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Warum Plastikverbote nicht wirken - und was sich ändern muss

1. Januar 2026

Vor vier Jahren hat Deutschland dünne Plastiktüten aus dem Verkehr gezogen, in der EU ist Einwegplastik fast komplett verboten. Warum gibt es die Tüten immer noch in Imbissen, Geschäften und als Müll?

Zwei halbvolle To Go Becher aus Plastik
Warum ist immer noch so viel Plastik auf den Straßen?Bild: Frank Hoermann/SVEN SIMON/picture alliance

Sie sind wie der toxische Ex, den man einfach nicht los wird: Noch immer tauchen Plastikstrohhalme, Plastikbesteck und Styroporboxen überall auf, obwohl die EU bereits 2021 mit ihnen Schluss gemacht hat – zumindest auf dem Papier.

Das Verbot kam nach einer Untersuchung des Mülls, der an Europas Küsten landete. Rund 85 Prozent davon war Plastik, das schädliche Chemikalien und winzige Partikel freisetzen kann. Wenn sie in die Umwelt und den menschlichen Körper gelangen, gefährdet das die Gesundheit und erhöht das Risiko für Krebs und Unfruchtbarkeit.

Knapp 40 Prozent davon waren Einwegplastik wie Strohhalme, Take-away-Boxen aus Styropor, Plastik-Besteck oder Teller. Die Idee der EU: Einfach die schlimmsten Übeltäter verbieten und das Problem verschwindet.

Doch die Realität sieht anders aus. Tests der Deutschen Umwelthilfe (DUH) aus dem Jahr 2024 haben gezeigt, dass rund 70 Prozent aller Berliner Imbisse weiter solche verbotenen Plastikartikel anbieten. Ein Bericht von fünf NGOs zeigt, dass die verbotenen Produkte in den meisten europäischen Ländern noch weit verbreitet sind.

Jedes Jahr werden weltweit mehr als 400 Millionen Tonnen Plastik produziert – das sind etwa 50 Kilogramm für jeden Menschen auf der Welt. Weil die Produktion weiter steigt und die Regulationen oft wirkungslos bleiben, warnen Forschende, dass sich das Müllproblem weiter verschärfen wird.

Plastik, soweit das Auge reicht

Aber warum ist längst verbotenes Einwegplastik noch im Umlauf? Eine Theorie dazu geht davon aus, dass Gastronomen während der Coronakrise, als die Außer-Haus-Bestellungen rasant anstiegen, zu viel Plastikverpackungen bestellt haben und nun Restbestände abgeben.

Aber Expertinnen wie Britta Schautz von der Verbraucherzentrale Berlin sind nicht überzeugt.

"Das Verbot ist 2021 in Kraft getreten", sagt Schautz. "Da müsste ich ja einen riesigen Lagerraum haben, den hat niemand. Das heißt, diese Restbestände dürften eigentlich gar nicht mehr da sein. Gerade Styroporverpackungen werden auch irgendwann porös, die halten gar nicht so lange."

Für wahrscheinlicher hält sie, dass die Restaurants und Verkäufer das Verbot einfach nicht einhalten. Für viele Unternehmen bedeutet es höhere Kosten, auf Alternativen wie Pappgabeln und Aluminiumcontainer umzusteigen.

"Eine Katastrophe!", beschwert sich ein Restaurantbesitzer gegenüber der DW. "Wir bekommen nicht die richtigen Pappteller und es ist teuer." Ein anderer vermisst die alten Plastikstrohhalme, die er früher an die Kunden verteilte. 

Einwegplastik: Verboten, aber allgegenwärtig

10:33

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Fehlende Kontrollen untergraben das Verbot

Heute wäre das riskant – zumindest in der Theorie. In Deutschland ist das eine Ordnungswidrigkeit, bei der bis zu 100.000 Euro Bußgeld drohen.

Aber es gebe praktisch keine Kontrollen, sagt Schautz. Auf Nachfrage der DW in den Behörden der fünf größten deutschen Städte – Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Köln – berichtete keine einzige Behörde von verhängten Bußgeldern. Die meisten gaben an, sie reagieren nur auf Beschwerden oder führen stichprobenartig Kontrollen durch – wenn überhaupt.

Konsequentere Strafen und eine bessere Kommunikation des Verbots wären eine wirksamere Abschreckung, sagt Thomas Fischer, der bei der Deutschen Umwelthilfe den Bereich Kreislaufwirtschaft leitet. Er vergleicht den Effekt mit Schwarzfahren im öffentlichen Nahverkehr: Wenn Menschen das Gefühl hätten, dass Verstöße tatsächlich geahndet werden, würden sie sich eher an die Regeln halten, so Fischer.

