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Warum Diktaturen auf "Underperformer" setzen

9. Juni 2026

Hitlers Mörder waren keine Monster, sondern ganz normale Männer - das beobachtete schon Hannah Arendt. Zwei Forscher konnten diese These jetzt belegen.

Otto Ohlendorf spricht sein Schlusswort beim Einsatzgruppenprozess 1948
Die Angeklagten des Einsatzgruppen-Prozesses 1948Bild: dpa/picture alliance

In den Augen von Waldemar Klingelhöfer sieht man keine Reue. 

Ein Foto vom Einsatzgruppen-Prozess zeigt den SS-Sturmbannführer nüchtern in die Kamera schauend, der Blick kontrolliert. Das karierte Hemd ist bis oben zugeknüpft, die streng zurückgekämmten Haare entblößen die Geheimratsecken. Die hohe Stirn ist gerunzelt, aber Emotionen sieht man keine.

Er hält ein Schild mit seinem Namen in die Kamera: Klingelhoefer, Waldemar. Das Foto muss während des Prozesses 1947 oder 1948 entstanden sein, kurz bevor Klingelhöfer 1948 in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation zum Tode verurteilt wurde. 

Vom Opernsänger zum Nazi-Mörder

Eigentlich war Klingelhöfer Opernsänger. Bis er 1935 das Kulturreferat des SD übernahm, dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Der SD unterstand als zentraler Nachrichtendienst des nationalsozialistischen Deutschlands direkt Reinhard Heydrich und damit indirekt Heydrichs Vorgesetztem Heinrich Himmler. Dort analysierte Klingelhöfer beispielsweise die Effektivität von Nazi-Propaganda.

1941 landete der russisch-sprechende Klingelhöfer bei der Einsatzgruppe B, zunächst nach eigenen Angaben als Übersetzer. Die Einsatzgruppen waren im Holocaust als Sondereinheiten Heinrich Himmlers für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa verantwortlich. 

Opernsänger und SS-Sturmbannführer Waldemar Klingelhöfer beim Einsatzgruppen-Prozess

Klingelhöfer stieg dort bis zum Sturmbannführer -– einem der höchsten Ränge - des "Vorkommando Moskau" auf, eine Funktion, in der er unzählige Exekutionen beauftragte oder selbst durchführte. 

Was bringt einen Opernsänger dazu, erst die Bühne, und dann den komfortablen Bürojob zu verlassen, um in Hitlers Auftrag zu morden?

"Ordinary Men" und loyale Quereinsteiger

Christian Gläßel, Politikwissenschaftler am Centre for International Security der Hertie School in Berlin und Co-Autor von "Making a Career in Dictatorship", hat darauf eine einfache Antwort: "Ganz profaner Karrieredruck", sagt er im DW-Gespräch.

Bisher gingen viele Forschende davon aus, dass ideologische Überzeugung eine übergeordnete Rolle gespielt haben muss. Daniel Goldhagen etwa argumentierte in "Hitlers willige Vollstrecker" ("Hitler's Willing Executioners"), dass es purer Antisemitismus war, der Hitlers Männer zu Mördern machte. 

Politikwissenschaftler Christian GläßelBild: Anna-Lena Hönig

Die jüdische Autorin Hannah Arendt argumentierte schon dreißig Jahre vor Goldhagen gegenteilig, als sie in Jerusalem den Kriegsverbrecher Adolf Eichmann beobachtete: "Dass er besondere Machtgelüste gehabt hat, glaube ich nicht. Er war der typische Funktionär. Die Ideologie, glaube ich, hat keine sehr große Rolle dabei gespielt", sagte sie 1964 in einem Gespräch mit dem Autor Joachim Fest.

Minderleistung als Antrieb

Den empirischen Beleg für Arendts Beobachtung haben Gläßel und sein Co-Autor Adam Scharpf in den Daten tausender argentinischer Armeeoffiziere gefunden. In dem Datensatz, der sämtliche Informationen über Beförderungen, Abschlussränge und Pensionierungen der Militärangehörigen seit 1870 beinhaltet, identifizierten sie ein Muster:

Je schlechter die Performance eines Offiziers, desto höher das Risiko, dass er rausflog - und desto größer wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass der erfolglose Offizier sich der Geheimpolizei anschloss. Während der argentinischen Militärdiktatur, stellten Gläßel und Scharpf fest, waren die Reihen der Geheimpolizei voller sogenannter "Underperformer". Indem sie im Auftrag des Regimes folterten, mordeten und entführten, konnten sie sich beweisen und stiegen auf.

