1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
KonflikteNigeria

Warum Extremisten Wälder in Nigeria als Rückzugsort nutzen

Abiodun Jamiu
16. Februar 2026

Boko Haram und andere bewaffnete Gruppen operieren ungestört in den riesigen Waldreservaten Nigerias. Welche Folgen das für die Bevölkerung hat - und mit welcher Strategie die Regierung die Kontrolle zurückgewinnen will.

Symbolbild | Amnesty: Kinder leiden unter Terror in Westafrika
Im Sambisa-Wald: ein Soldat der nigerianischen Armee neben einer Gruppe von Frauen und Kindern, die bei einer Operation gegen Boko Haram gerettet wurdenBild: Nigerian Army/dpa/picture alliance

Die islamistische Miliz Boko Haram ist dafür bekannt, ihren Terror vom Sambisa-Wald im Nordosten Nigerias aus zu organisieren und zu verbreiten. Zu einem wichtigen Quartier wurde der Wald allerdings erst, nachdem das nigerianische Militär die militante Gruppe aus bevölkerten Gebieten wie Maiduguri, Hauptstadt des Bundesstaates Borno, vertrieben hatte. Boko Haram wird von der EU, den Vereinten Nationen und anderen als terroristische Organisation eingestuft.

Einst Heimat eines für seine Tierwelt bekannten Wildreservats, wurde Sambisa für mehrere Jahre zum operativen Zentrum von Boko Haram. Der Wald umfasst etwa 60.000 Quadratkilometer und erstreckt sich über mehrere nordöstliche Bundesstaaten, darunter Borno, Yobe, Gombe und Bauchi. Er liegt auch relativ nah an den Grenzen zu Tschad und Kamerun. Von hier aus terrorisiert Boko Haram Gemeinden und verübt Anschläge.

Und dieses Vorgehen wurde im ganzen Land kopiert: Im Nordwesten und Zentrum Nigerias haben sich Waldreservate wie die Nationalparks Kainji, Kwiambana, Kamuku und Alawa ebenfalls zu strategischen Zufluchtsorten für Terror- und Banditengruppen entwickelt.

Von geschütztem Land zu rechtlosem Raum

Nigerias Waldreservate wurden nie mit Blick auf die Gefahr von Terrorismus angelegt. Zwar gibt es Gesetze zum Schutz der Wälder vor Rohstoffabbau, doch laut dem Analysten Ladd Serwat von der Organisation Armed Conflict Location and Event Data (ACLED) verfügt die Regierung nur über begrenzte Kapazitäten, um illegale Aktivitäten zu überwachen und zu verhindern.

"Polizei und Militär patrouillieren in der Regel nicht in den Wäldern, sondern setzen stattdessen auf Straßensperren außerhalb dieser Schutzgebiete, um beispielsweise Holztransporter abzufangen", so Serwat.

Für Malik Samuel, leitender Forscher beim panafrikanischen Think Tank Good Governance Africa, haben die schwache Waldbewirtschaftung, Korruption und chronische Unterfinanzierung dazu geführt, dass die Wälder weitgehend unkartiert, unüberwacht und ungeschützt sind.

Immer wieder ermorden Boko-Haram-Kämpfer Menschen in NigeriaBild: REUTERS

Bewaffnete Gruppen nutzten das aus, so Samuel, weil "der Wald ihnen Schutz und Möglichkeiten zum Lebensunterhalt bietet, sei es durch die Jagd auf Wildtiere oder den Anbau von Nahrungsmitteln". Die bürokratische Vernachlässigung der Wälder sowie die Tatsache, dass sich Zuständigkeiten von Bundesregierung und Landesregierungen überschneiden, habe zu riesigen unregierten Gebieten geführt, so Analysten. Das mache es bewaffneten Gruppen leicht, sich dort unentdeckt und ohne Widerstand zu bewegen.

Unentdeckt und getarnt

Schwieriges Gelände, Isolation, Weite und ein begrenzter Straßenzugang machen Waldreservate ideal für Terrorgruppen. Viele Wälder verbinden mehrere Bundesstaaten oder grenzen an Nachbarländer. Sie werden oft für illegale Aktivitäten genutzt und bieten natürlichen Schutz vor militärischem Druck.

