Warum die Fußball-WM der Psyche guttun kann
10. Juli 2026
Nach einem Tor fallen sich Menschen in die Arme, obwohl sie sich eben noch fremd waren. Trikots wechseln den Besitzer, und auf einmal feiern alle dieselbe Mannschaft. Bei einer Fußball-Weltmeisterschaft wirkt das fast normal.
Für Katie Wood, klinische Psychologin an der Swinburne University in Melbourne, sind das nicht bloß rührende Fanaugenblicke. Solche Situationen können, sagt sie, tatsächlich das seelische Gleichgewicht stützen.
"Der größte Schutzfaktor für unsere psychische Gesundheit ist Verbundenheit, die Verbindung zu uns selbst, zu anderen Menschen, zu unserer Gemeinschaft und unserer Kultur", erklärt Wood im Gespräch mit der DW. Und Sport, so ihre Sicht, trifft genau diesen Punkt, er bringt Menschen in Kontakt.
Diese Form von Verbundenheit entsteht nicht nur in der Familie oder im Freundeskreis. Sie kann auch dann auftauchen, wenn man sich für einen Moment als Teil von etwas Größerem erlebt. Eine Fußball-WM schafft dieses Gefühl oft erstaunlich schnell, sogar zwischen Leuten, die einander vorher nie gesehen haben.
US-Amerikaner feiern algerische Fanparty
Wie das ganz konkret aussieht, zeigt sich bei dieser Weltmeisterschaft immer wieder: Fans aus den verschiedensten Ländern jubeln zusammen, tauschen Trikots oder unterstützen plötzlich Seite an Seite dieselbe Elf.
In Lawrence, im US-Bundesstaat Kansas, wurde die Innenstadt während des Spiels zwischen Algerien und Österreich kurzerhand zu einem grün-weißen Public Viewing. Weil die algerische Nationalmannschaft dort ihr WM-Quartier bezogen hatte, kamen Hunderte Einheimische in algerischen Trikots, mit den Nationalfarben im Gesicht, Fahnen in der Hand.
Auch an anderen Orten wird klar, wie schnell Fußball Brücken bauen kann. Nach dem Achtelfinale zwischen der Schweiz und Kolumbien in Vancouver tauschten zwei Fans ihre Trikots, als Erinnerung an den gemeinsamen Abend. In Seattle wiederum tröstete nach dem Ausscheiden der USA ein Anhänger Belgiens einen enttäuschten US-Fan.
Ein Besucher in San Francisco erzählt der DW von einem Moment, der ihm im Gedächtnis geblieben ist: "Ein Mann hat mein Trikot gesehen. Er kannte mich überhaupt nicht. Er kam auf mich zu, umarmte mich und sagte nur: 'Das ist die Weltmeisterschaft.'" Das Jersey, das der Amerikaner trug, war das von Zinedine Zidane von der WM 1998.
Dazugehören als Grundbedürfnis
Genau darin sieht Katie Wood die besondere Stärke eines Turniers wie der WM. Menschen, die sich im Alltag wahrscheinlich nie begegnet wären, teilen für kurze Zeit dieselben Gefühle.
"Man kann aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen kommen. Aber in dem Moment, in dem man dieselbe Mannschaft unterstützt, entsteht ein kollektives Erlebnis mit einem gemeinsamen Ziel."
Dieses Ziel bedient ein Grundbedürfnis, das viele unterschätzen: dazugehören. Ob jemand seit Jahrzehnten Fan ist oder gerade zum ersten Mal ein Spiel verfolgt, spielt dabei keine Rolle. Wichtiger ist, was man miteinander erlebt, die Spannung vor dem Anpfiff, der Jubel beim Tor, das gemeinsame Ärgern nach einer Niederlage.
"Niemand weiß, was wir als Menschen Tag für Tag durchmachen", sagt ein Besucher einer Fanmeile gegenüber der DW. "Deshalb sind Momente wie diese so besonders."
Und selbst wer gar keine feste Lieblingsmannschaft hat, kann in dieser Stimmung aufgehen. "Ich bin einfach glücklich", sagt ein Besucher in Philadelphia der DW. "Ich habe gar keine Mannschaft, aber ich liebe es inzwischen, die Spiele zu schauen."
Fußball-WM als Flucht aus dem Alltag
Wood nennt noch einen weiteren Punkt: Eine Weltmeisterschaft kann helfen, für eine Weile Abstand zum Alltag zu bekommen.
"Wenn so vieles auf der Welt passiert, suchen wir nach Möglichkeiten, dem Alltag für eine Weile zu entkommen", erklärt sie. "Und die Weltmeisterschaft mit allem Drum und Dran mit anderen Menschen zusammen zu erleben, ist eine sehr gesunde Weise, dies zu tun."
Klar, im Mittelpunkt steht bei einem Turnier wie der WM meist der Fußball. Doch für viele Fans entstehen die stärksten Erinnerungen an eine Weltmeisterschaft um das eigentliche Spiel herum.