Hannah Arendt war schon früh davon überzeugt, banale Gründe seien für Hitlers Mörder ausschlaggebender als Ideologie gewesen IdeologieBild: akg-images/Fototeca Gilardi/epd

"Es sind oft Menschen, die von einem System ausgespuckt werden oder nicht weiter aufsteigen können. In diesem Moment greifen Leute zu extremen Mitteln und demonstrieren ihre Loyalität, indem sie die Drecksarbeit für das Regime erledigen, die sonst kein anderer machen möchte", erklärt Gläßel. 

Nicht Ideologie, sondern Karrieredruck

Alles begann mit einem beiläufigen Kommentar. Co-Autor Scharpf traf bei einem Besuch in Argentinien auf einen Gesprächspartner, der zu ihm sagte, die bei der Geheimpolizei seien alles "Idioten" gewesen. 

Scharpf dachte zunächst, der Kommentar sei beleidigend gemeint. Doch das Gesagte ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, und je länger er und Gläßel sich darüber unterhielten, desto mehr drängte sich ein Verdacht auf: Was, wenn das Ganze wörtlich zu nehmen war? 

"Eigentlich ist es ja ein Puzzle", sagt Gläßel. "Warum sollte ein Diktator, der darauf angewiesen ist, dass seine Geheimpolizei gut funktioniert, auf Idioten zurückgreifen?"

1976 wurde die argentinische Präsidentin Isabel Perón bei einem Militärputsch ihres Amtes enthoben und durch eine Militärjunta ersetztBild: United Archives/kpa Keystone/IMAGO

Doch an dem Kommentar war etwas dran, das stellten die Forscher nach der Analyse der argentinischen Daten fest. Die argentinische Armee, das zeigten die Karriereaufzeichnungen, war seit jeher ein meritokratisch organisierter Apparat. "Das heißt, wer Leistung zeigt, der macht Karriere, wer keine Leistung erbringt, fliegt früher oder später raus", erklärt Gläßel. 

Die Geheimpolizei der argentinischen Militärdiktatur funktionierte für die "Underperformer" also wie eine Abkürzung auf der Karriereleiter: Diejenigen, die schlechte Leistung erbrachten, konnten durch diesen Umweg ihre Karrieren retten. 

Sie verbrachten ein paar Jahre in der Geheimpolizei und bekamen zur Belohnung später besser bezahlte Posten in anderen Einheiten des Militärs. Je größer der Druck, desto wahrscheinlicher wurde es, dass die Männer bereit waren, mit Foltern und Töten ihre Karrieren zu retten.

Meritokratie – eine Gefahr für die Demokratie?

Für Gläßel ist das ein Nebeneffekt von Systemen, die Gewinner und Verlierer produzieren – so wie die Meritokratie. "Die Verlierer sind eine human resource, die ein Autokrat für sich nutzen kann", sagt er. Meritokratie, so Gläßel, schütze weder vor dem Abbau demokratischer Strukturen, noch vor autoritärer Herrschaft. 

Im Gegenteil: Seine und Scharpfs Forschung zeige, dass leistungsbasierte Systeme gewöhnliche Menschen dazu bringen können, extreme Verbrechen zu begehen.

Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich waren maßgeblich für den Holocaust mitverantwortlichBild: AP

"Das Perfide ist ja, dass Leistung antreibt. Wenn Sie wissen, dass Sie hinten dran sind, dann gehen sie die Extrameile", sagt Gläßel. Das Forscherpaar schaute sich aber nicht nur Argentinien an, sondern auch vereinzelte Beispiele aus Nazi-Deutschland, Gambia und der Sowjetunion. So stießen sie auf den Opernsänger Waldemar Klingelhöfer. 

Im Fall von Nazi-Deutschland gibt es zwar nicht so einen umfassenden Datensatz, den man mit dem argentinischen vergleichen könnte. Aber es gibt vereinzelte Biografien, aus denen Gläßel und Scharpf lesen konnten, wer die '"gewöhnlichen Männer" Nazi-Deutschlands waren.