"Es gibt Teile dieser Wälder, in denen man tagsüber nicht einmal richtig sehen kann. Manchmal braucht man sogar am Tag eine Taschenlampe", sagt  Samuel, der mehrere Studien über bewaffnete Gruppen im Norden Nigerias durchgeführt hat. "Selbst wenn die Sicherheitskräfte Luftüberwachung nutzen - über dicht bewaldeten Gebieten ist das schwierig."

Die Terroristen würden in den Wäldern illegale Geschäfte betreiben, um ihre Aktivitäten zu finanzieren, so der Analyst Ladd Serwat. Und sie verschafften sich die Gunst der lokalen Gemeinden in der Nähe von Wäldern, indem sie wirtschaftliche Aktivitäten zuließen, die sonst eingeschränkt wären - "oder hohen Erpressungsgebühren durch den Staat unterliegen würden".

Warum sich die Hungerkrise in Nigeria verschärft

03:22

This browser does not support the video element.

Im Nordosten sind der Handel mit Wildtieren, insbesondere mit Elefanten und Warzenschweinen, sowie illegales Gold seit langem eine Finanzierungsquelle für Boko Haram. Im Nordwesten des Landes treiben illegaler Goldabbau und Schmuggel den Terrorismus an. Das Ganze koste Nigeria jährlich rund neun Milliarden Dollar (7,6 Milliarden Euro), berichteten lokale Medien im Jahr 2025.

Die Einheimischen zahlen den Preis

Reservate und Wälder sind für viele benachbarte Gemeinden zu einer Quelle der Angst geworden. Viele Bauern wurden vertrieben, da Terroristen in den Gebieten ihr Unwesen treiben: Sie üben Gewalt aus, erheben Steuern, entführen Personen unter Erpressung von Lösegeld oder zwingen Einheimische, für sie zu arbeiten.

"Diese Gebiete sind für Bauern zu No-Go-Areas geworden. Nigeria ist weitgehend eine agrarische Gesellschaft, und die meisten Menschen sind Subsistenzbauern. Wenn sie aufgrund der Unsicherheit keinen Zugang mehr zu ihrem Ackerland haben, kommt es zu Ernährungsunsicherheit", sagt Samuel.

Die  Unterernährung, die viele Menschen im Norden Nigerias heimsucht, sei nicht "auf einen plötzlichen Mangel an Nahrungsmitteln zurückzuführen, sondern darauf, dass gewalttätige Akteure den Bauern systematisch den Zugang zu ihrem Land verwehren", fügt er hinzu.

Binnenvertriebene nach dem Brand in einem Flüchtlingslager in Monguno im Nordosten Nigerias (2019)Bild: Deborah Peter/International Rescue Committee/AP Photo/picture alliance

Da bewaffnete Gruppen und ihre Komplizen illegale Abholzung, Bergbau und Wildtierhandel betreiben, sind auch die Naturschutzbemühungen in vielen dieser Reservate zusammengebrochen.

"Sie präsentieren sich als alternative Regierung, weil sie genau wissen, dass der Staat in diesen Gebieten nicht präsent ist", sagt Samuel gegenüber der DW. "Sie präsentieren sich als beste Alternative, indem sie sich manchmal für Ziele wie wirtschaftliche Stärkung und Konfliktlösung engagieren", fügt er hinzu.

Ein Hoffnungsschimmer?

Bis Ende Dezember 2025 bildete die nigerianische Regierung in einem dreimonatigen Intensivtrainingsprogramm mehr als 7000 Waldwächter ausgebildet. Die Wächter sollen Terroristen, Banditen und andere kriminelle Vereinigungen von bewaldeten und unzugänglichen Gebieten fernhalten.

Nigerianische Soldaten in KankaraBild: Sunday Alamba/AP Photo/picture alliance

Laut dem Analysten Ladd Serwat müssen dauerhafte Lösungen allerdings darüber hinaus auch nicht-militärische Ansätze umfassen, darunter die Stärkung der Waldbewirtschaftung und die Verbesserung der Informationsbeschaffung in den lokalen Gemeinden.

"Eine härtere militärische Durchsetzung ist kostspielig und oft kontraproduktiv, wenn es darum geht, starke Beziehungen zur lokalen Bevölkerung aufzubauen", so Serwat gegenüber der DW. Die Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung müssten berücksichtigt werden, fügt er hinzu - das dürfe "nicht als zweitrangige Frage behandelt werden".

Adaptiert aus dem Englischen von Nikolas Fischer

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen