Warum ist aus dem freien Internet nichts geworden?
23. März 2026
Am Anfang war es nur ein Spiel - eines, das wir alle schon unzählige Male gespielt haben: Felder mit Stoppschildern auswählen, verzerrte Buchstaben entziffern, ein Puzzle zusammensetzen - und am Ende das Kästchen anklicken: "Ich bin kein Roboter".
Doch jedes Mal, wenn wir Bilder anklicken und entscheiden, ob wir eine Katze oder ein Croissant sehen, arbeiten wir in Wahrheit für Big Tech.
Als der guatemaltekische Informatiker Luis von Ahn 2004 erstmals die Idee sogenannter "Games with a Purpose" (GWAPs) vorstellte, verfolgte er ein klares Ziel: die menschliche Denkleistung zu nutzen, damit Computer daraus lernen können.
Sein Ansatz war einfach: Menschen sollten spielerisch Aufgaben lösen, die für uns trivial sind, für Computer damals aber schwierig -etwa Bilder beschriften, Texte transkribieren oder Daten klassifizieren. Und wie ließe sich Menschen besser für Computer arbeiten lassen, als Arbeit in ein Spiel zu verwandeln?
Reich werden durch die Arbeit anderer
Von Ahn entwickelte zunächst das ESP-Spiel (Extrasensory Perception): Zwei zufällig zusammengebrachte Spieler bekamen dasselbe Bild zu sehen, konnten jedoch nicht miteinander kommunizieren. Innerhalb eines Zeitlimits beschrieben sie das Bild - Punkte gab es, wenn ihre Begriffe übereinstimmten. Diese Übereinstimmungen bestätigten die Bildbeschreibungen, die anschließend in einer Datenbank gespeichert wurden.
Im Jahr 2006 lizensierte Google mit dem Google Image Labeler seine eigene Version des Spiels. Ein Jahr später stellte von Ahn reCAPTCHA vor, das auf demselben Prinzip basiert: Menschen lösen Probleme, die von Computern nicht gelöst werden können. Doch wer CAPTCHAs löste, transkribierte, ohne es zu wissen, Wörter aus eingescannten Büchern und Zeitungen, die nicht von Computern digitalisiert werden konnten. 2009 dann verkaufte von Ahn reCAPTCHA an Google.
Und dabei blieb es nicht. 2011 gründete er gemeinsam mit Severin Hacker Duolingo und übertrug das Crowdsourcing-Modell auf das Sprachenlernen: Nutzer übersetzen Texte und verschlagworten Bilder im Austausch für kostenlose Lektionen. So entsteht eine riesige Datenbank hochwertiger Sprachdaten, die kommerziell genutzt wird – etwa zum Training von KI-Modellen und für Duolingos kostenpflichtigen Englischtest.
"Die Idee war, zu einem Gemeingut beizutragen, damit Computer intelligenter werden und der Nutzen allen zugutekommt", sagt Ulises Ali Mejias, Professor für Kommunikationswissenschaft an der State University of New York (SUNY) in Oswego, im Gespräch mit der DW. "Aber so ist es nicht gelaufen. Denn Luis von Ahn hat all diese frei erzeugten Daten angeeignet, an Google verkauft und die Gewinne genutzt, um sein nächstes Unternehmen zu gründen: Duolingo."
Von Hippies zu Tech-Bros
Von Ahn hatte einen Weg gefunden, die kollektive menschliche Intelligenz zu nutzen. Er gehörte damit zu denen, die den Grundstein für eine neue Form der Monetarisierung von Daten durch Unternehmen legten: indem sie Nutzende in unbezahlte Arbeiter verwandelten. Das steht in starkem Kontrast zu den ursprünglichen Vorstellungen gegenkultureller Denker im Nordkalifornien der 1960er-Jahre: dem Internet als unabhängigem, gemeinschaftlichem und utopischem Raum.
Während des Vietnamkrieges entdeckten Millionen von US-Amerikanerinnen und Amerikaner das Leben in Gemeinschaften, LSD und die Hippie-Kultur für sich. Als die Gegenbewegung auseinanderbrach, versuchten einige ihrer wichtigsten Vertreter, diese utopischen Träume über die Technologie umzusetzen.
Stewart Brand zum Beispiel gründete 1985 eine der ersten virtuellen Gemeinschaften: The Well oder The Whole Earth 'Lectronic Link'. Er prägte den Satz "Information will frei sein". Apple-Gründer Steve Jobs wiederum beschrieb einst die Einnahme von LSD als eine der wichtigsten Erfahrungen in seinem Leben. Und John Perry Barlow, Songtexter der Band Grateful Dead, schrieb vor 30 Jahren die "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace"
Doch der Traum, der Politik mithilfe utopischer Technologien zu entkommen, sei "erstaunlich naiv", sagt der Stanford-Professor Fred Turner, Autor von "From Counterculture to Cyberculture". "Sie mögen das politische Amerika hinter sich gelassen haben, doch als sie zusammenkamen, schufen sie eine Welt des Patriarchats. Und es war naiv zu glauben, daraus würde eine Utopie für uns alle entstehen. Man kann der Politik nicht entkommen - das ist eine Lehre aus der Gegenbewegung, die wir heute im Internet wiedersehen", so Turner im Gespräch mit der DW.
Vom gemeinsamen Bewusstsein zum Datenschürfen
Die Utopie währte nicht lange. Die Tech-Begeisterten der ersten Stunden erkannten schnell, wie sie das kollektive Bewusstsein durch die Entwicklung von Suchmaschinen,Algorithmenund die Sammlung von Daten monetarisieren konnten.
"Wir können das in der Ideologie von Facebook in seinen Anfängen sehen. Die Absicht lautet etwa: Lass mich alle diese Daten ohne Einwilligung abgreifen und damit etwas entwickeln, das ich zu Geld machen kann", sagt Mejias.
"Wir haben uns von einem Zeitalter der Vernetzung zu einem Zeitalter der Extraktion bewegt", ergänzt Turner. "Digitale Medien sind zu Rohstoffindustrien geworden. Wir sind heute wie Öl oder Kohle, eingebettet in einen sozialen Boden, aus dem Unternehmen Ressourcen gewinnen und sie uns als Produkte und Werbung zurückverkaufen."
Ist Datenextraktion digitaler Kolonialismus?
In ihrem Buch "Data Grab: "The New Colonialism of Big Tech (and How to Fight Back)" argumentieren Ulises Mejias und Nick Couldry, dass sich die Datenextraktion in ihrem heutigen Umfang historisch nur mit einer Epoche vergleichen lässt: dem Kolonialismus.
"Die Landnahme von damals ist heute eine Datennahme. Alles wird für eine kleine Elite übernommen. Das ist genau das, was sich zu Beginn der Kolonialisierung entwickelte. Es ist eine Mentalität, die rechtfertigte, dass man alles an sich riss“, kritisierte Couldry. Künstliche Intelligenz führe diese Logik weiter, fügt er hinzu. Sie sei das Sahnehäubchen.
30 Jahre, nachdem es für frei und unabhängig erklärt wurde, befindet sich das Internet in der Hand einiger weniger Unternehmen. "Es ist eine Tragödie", sagt Mejias. "Hinter den Kulissen wurden wir getäuscht. Während wir zu diesem - uns allen gehörenden Raum - beitrugen, erstellten die Unternehmen Plattformen, mit denen sie dieses ganze Wissen privatisiert haben, um es zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen", fügt er hinzu.
Allgemeinwohl, nicht Maschinen
Mejias und Couldry sind jedoch davon überzeugt, dass sich Widerstand regt. Sie verweisen auf Bewegungen, die sich gegen den Bau von Datenzentren richten oder auf Arbeitende in der Gig-Economy, die bessere Arbeitsbedingungen fordern. Und sie setzen ihre Hoffnung auf die Jugend. "Junge Menschen wollen ein besseres Leben als das, was sie in den vergangenen zehn Jahren hatten. Sie haben die Vorstellungskraft, die für die Gestaltung einer besseren Zukunft nötig ist", sagt Couldry.
Jüngste Umfragen deuten auf ein weit verbreitetes Gefühl der Enttäuschung hin: Nahezu die Hälfte der jungen Menschen im Vereinigten Königreich sagt, sie wären lieber in einer Zeit ohne Internet aufgewachsen. Weitere Studien zeigen, dass fast die Hälfte der Teenager in den USA und fast zwei Drittel der Generation Z im Vereinigtes Königreich der Meinung sind, die sozialen Medien würden ihnen schaden.
Für Turner ist der Weg nach vorn klar. "Unsere Aufmerksamkeit sollte der Politik gelten, nicht den Maschinen", sagt er. "Wir müssen darüber nachdenken, was diese Maschinen für das Gemeinwohl leisten sollen. Genau das haben die Vertreter der Gegenkultur versäumt, und genau das müssen wir jetzt tun."
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.