Gläßel: "Es waren oft Quereinsteiger"

Sie hatten meistens keine Erfahrung mit Polizeiarbeit und mussten sich gerade deshalb umso mehr beweisen, argumentieren Gläßel und Scharpf. Genau das hätten Nazi-Funktionäre wie Heydrich oder Himmler gezielt ausgenutzt. 

Klingelhöfer war nicht der einzige Quereinsteiger in den höheren Rängen der Einsatzgruppen. Es waren Juristen dabei, Professoren, Kunsthistoriker, Zahnärzte, sogar ein Pastor: Ernst Biberstein. Er war einer der ersten Pastoren in der NSDAP. Er arbeitete sich bis ins Reichskirchenministerium hoch, während er gleichzeitig für den SD spitzelte. 

Ernst Biberstein war Pastor, bevor er Leiter einer Einsatzgruppe wurde

Doch das Reichkirchenministerium war irgendwann unzufrieden mit seiner Arbeit, also machte er Karriere beim SD und der SS. 1942 wurde er Leiter des Einsatzkommandos 6 der Einsatzgruppe C in Kyjiw, wo er die Ermordung von tausenden jüdischen Menschen befehligte.

Aufstieg "keineswegs garantiert"

Karrieredruck spielte wohl auch innerhalb der SS und des SD eine Rolle. Heydrich und Himmler sollen bewusst ein Klima der Konkurrenz kreiert haben. So beabsichtigten sie, "von Zeit zu Zeit eine gründliche Auslese vor[zu]nehmen und die Reihen [zu] lichten, damit die Übrigen sich umso mehr anstrengen, weil sie wissen, dass ihr Aufstieg keineswegs garantiert ist", so Himmler. 

Heydrich sagte über die Einsatzgruppen, sie seien "eine Chance, sich zu beweisen und eine Auszeichnung zu verdienen".

Die Eröffnungssitzung des Einsatzgrupenprozesses in Nürnberg, 1947Bild: dpa/picture alliance

Trotzdem käme es zu kurz, der Ideologie gar keine Rolle zuzuschreiben. Die Einsatzgruppen der SS und des SD waren ideologisch geschult, Kommandeure wie Biberstein oder Klingelhöfer wurden von Heydrich und Himmler persönlich auserkoren.

Klingelhöfer selbst hatte sich bereits 1920 dem antisemitischen "Jungdeutschen Orden" angeschlossen und noch vor seiner Zeit beim SD ein Buch über den "Einfluss der Juden und Freimaurer an den politischen Entwicklungen in Russland" geschrieben.

Aus der Geschichte lernen

Mit seiner Forschung möchte Gläßel auch warnen. Denn auch stabil wirkende Systeme wie Demokratien produzieren Gewinner und Verlierer; somit fänden sich immer loyale Quereinsteiger, die aufsteigen möchten – und dafür auch zu Verbrechen bereit sind.

An loyalen Quereinsteigern mangelt es auch heute in demokratischen Systemen nicht. Man nehme den amerikanischen Kriegsminister Pete Hegseth, der vorher Fox News Moderator war. Oder den ehemaligen brasilianischen Polizisten Marcelo Xavier da Silva, der unter ex-Präsident Jair Bolsonaro zum Vorsitz der Indigenenbehörde FUNAI ernannt wurde – als bekennender Gegner von Indigenenrechten.

US-Kriegsminister Pete Hegseth bei einer Anhörung im Streitkräfteausschuss des SenatsBild: Ken Cedeno/REUTERS

"Wer aus der Geschichte nicht lernt, wird von ihr eingeholt", sagt Gläßel.

Waldemar Klingelhöfers Geschichte hat ihn zumindest nicht mehr eingeholt. 

Nachdem er 1948 bei den Nürnberger Prozessen zum Tod verurteilt wurde, wurde sein Strafmaß bereits 1951 auf lebenslange Haft reduziert. 1956 wurde er dank weiterer Haftverkürzungen auf Bewährung entlassen und arbeitete anschließend im baden-württembergischen Villingen, wo er im Alter von 76 starb, als Angestellter.

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