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Warum die Nazis die Atombombe nicht vor Oppenheimer bauten

Fred Schwaller
20. August 2023

Angst vor einer deutschen Atombombe trieb ab 1942 das amerikanische Manhattan-Projekt voran. 1945 warfen die USA Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Aber wie weit kam die deutsche Forschung wirklich?

Atompilz: Atomtest auf dem Mururoa-Atoll 1971
Atompilz: Der Begriff beschreibt die verheerende Wirkung der Bombe nicht adäquat (Mururoa-Atoll 1971)Bild: dpa/picture alliance

Ende 1938 entdeckten die zwei deutschen Chemiker Otto Hahn und Fritz Straßmann die Kernspaltung - also jenen Prozess, bei dem ein Atomkern in zwei oder mehr kleinere Kerne gespalten wird und dabei riesige Mengen Energie freisetzt. Macht Euch diese Kraft zunutze, sagten die Physiker, und ihr könnt eine mächtige Bombe entwickeln, die ganze Städte ausradiert.

Deutsche Wissenschaftler begannen umgehend, an dem Projekt einer Atombombe zu arbeiten. Unterstützt von einer mächtigen Industrie und militärischen Interessen, nahm der dafür gegründete Uranverein einige der weltbesten Kernforscher unter Vertrag.

Obgleich das Projekt geheim war, ließen Wissenschaftler, die aus Nazi-Deutschland flohen, Informationen durchsickern. Unter ihnen war Albert Einstein, der 1939 den damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt warnte. Weltweit stieg die Sorge über die Entwicklung einer geheimen Waffe der Nationalsozialisten.

Der "Vater der Atombombe" im Blockbuster-Biopic: Cillian Murphy als J. Robert Oppenheimer in "Oppenheimer", der im Juli in den Kinos anliefBild: Melinda Sue Gordon/Universal Pictures /AP/picture alliance

Die Antwort der USA war das Manhattan-Projekt. Mitten im Zweiten Weltkrieg begann das Programm unter der Führung von J. Robert Oppenheimer im Sommer 1942 zu erforschen, wie eine Atombombe mit Hilfe der Elemente Uran und Plutonium gebaut werden konnte.

Die Angst vor dem konkurrierenden Projekt der Nationalsozialisten spornte die US-Regierung an. Aufgrund massiver finanzieller Förderung brauchten Oppenheimer und sein Team nur drei Jahre, um den ersten erfolgreichen Atomwaffentest durchzuführen. Die erste real eingesetzte Atombombe traf die japanische Stadt Hiroshima drei Wochen später.

Die Tonbandprotokolle von Farm Hall

"Ich glaube kein Wort von der ganzen Sache", sagte Werner Heisenberg, Leiter des deutschen Uranprojektes, als er die Nachricht über Hiroshima hörte.

Zu dieser Zeit wurden Heisenberg und neun weitere hochklassige Kernphysiker, die in Deutschland geforscht hatten, auf dem englischen Landsitz Farm Hall gefangen gehalten. Die Briten nahmen heimlich ihre Gespräche auf, um etwas über die Nuklearprojekte der Nazis zu erfahren.

Gelehrte aus aller Welt: Bei diesem Kongress trafen sich 1927 der Deutsche Werner Heisenberg und Niels Bohr, Mitarbeiter im Manhattan-ProjektBild: Darchivio/opale.photo/picture alliance

Die anderen Physiker teilten Heisenbergs Ungläubigkeit. Die meisten vermuteten einen Bluff, um Japan zur Kapitulation zu bewegen. Otto Hahn hatte betont, er habe nicht geglaubt, der Bau einer solchen Bombe sei in den nächsten 20 Jahren möglich. Heisenbergs und Hahns Reaktion zeigen, dass das deutsche Programm tatsächlich weit von der Entwicklung einer Nuklearwaffe entfernt war.

Die USA hätten den Stand des deutschen Uranprojektes weit überschätzt, und das sei ihnen erst durch die Farm-Hall-Aufnahmen klargeworden, erklärt der deutsch-japanische Historiker Takuma Melber von der Universität Heidelberg gegenüber der DW.

Abgewracktes Atomprogramm

Als das Manhattan-Projekt in vollem Gange war, war das deutsche Nuklearwaffenprogramm bereits tot. Die deutschen Forscher wussten, dass sie nicht in wenigen Jahren in der Lage sein würden, Isotope zu trennen, um eine Atombombe zu bauen. Sie hatten mit der Kernspaltung nie eine erfolgreiche Kettenreaktion ausgelöst und kannten keine Methode, um Uran anzureichern. Das Nuklearwaffenprogramm wurde im Juli 1942 verschrottet und seine Forschung auf neun unterschiedliche Institute in Deutschland verteilt.

