Oleh Bondarenko, ehemaliger Direktor des Radioökologischen Zentrums Tschernobyl und ehemaliges Mitglied der Nationalen Kommission für Strahlenschutz der Bevölkerung, im DW-Gespräch.
Folgen der Brände für Flora und Fauna
Trotzdem warnen Ökologen vor Schäden für die Natur durch die großflächigen Brände in der Tschernobyl-Zone, wo seit 2016 ein radioökologisches Biosphärenreservat besteht. "Das ist ein einzigartiges Gebiet. Nur dort können wir sehen, wie sich die Natur ohne den Menschen entwickelt. Die jetzigen Brände zerstören nicht nur Wald, sondern auch den Lebensraum seltener Arten, insbesondere von Vögeln, für die alte Schilfbestände von großer Bedeutung sind", berichtet Oleksij Wasyljuk, Leiter der Ukrainischen Naturschutzgruppe, der DW.
Als Beispiel nennt der Experte einen der seltensten Vögel Europas - den Seggenrohrsänger, der in den Feuchtgebieten der Tschernobyl-Zone nistet. Durch Brände, so Wasyljuk, könnten solche Nistplätze auf Jahre verloren gehen.
Waldbrände auch in anderen Regionen
In den vergangenen Tagen wurden aus mehreren Regionen der Ukraine Waldbrände gemeldet. Ursachen sind der Krieg Russlands gegen die Ukraine, verstärkt werden die Brände durch eine anhaltende Dürre mit starkem Wind.
Neben der Sperrzone von Tschernobyl laufen auch im Naturschutzgebiet Polissja im Norden der Ukraine Löscharbeiten. In der Desnjanska-Gemeinde in der nordöstlichen Region Tschernihiw ist es bereits gelungen, die Ausbreitung eines Brandes auf einer Fläche von 350 Hektar zu stoppen. Und in Transkarpatien, ganz im Westen der Ukraine, konnte ein Brand in den Karpaten nahe dem Dorf Wolowez gelöscht werden - einer der größten Brände dort seit Jahren.
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk