Warum der Bundeswehr noch immer Frauen fehlen
22. Juli 2026
Soldatin werden? Auf keinen Fall! Für die jungen Frauen, die die DW spontan in Berlin befragt hat, kommt ein Dienst bei der Bundeswehr nicht infrage. "Das passt nicht in meine Lebensplanung mit Studium und Arbeit", argumentiert eine der jungen Berlinerinnen. Sie sei "komplett gegen Krieg", betont eine andere. Von Soldatinnen im Bekanntenkreis habe sie gehört, dass diese "sehr häufig mit sexistischen Situationen konfrontiert seien", sagt eine der jungen Frauen. Sie könne sich daher nicht vorstellen, zur Bundeswehr zu gehen.
Frauenanteil: Die Zielmarke liegt bei 20 Prozent
Zwar ist diese Umfrage nicht repräsentativ, doch sie zeigt eine Tendenz: Das Interesse von Frauen an der Bundeswehr bleibt überschaubar. Aktuell sind nur 13,7 Prozent des militärischen Personals Frauen, in der kämpfenden Truppe sind es sogar nur rund zehn Prozent. Das liegt deutlich unter der Zielmarke von 20 Prozent, die die Bundeswehr sich selbst gesetzt hat. Der Anteil der Bewerberinnen sei 2025 im Vergleich zum Vorjahr sogar gesunken, notiert der Wehrbeauftragte des Bundestags in seinem Jahresbericht.
Dabei braucht die Bundeswehr gerade jetzt dringend mehr Personal: Bis 2035 will sie um mindestens 75.000 Soldatinnen und Soldaten wachsen, um die Landesverteidigung zu stärken und die Vorgaben der NATO zu erfüllen. Deshalb wirbt die Bundeswehr intensiv um Nachwuchs. Bei Frauen nur mit mäßigem Erfolg. "Wenn genauso viele Frauen wie Männer zur Truppe wollten, würden wir gar nicht erst über Personalprobleme sprechen", sagt Sara Nanni, die verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.
Woran also hakt es? "Wir sehen, dass Frauen zur Truppe kommen", betont Nanni im Gespräch mit der DW. "Doch im Gegensatz zu Männern verlassen sie diese früher wieder, auch wegen der Familienplanung. Wir beobachten das in vielen Unternehmen und vielen Branchen. Aber in der Bundeswehr ist es besonders schwierig, Familie und Dienst miteinander zu vereinbaren."
Zwar bietet die Bundeswehr Kinderbetreuung, Telearbeit und Teilzeitstellen an. Sie betont aber auch: Die Einsatzbereitschaft der Truppe geht vor.
Ermittlungen bei den Fallschirmjägern in Zweibrücken
Abschreckend wirken auch zahlreiche Fälle von sexueller Belästigung in der Bundeswehr. "Ich sehe viele männliche Kollegen, die einfach respektvoll sind und gute Kameraden. Aber natürlich kommt es zu sexueller Belästigung und Diskriminierung", sagt Grünen-Politikerin Nanni, die im Verteidigungsausschuss des Bundestags sitzt. "Und das Ministerium hat das über viele Jahre hinweg nicht ernst genug genommen."
Besonders gravierend sind die Vorkommnisse beim Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken im Südwesten Deutschlands, wo gegen mehr als 50 Soldaten ermittelt wird - wegen Drogenmissbrauchs, rechtsextremistischen Handlungen und sexuellen Übergriffen. Durch die Meldungen von Soldatinnen kamen diese Ermittlungen überhaupt erst ins Rollen, wenn auch anfangs nur langsam.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bezeichnete die Vorfälle als "zutiefst schockierend". Mindestens 16 Soldaten wurden bereits entlassen, der Kommandeur des Regiments abberufen. Das Verteidigungsministerium will dem Problem jetzt tiefer auf den Grund gehen: Bis Ende des Jahres entsteht eine Dunkelfeldstudie zu sexualisiertem Fehlverhalten in der Truppe - also eine Studie, die auch nicht gemeldete Straftaten umfasst.
"Im Vergleich zum gesamten Personalkörper [der Bundeswehr] ist die Zahl der Beschuldigten äußerst gering", teilte eine Sprecherin der Bundeswehr in Köln der DW mit. "Dennoch bleibt es dabei: Jede Tat ist eine zu viel." Sexualisiertes Fehlverhalten habe keinen Platz in der Bundeswehr. "Es gilt Null Toleranz."
Der Dienst mit der Waffe war Frauen lange verboten
Insgesamt wird die Bundeswehr in der deutschen Gesellschaft immer noch als Männerdomäne wahrgenommen. Erst seit dem Jahr 2001 sind Frauen in den kämpfenden Einheiten der Bundeswehr zugelassen. Vorher verbot ihnen das Grundgesetz den Dienst mit der Waffe. Sie konnten nur in Einheiten wie den Sanitätsdienst eintreten, der auch heute noch den höchsten Frauenanteil hat. Den Zugang zur Kampftruppe mussten sie sich mühsam vor Gericht erstreiten. Inzwischen hat der Frauenanteil bei der Bundeswehr in etwa den NATO-Durchschnitt von 13,9 Prozent erreicht.
Viele junge Frauen, die freiwillig Wehrdienst leisten, werten die Zeit bei der Bundeswehr als positive Erfahrung in ihrer beruflichen Laufbahn. So auch Kerry Hoppe, die Reserveoffizier der Luftwaffe ist. Es habe ihr Selbstvertrauen enorm gestärkt, bei der Bundeswehr zu erleben, dass sie dieselben Herausforderungen meistern konnte wie ihre männlichen Kameraden, erzählt die Juristin aus München der DW.
An Männer und Frauen würden die gleichen Anforderungen gestellt - sie müssten die gleiche Ausrüstung mitschleppen und die gleichen Waffen bedienen. "Ich hatte großes Glück, dass ich keinerlei Sexismus oder strukturelle Diskriminierung erfahren habe, nur weil ich eine Frau bin", sagt Hoppe.
Es fehlen weibliche Vorbilder
Noch aber gebe es für Frauen zu wenige Vorbilder in der Bundeswehr, findet Hoppe, die Mitte zwanzig ist: "Wenn man keine Frau kennt, die bei der Bundeswehr gedient hat, fällt es einem irgendwie schwerer, sich in derselben Rolle zu sehen. Ich glaube daher: Gäbe es mehr starke weibliche Vorbilder, die diesen Karriereweg eingeschlagen haben, dann sähen die Rekrutierungszahlen womöglich anders aus."
Zwar dienen heute mehr als 25.000 Soldatinnen in den Streitkräften, in den Spitzenpositionen sieht es allerdings mau aus: Nur drei Frauen bekleiden den Rang eines Generals - bei insgesamt 220 Generalen und Admiralen in der Bundeswehr. Die prominenteste ist Nicole Schilling, seit letztem Jahr Stellvertreterin des Generalinspekteurs, des ranghöchsten Soldaten der Bundeswehr. "Wir brauchen mehr Frauen", sagt auch sie, "denn gemischte Teams verbessern das Gesamtergebnis".