1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Waren Oma und Opa Nazis?

27. März 2026

Was haben die eigenen Vorfahren in der Nazi-Zeit gemacht? Darüber wurde in deutschen Familien lange geschwiegen. Jetzt hat das US-Nationalarchiv Millionen NSDAP-Mitgliedsausweise online zugänglich gemacht.

NSDAP-Mitgliedsbuch & Personalausweis von Adolf Hitler
Hitlers NSDAP-Mitgliedsbuch trägt die Nummer 1Bild: Georg Goebel/dpa/picture alliance

Mehr als 80 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft kann sich jeder im US-Nationalarchiv ohne vorherige Anmeldung durch Millionen von Karteikarten klicken und auf die Suche nach den eigenen Groß- und Urgroßeltern machen. Auf mehr als 5000 digitalisierten Mikrofilmrollen sind die Daten von 6,6 Millionen Deutschen hinterlegt, die bis 1945 Mitglied in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) waren. Vollständig sind sie nicht: Nach Angaben des Deutschen Historischen Museums war 1945 "jeder fünfte erwachsene Deutsche einer von insgesamt 8,5 Millionen Parteigenossen" und hat damit zumindest auf dem Papier das Unrechtssystem unterstützt. 

Eine "Nazi-Suchmaschine" im Netz

 "Es scheint jetzt tatsächlich für eine breitere Öffentlichkeit sehr attraktiv zu sein, selbst online zu recherchieren", sagt der Historiker Johannes Spohr, "aber diese Quellen sind im Grunde in Deutschland schon seit 1994 im Bundesarchiv zugänglich. Und dort bekommt man eigentlich auch noch sehr viel mehr Informationen als nur diese Mitgliedschaften."

Johannes Spohr berät Menschen, die ihre NS-Familiengeschichte erforschen wollenBild: Frank Olias

Der Haken an der Sache: In Deutschland gibt es Schutzfristen; Informationen über eine Person werden erst 100 Jahre nach der Geburt oder zehn Jahre nach dem Tod herausgegeben. Die Daten sind nicht online verfügbar, sondern müssen schriftlich beantragt werden. Außerdem kann man als Privatperson - anders als beim US-Nationalarchiv - nur Akteneinsicht erhalten, wenn man nach Verwandten sucht und nicht nach Nachbarn oder anderen Leuten. "Bis heute sind die Verfolgten, die Opfer, wesentlich öffentlicher, auch mit Namen und mit Identitäten. Bei den Tätern ist es immer noch recht schwammig", so Spohr. 

Plaketten der NSDAP waren ein beliebtes AbzeichenBild: Jürgen Wiesler/imageBROKER/picture alliance

Die Zeitzeugen sterben aus

Der Historiker unterstützt Menschen seit rund elf Jahren mit seinem Recherchedienst "present past" dabei, die eigene NS-Familiengeschichte zu erforschen. Die Menschen, die zu ihm kämen, seien zwischen 20 und 90, erzählt er. "Also da sind wirklich alle Generationen dabei. Ich glaube, das Besondere ist, dass wir uns jetzt gerade am Übergang zwischen kommunikativem und kulturellen Gedächtnis befinden, wo Sachen nur noch selten mündlich weitergegeben werden können, wo man auch Menschen seltener befragen kann. Jetzt ist die persönliche Interaktionen für das Gedenken nicht mehr so gegeben und dafür eben die Archivrecherche relevanter."

Inzwischen forsche nicht nur die Enkelgeneration, sondern auch die vierte Generation aktiv nach. "Da ist es natürlich häufig so, dass sie die Menschen gar nicht mehr gekannt haben, über die sie recherchieren." 

Geschöntes Bild der eigenen Familie

Mehr als zwei Drittel der Deutschen glauben laut einer Studie, dass ihre Vorfahren keine NS-Täter waren, fast 36 Prozent verorten ihre Angehörigen unter den Opfern und über 30 Prozent meinen, dass ihre Vorfahren potenziellen NS-Opfern geholfen und zum Beispiel Juden versteckt haben. "Diese Antworten entstammen teils eher Gefühlen als konkretem Wissen", so der Historiker. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun.

18-Jährige erhalten 1943 den NSDAP-MitgliedsausweisBild: Scherl/SZ Photo/picture alliance

In kaum einer Familie wurde nach dem Krieg über die Verbrechen der Nazi-Zeit gesprochen, schon gar nicht über die eigene Rolle. Die deutsche Erinnerungskultur an die Nazi-Zeit gilt im Ausland als vorbildlich, aber "tatsächlich wird es mit der Erinnerungskultur immer dann kompliziert, wenn es konkret wird, also, wenn es wirklich bestimmte Personen betrifft, die man vielleicht auch noch kannte", so Spohr. "Und ich denke, Erinnerung muss auch da stattfinden, wo es weh tut." Das betreffe nicht nur die Nazi-Zeit selbst, sondern auch die Zeit nach dem Zusammenbruch des Regimes. "Letztendlich setzt man sich heute mit Mythen und Zerrbildern auseinander, die aus der Nachkriegszeit stammen, man kann schon sagen: der Schuldabwehr der Nachkriegszeit."

Eine Karteikarte sagt nichts über die Motive aus

Die Suche in den Archiven kann mehr Klarheit bringen. Auf den Karteikarten findet man Namen, Geburtsdatum und -ort, Eintrittsdatum und Mitgliedsnummer, teilweise auch Adressen und Porträtfotos der eingetragenen NSDAP-Mitglieder - sie sagen aber nichts darüber aus, ob jemand ein Fanatiker, ein Opportunist oder ein Mitläufer war. Hinzu kommt, dass nur rund 80 Prozent dieser Karteikarten erhalten sind. Man kann also nicht sicher sein, ob ein Verwandter nicht doch bekennender Nazi war, wenn er im Archiv nicht auftaucht. 

Waren diese Arbeiter im Volkswagenwerk Mitläufer oder stramme Nazis? Bild: Gemini Collection/Gemini/IMAGO

Dann beginnt die eigentliche Recherche, sagt Johannes Spohr. "Es gibt natürlich Mitglieder der NSDAP, die haben sich abseits der Mitgliedschaft nicht viel zu Schulden kommen lassen, und es gibt genauso Nicht-Mitglieder, die an grausamen Taten beteiligt waren." Man könne zum Beispiel schauen, ob jemand vor 1933 in die Partei eingetreten sei, "also eventuell als besonders verdienter Kämpfer der NS-Sache sozusagen. Oder ob die Mitglieder auch Ämter innehatten. Die Nachfahren wissen dann vielleicht viel über Stationen einer Person, aber sie wissen immer noch nicht nicht, warum jemand das gemacht hat, was er gedacht oder gefühlt hat." 

Konkrete Fragen - aber nicht immer gibt es Antworten 

Egal, was man am Ende über den (Ur-)Großvater oder die (Ur-)Großmutter erfährt: Für Spohr ist die Aufklärung letztendlich auch eine Verantwortung, die man gegenüber sich selbst und der Gesellschaft übernimmt. 

Im Mittelpunkt der Recherchen steht nach wie vor die Frage, ob die Vorfahren gewalttätig waren. Aber auch, ob auf dem Hof der Familie Zwangsarbeiter eingesetzt wurden oder ob sie Gegenstände besitzt, die Juden im Zuge der Enteignung weggenommen wurden. "Es kann sein, dass man wenig findet und viele Lücken bleiben, die Spielraum für die eigene Fantasie lassen. Und natürlich kann man auf schlimme Dinge stoßen, die den Familienerzählungen widersprechen.".

Das zunehmende Interesse der letzten Jahre erklärt sich Spohr unter anderem mit dem Krieg in der Ukraine. Die Menschen wollen wissen, ob der Großvater als Wehrmachtssoldat auf der Krim nur den LKW-Führerschein gemacht hat, wie er es gern im Familienkreis erzählt hat, oder ob er Gräueltaten begangen hat.

Wehrmachtssoldaten in der UkraineBild: Buro Laux/Pressens Bild/AP/picture alliance

Auch der Aufschwung der Rechten, besonders der AfD, mache vielen Sorgen: "Sie wollen dann prüfen, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen deren Aufstieg und der nicht aufgearbeiteten NS-Vergangenheit gibt - dem Schweigen über die Ideologien, die vielleicht noch fortwirken."

Nie wieder! Kampf um die Erinnerungskultur in Deutschland

12:34

This browser does not support the video element.

Zur Vernichtung bestimmt

Dass die von den Nationalsozialisten angefertigten Karteien noch existieren, ist nicht selbstverständlich. "Sie waren Ende des Krieges zur Vernichtung vorgesehen. Die Nazis wollten alles Verfängliche zerstören, das die Alliierten gegen sie verwenden konnten", sagt Spohr.

Reichsparteitag in München: War Opa dabei? Bild: picture-alliance/arkivi

Doch Hanns Huber, den man mit der Vernichtung beauftragte hatte, widersetzte sich dem Befehl. Der Geschäftsführer einer Münchner Papierfabrik versteckte die Akten unter einem Berg von Altpapier. Das US-Militär brachte sie im Herbst 1945 in Westberlin im Berlin Document Center unter - zusammen mit anderen Unterlagen aus der NS-Zeit, die zur Vorbereitung für die Nürnberger Prozesse gegen Kriegsverbrecher benötigt wurden.

NSDAP-Mitglieder in wichtigen Posten 

"Die Amerikaner haben bereits 1967 versucht, die Akten in deutsche Hände zu übergeben, aber sie wurden erst 1994 angenommen", sagt Spohr. "Sie haben das tatsächlich so gedeutet, dass es den Deutschen eben zu verfänglich und zu riskant sei, diese Dokumente dann vielleicht auch zugänglich zu machen, weil einfach da sehr viele Nazis drin auftauchten, die noch aktiv im Berufsleben waren und einflussreichen Positionen in der Politik innehatten." 

Dass das US-Nationalarchiv die Karteien jetzt online gestellt hat, ist aus Spohrs Sicht vor allem ein Verwaltungsakt. Dort wird nach und nach alles digitalisiert. Das deutsche Bundesarchiv wird die Karteien vermutlich im Jahr 2028 im Netz zur Verfügung stellen - wenn alle personenbezogen Schutzfristen abgelaufen sind.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen