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Politik

Wann fährt Deutschland wieder runter?

9. April 2021

Vieles spricht dafür, dass Deutschland bald wieder in einen harten Corona-Lockdown gehen muss. Steigende Infektionszahlen und Warnungen von Medizinern sorgen für Druck. Politisch dagegen ist die Lage nicht so eindeutig.

Deutschland Symbolbild Lockdown-Verlängerung
Wird der Lockdown in Deutschland bald wieder verschärft?Bild: Sina Schuldt/dpa/picture alliance

Die Worte von Gernot Marx lassen keinen Interpretationsspielraum zu: "Wir brauchen wirklich einen harten Lockdown", sagte der Präsident der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin im Fernsehsender ZDF. Die Situation sei "sehr dramatisch". Es habe überhaupt keinen Sinn, jetzt über Modelle zum Öffnen nachzudenken. In den vergangenen Tagen seien täglich 80 bis 100 Patienten auf den Intensivstationen hinzugekommen.

Gernot Marx, Präsident der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)Bild: Andreas Gora/Getty Images

Nach Angaben der Mediziner-Vereinigung sind aktuell 4474 Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern mit COVID-19-Patienten belegt. Damit seien nur noch rund 2000 sogenannte "High-Care"-Betten frei, die für schwer an COVID-19-Erkrankte und andere Schwerkranke benötigt würden, sagte Marx. Das sei "wirklich, wirklich knapp".

RKI: Mehr als 25.000 Neuinfektionen innerhalb eines Tages

Auch die Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) lassen vermuten, dass schon bald mehr Menschen wegen einer Infektion mit dem Coronavirus medizinisch behandelt werden müssen. Am Morgen meldete das RKI einen deutlichen Anstieg bei der Zahl der Corona-Neuinfektionen. Laut den Angaben der Gesundheitsämter für die zurückliegenden 24 Stunden haben sich 25.464 weitere Menschen mit dem Virus infiziert. Das waren rund 3500 mehr als am Freitag vor einer Woche.

Auch die Sieben-Tage-Inzidenz, die die Zahl der Neuansteckungen binnen der zurückliegenden Woche gerechnet auf 100.000 Einwohner angibt, stieg deutlich auf jetzt bundesweit 110,4. Allerdings gibt es nach wie vor eine gewisse Unsicherheit. Das Robert Koch-Institut weist weiterhin darauf hin, dass rund um Ostern weniger Menschen einen Arzt aufgesucht haben, weniger Tests gemacht wurden und zudem verzögerte Meldungen der Gesundheitsämter und Landesbehörden die Daten beeinflussen können.

Die Auslastung der Intensivstationen dürfte weiter steigen - und ist jetzt schon hoch; hier der Stand vom 8.4.21

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hält die aktuellen Infektionszahlen nicht für verlässlich. Er geht von höheren Zahlen aus und hat sich deshalb heute für einen neuerlichen Lockdown ausgesprochen. Die sozialen Kontakte müssten eingeschränkt werden, notfalls auch mit nächtlichen Ausgangssperren, sagte der CDU-Politiker. Nur so könne die dritte Infektionswelle gebrochen werden.

Unklar, wie härterer Lockdown überhaupt aussehen könnte

Unter den Ministerpräsidenten, die einen härteren Lockdown per Landesverordnung umsetzen müssten, ist die Meinung dagegen nicht so eindeutig. Während Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland in Deutschland, zuletzt vehement einen "Brücken-Lockdown" gefordert hatte, sieht Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller es anders.

Der SPD-Politiker sagte im ZDF, viele Bundesländer gingen bereits jetzt sehr entschieden gegen die Ausbreitung der Pandemie vor. Wer jetzt einen schärferen Lockdown fordere, müsse auch sagen, was er verschärfen wolle. Müller, der aktuell auch Vorsitzender der Ministerpräsidenten-Konferenz ist, verwies zudem darauf, dass die Politik in letzter Zeit von Gerichten häufiger ausgebremst worden sei. So seien Corona-Auflagen der Länder in vielen Fällen als nicht verhältnismäßig zurückgewiesen worden.

Bund soll mehr Kompetenzen bekommen

Doch die Entscheidung für oder gegen einen schärferen Lockdown wird ohnehin wohl bald stärker als bisher   vom Bund getroffen werden. Nach Angaben der Bundesregierung arbeiten Bund und Länder gerade an einer Änderung des Infektionsschutzgesetzes. Geplant ist offenbar eine direkte, verbindliche und umfassende "Notbremse" für Landkreise ab einer Inzidenz von 100. Nur unterhalb dieses Wertes sollen die bestehenden Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz weiter gelten und die Länder damit ihre Zuständigkeit behalten. Die eigentlich für den kommenden Montag geplante nächste Ministerpräsidentenkonferenz wurde abgesagt.

Das Infektionsschutzgesetz soll geändert werden - was Bundeskanzlerin Merkel deutlich mehr Kompetenzen gibtBild: Michael Kappeler/dpa/picture alliance

*Zugleich drängen die Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD auf eine stärkere Mitsprache des Bundestages bei der Pandemie-Bekämpfung. Das Parlament müsse vor der nächsten Runde von Bund und Ländern über den Stand der Pandemie und die nötigen Schlussfolgerungen beraten, fordern CDU/CSU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus, sein SPD-Kollege Rolf Mützenich sowie CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. 

bru/mak (dpa, afp, rtr)

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