Plastikmüll-Skulptur in Nairobi: In Kenia sind Plastiktüten seit 2017 verboten, es wird mit Strafen durchgegriffenBild: Brian Inganga/AP/picture alliance

Andere Länder greifen härter durch. So sind beispielsweise in Kenia Plastiktüten seit 2017 verboten. Auf Produktion, Import und Verwendung steht dort eine Strafe von bis zu 4 Millionen kenianischen Schilling – rund 40.000 Euro – und bis zu vier Jahren Gefängnis. Anders als in Deutschland ist das keine leere Drohung: Zwei Jahre nach Inkrafttreten des Verbots hatten die Behörden bereits mehrere hundert Festnahmen und Strafverfahren registriert.

Die Schlupflöcher des Verbots

Eine weitere Schwachstelle in der Gesetzgebung: der Onlinehandel. Auf Plattformen wie Temu, eBay und Fruugo ist Einwegplastikgeschirr leicht zu finden.

"Es ist ganz einfach, aus Ländern außerhalb der EU zu bestellen," sagt Schautz. "Und die [dortigen Hersteller] müssen sich natürlich nicht an europäische Gesetzgebungen halten, wenn sie solche Dinge herstellen."

Doch auch innerhalb der EU nutzen Hersteller Gesetzeslücken. Manche umgehen die Beschränkungen, indem sie etwas dickeres Einwegbesteck produzieren und es als "Mehrweg" kennzeichnen, erklärt Schautz anhand einer so beschrifteten Plastikgabel.

"Wenn jetzt aber diese Gabel gar nicht wiederverwendet oder gespült wird, sondern direkt im Müll landet, dann ist es eine klare, vorsätzliche Umgehung dieses Gesetzes. Ich müsste als Gastronom darauf hinweisen: bitte gib sie mir zurück," sagt Schautz.

Wie Indonesien mit importiertem Plastikmüll ringt

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Durch diese Gesetzeslücke habe man den Plastikverbrauch in einigen Fällen sogar erhöht, sagt Nathalie Gontard vom französischen Nationalen Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt. Sie erinnert sich daran, wie Unternehmen sie während der Ausarbeitung der EU-Verbote um Rat baten. "Später kamen sie zurück und sagten: 'Tut uns leid, aber wir brauchen keine Hilfe mehr. Wir stellen einfach dickere Produkte her.'"

Sehr unterschiedliche Plastikverbote weltweit

Weltweit haben mehr als 90 Länder Plastikverbote eingeführt. Aber die Regeln unterscheiden sich von Land zu Land stark und betreffen jeweils andere Produkte. Das System ist so uneinheitlich, dass es wenig dabei hilft, Plastikmüll zu reduzieren, sagen Experten.

In Deutschland beispielsweise sind nur Plastiktüten mit einer Wandstärke zwischen 15 und 50 Mikrometern komplett verboten. Trotzdem machten 2022 genau die 90 Prozent der ausgegebenen Tüten aus – das zeigt, dass viele das Verbot offenbar nicht verstehen.

Selbst in Kenia hat der Erfolg inzwischen nachgelassen. Zwar sind laut Beobachtern die Straßen in großen Städten wie Nairobi inzwischen sauberer, aber es kommen immer mehr Plastiktüten aus Nachbarländern, wo sie nicht verboten sind.

Zwar wurde Einwegplastik in Lagos verboten, aber Bewohner sagen dies sei weitgehend ineffektivBild: Benson Ibeabuchi/AFP

Eine Studie aus den USA von 2025 zeigt: vor allem großflächige oder landesweite Verbote sind am erfolgreichsten. Doch einige US- Bundesstaaten haben jegliche Gesetzgebung zu Plastik verboten.

"Wir können das Problem nicht auf nationaler Ebene lösen," sagt Ximena Banegas vom Zentrum für Internationales Umweltrecht. "Es hat nur begrenzte Wirkung, ein Produkt im einen Land zu verbieten, wenn es weiterhin anderswo produziert wird."

Experten fordern Obergrenze für Plastikherstellung

Neben weltweiten Verboten plädiert Banegas auch dafür, die Produktion von Plastik zu deckeln – ein Vorschlag, der zuletzt im August 2025 bei den gescheiterten UN-Verhandlungen über ein Plastikabkommen diskutiert wurde.

Eine von den Ölstaaten Iran, Saudi-Arabien, China und Russland angeführte Interessengruppe wollte die Gesetzgebung auf nationale Ebene beschränken und nur die Abfallwirtschaft ausbauen. Die Gegenseite, angeführt von Norwegen, Ruanda, Kanada und 72 weiteren Ländern, drängte auf umfassendere Verbote sowie eine weltweite Produktionsobergrenze. Eine Einigung auf UN-Ebene kam nicht zustande, weil der Widerstand der Ölstaaten zu groß war. Rund 98 Prozent aller Kunststoffe werden aus fossilen Brennstoffen hergestellt.

Nathalie Gontard hält strengere Regeln für längst überfällig. "Wir müssen sofort anfangen", sagte sie gegenüber DW. "Selbst wenn wir unseren Plastikverbrauch in den nächsten zehn Jahren nur um 10 Prozent reduzieren, wäre das schon ein Erfolg."

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert. 

Katharina Schantz Multimedia-Journalistin der Deutschen Welle mit Expertise in Klima- und Umweltberichterstattung
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