Bis 1942 war das Programm ein militärisches Projekt gewesen, sagt Historiker Melber, aber danach sei es ein ziviles Vorhaben geworden. Das neue Ziel war, einen Atomreaktor zu bauen, der Kernspaltung in kleinerem Maßstab bewältigen konnte. Heisenberg und sein Team experimentierten mit einem Forschungsreaktor in einem Felsenkeller unter der Schlosskirche im baden-württembergischen Haigerloch. Uranwürfel wurden an Drähten befestigt und hinabgelassen in einen Tank mit schwerem Wasser, der chemischen Verbindung Deuteriumoxid.

Von Heisenbergs Forschungsreaktor zum zeitgenössischen AKW: Kontrollzentrum des stillgelegten dritten Reaktors in Tschernobyl, 2021Bild: Gleb Garanich/REUTERS

Weiter kam das deutsche Nuklearprogramm nicht - der Reaktor hat nie funktioniert. Es befand sich nicht genug Uran im Zentrum des Reaktors, um eine Kettenreaktion auszulösen.

Doch die Forscher waren nah dran. Wissenschaftler glauben heute, wenn im Reaktor 50 Prozent mehr Uran gewesen wären, hätte Heisenberg den ersten Atomreaktor entwickeln können.

Deutsches Durcheinander und flüchtende Forscher

Warum versagte das deutsche Atomprogramm - trotz seines Vorsprungs und brillanten Wissenschaftlern?

Zu einen, weil Deutschland seine Forschung ausblutete. Viele jüdische und polnische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler flohen vor Verfolgung, wie die jüdische Physikerin Lise Meitner, die entscheidenden Anteil an Hahns und Straßmanns Entdeckung der Kernspaltung hatte. Einige dieser Flüchtlinge gingen nach Großbritannien oder in die USA, wo sie am Manhattan-Projekt mitarbeiteten. Andere Wissenschaftler wurden als Soldaten eingezogen.

Der Krieg verknappte auch einige der Rohstoffe für die Forschung, erklärt Takuma Melber. Dazu gehörten angereichertes Uran und Wasser zum Kühlen der Reaktoren. Schweres Wasser wurde im besetzten Norwegen hergestellt, aber alliierte und norwegische Truppen griffen die Produktionsstätten an.

Überlebenden erinnern an Atombombe von Hiroshima

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Letztlich war es aber der fehlende politische Rückhalt, der den Fortschritt stoppte. Adolf Hitler habe das Ganze nicht verstanden und 1942 die Unterstützung eingestellt, berichtet Historiker Melber. Danach gab es kaum noch finanzielle Förderung, vor allem im Vergleich zum Manhattan-Projekt. Das beschäftigte 500.000 Mitarbeitende, rund ein Prozent aller US-amerikanischen Erwerbstätigen, und kostete die Regierung rund zwei Milliarden US-Dollar. Heute entspräche das 24 Milliarden US-Dollar. Im deutschen Uranverein und den Nachfolgeprojekten arbeiteten dagegen nicht einmal tausend Wissenschaftler mit einem Etat von acht Millionen Reichsmark, was heute etwa 24 Millionen US-Dollar wären.

Baut Reaktoren statt Bomben!

Die Tonbandaufnahmen aus Farm Hall liefern noch einen anderen Grund für das deutsche Scheitern: Die Wissenschaftler selber waren aus moralischen Erwägungen gegen die Atombombe und sabotierten heimlich deren Entwicklung. Der Physiker und spätere Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker meinte: "Ich glaube, es ist uns nicht gelungen, weil alle Physiker im Grunde gar nicht wollten, dass es gelang. Wenn wir alle gewollt hätten, dass Deutschland den Krieg gewinnt, hätte es uns gelingen können."

Heisenberg sagte am Tag des ersten Atombombenabwurfs, er sei davon überzeugt gewesen, eine Uranmaschine zu bauen, "aber ich habe nie gedacht, dass wir eine Bombe machen würden, und im Grunde meines Herzens war ich wirklich froh, dass es eine Maschine sein sollte und nicht eine Bombe". Die deutschen Wissenschaftler in Farm Hall hofften, die Geschichte werde zeigen, dass US-Amerikaner und Briten die Bombe gebaut hätten - und die Deutschen eine Maschine.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.

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